Ingolstadt: Aufgebrachte Stimmung
"Unsere Kinder sind in Gefahr!" So und ähnlich lauteten die Parolen bei der Kundgebung auf dem Ingolstädter Rathausplatz.
Brandl
Ingolstadt

Hier versammelten sich gestern Nachmittag auf dem Rathausplatz rund 500 in Ingolstadt und der Region lebende Russischstämmige zu einer Protestkundgebung. Die Stimmung war aufgebracht, in den Reden, die größtenteils auf Russisch gehalten wurden, ging es emotional zur Sache. Einige Demonstranten hatten Plakate mit Parolen wie "Unsere Kinder sind in Gefahr" und "Lisa, wir sind mit dir" mitgebracht. "Wir fühlen uns unsicher, trauen uns nachts nicht mehr raus", sagte eine Frau am Rande der nach Polizeiaussage nicht angemeldeten Versammlung. Die Beamten zeigten entsprechend Präsenz und begleiteten die Veranstaltung mit einem Großaufgebot an Einsatzkräften.

Der Protest verfehlte seine Wirkung offensichtlich auch bei Passanten nicht. "Die haben schon recht", sagte ein Ingolstädter, der zufällig vorbeikam. "Wir wollen wissen, was mit Lisa wirklich passiert ist", sagte Mitdemonstrantin Svetlana Schkil und beteuerte, man sei in Frieden gekommen. Unverständnis äußerte sie darüber, dass so viele junge Männer unter den Flüchtlingen seien und offenbar kaum Kinder und Familien. Ihnen würde man gerne helfen, so Schkil. Statt dessen müsse man im Fernsehen mit ansehen, wie diese in Syrien verhungern.

Vertreter der Demonstranten, die aus Ingolstadt und der Umgebung - darunter Schrobenhausen und Neuburg - sowie aus München gekommen waren, wollen heute gesammelte Unterschriften im Rathaus vorlegen. Damit wolle man der Forderung Nachdruck verleihen, in Ingolstadt keine weiteren Flüchtlingsunterkünfte einzurichten, hieß es.

In Berlin demonstrierten gestern rund 700 Menschen vor dem Kanzleramt in Berlin wegen der angeblichen Vergewaltigung - die es laut Polizei aber gar nicht gab. Das russische Staatsfernsehen hatte berichtet, das am 11. Januar kurz als vermisst gemeldete 13-jährige russlanddeutsche Mädchen aus Berlin-Marzahn sei von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden. Im Internet schlug der Fall hohe Wellen, vor allem Seiten in russischer Sprache. Und es nützte nichts, dass die Berliner Polizei über Tage geduldig klarstellte: "Fakt ist - nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung."

Moskauer Medien berichten viel über Deutschlands Probleme mit den Flüchtlingen, erst recht seit den Übergriffen von Köln in der Silvesternacht. Auf der Webseite des russischen Privatsenders REN TV sind Artikel zu Köln unter süffisanten Schlagworten wie "Sex-Migranten" oder "Gast-Sexuelle" zu finden. In einen Beitrag über die Silvesternacht wurden vermutlich Bilder geschnitten, die Übergriffe bei Demonstrationen in Kairo 2011 zeigen.

Vor allem die großen Fernsehsender beeinflussen nicht nur das Publikum in Russland. Sie werden auch von vielen der etwa 2,3 Millionen Menschen in Deutschland gesehen, deren Wurzeln in der früheren Sowjetunion liegen.

Manche Berichte sind falsch, andere aufgebauscht. Doch die propagandistische Botschaft ist klar: Europa ist schwach, ein unsicherer Ort, überrannt von Fremden. Verglichen damit scheint Russland unter Präsident Wladimir Putin glänzend dazustehen - auch wenn der Rubel abstürzt, die Einkommen sinken und das Land Krieg führt in Syrien und verdeckt in der Ukraine.