Ingolstadt: Die Reise seines Lebens
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Ingolstadt

Peter Bachschuster, Ingolstädter Architekt und Enkel der Rennsportlegende, hat jetzt an die wohl weiteste und ungewöhnlichste Reise Ewald Kluges erinnert. Bachschuster ist seit Jahren bemüht, das Andenken an seinen berühmten Großvater wachzuhalten - gerade auch in Ingolstadt, denn der Name der Stadt wurde nicht erst in den letzten Jahrzehnten durch Audi, sondern durch Kluges Rennerfolge schon in den Nachkriegsjahren in alle Welt getragen.

1937 allerdings (und noch bis Kriegsende) war das sächsische Zschopau Sitz der DKW-Werke, deren Motorräder sich nicht zuletzt durch Kluges Siegeszug über alle namhaften (zunächst deutschen, später europäischen) Rennstrecken immer besser verkauften. Schließlich waren sie seinerzeit für viele junge Männer die einzig erschwingliche Art motorisierter Fortbewegung. An Autos war meistens überhaupt nicht zu denken. Die Rennerfolge brachten DKW auch Aufwind im internationalen Motorradgeschäft, das seinerzeit von britischen Marken beherrscht wurde. Dass die sächsischen Zweitaktexperten sich mit Kluges Expedition ausgerechnet im britischen Empire in Szene setzen wollten, zeugt von unternehmerischem Mut und bedeutete eine marketingtechnische Volte. Das Unterfangen sollte durchaus belohnt werden.

Im Herbst 1937, vor nunmehr 80 Jahren also, wurde die Weltreise angetreten: Von Antwerpen aus stach der gecharterte Frachter, der natürlich auch Waren nach Australien zu bringen hatte, im November in See - an Bord gleich zwei Rennmaschinen vom Typ ULD 250. Werksfahrer Kluge wurde begleitet von seiner Ehefrau Erni und DKW-Rennmonteurmeister Karl Wagner. Kluges kleine Tochter Renate, später Peter Bachschusters Mutter und inzwischen verstorben, war über die Herbst- und Wintermonate in Obhut der Großeltern.

Dass der Vater nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch bei der Überfahrt Risikobereitschaft gezeigt hat, berichtet heute noch Renates jüngerer Bruder Peter, der mit inzwischen 74 Jahren in Karlskron lebt: Gelegentlich sei früher im Familienkreis die Geschichte erzählt worden, wie Ewald Kluge bei einem aufziehenden Sturm mitten auf dem Ozean hoch in einem Masten des Frachters gesessen und das Wechselspiel von Wind und Wellen beobachtet haben soll. Erst kurz vorm Wolkenbruch, so berichtet der Sohn, soll Kluge wieder zurück unter Deck gewesen sein . . .

In Australien machte das deutsche Motorrad-Ass dem Ruf, der ihm vorauseilte, alle Ehre. Schon das erste Rennen am 27. Dezember in Ballarat (nordwestlich von Melbourne), die dortige Tourist Trophy (TT), entschied Kluge, damals 28 Jahre alt, für sich. Drei weitere Siege, darunter am 30. Januar 1938 beim damals bedeutendsten australischen Rennen, dem Großen Preis von Phillip Island, sollten folgen.

Als die kleine Equipe aus Zschopau im Frühjahr 1938 über Ceylon (heute Sri Lanka) und Indien und dann durch den Suezkanal und durchs Mittelmeer nach Europa zurückkehrte, konnte auch von einem geglückten Werbefeldzug gesprochen werden: Auch der Absatz von Zweitakt-Pkw der Auto Union aus Zwickau nach Australien wurde angekurbelt; bis Kriegsausbruch lieferten die Sachsen auch Chassis nach "Down Under", wo australische Firmen die Karosseriefertigung übernahmen.

Ewald Kluges größter sportlicher Erfolg stand ihm nach der Australien-Expedition ja noch bevor: Im Juni 1938 gewann er auf einer ULD 250 als erster Deutscher überhaupt die schon damals legendäre Tourist Trophy auf der Isle of Man - das bis heute schwierigste Motorradrennen der Welt. Ein Sieg, der ihn "unsterblich" machte.