Gestellte Unfallszene: Rosemarie Braunhardt (r.) vom Kriseninterventionsdienst betreut einen Motorradfahrer unter Schock. - Foto: oh
"Um 2.30 Uhr reißt mich das KID-Handy aus dem Schlaf. Bei dem Telefonat erfahre ich, dass der kommende Einsatz eine Todesnachrichtüberbringung ist. Was ist passiert? Der 19-jährige Robert war mit seinem Auto und drei Freunden von einer Fete auf dem Heimweg. In einer Kurve kam der Wagen ins Schleudern und prallte mit der Fahrerseite gegen einen Baum. Robert war sofort tot. Seine drei Freunde wurden im Fahrzeug eingeklemmt und konnten erst nach zirka einer Stunde schwer verletzt aus dem völlig demolierten Auto von der Feuerwehr geborgen werden.

Unnatürlich still

Der Polizeibeamte, mein Kollege und ich machen uns auf den Weg zu Roberts Eltern. Wir stehen mitten in der Nacht vor dem Einfamilienhaus. Der Polizist läutet, und es dauert nicht lange, bis ein Mann öffnet. Es ist Roberts Vater. Der Polizist stellt sich und uns vor und bittet darum, eintreten zu dürfen. Der Vater von Robert ruft laut nach seiner Frau, zu uns gewandt sagt er: "Das bedeutet nichts Gutes." Der Polizeibeamte berichtet sachlich von dem Unfall, und dass Robert ihn nicht überlebt hat. Für eine kurze Zeit ist es unnatürlich still im Raum. Der Vater steht plötzlich auf, läuft aus dem Zimmer in den Flur. Er hämmert mit den Fäusten gegen die Wand und schreit immer wieder: "Nein, doch nicht Robert, nein, nein."

Nicht wahrhaben

Roberts Mutter klammert sich fast schmerzhaft an mich und fragt mich ganz ruhig, in welchem Krankenhaus Robert denn liege, sie müsse ihm Waschzeug und einen Schlafanzug bringen und natürlich auch Hausschuhe. Sie will es nicht wahrhaben, dass Robert tot ist. Ihr Mann kommt zurück und sagt ihr sehr laut und bestimmt, dass Robert keinen Schlafanzug mehr braucht, nie mehr wieder.

Der Polizist verabschiedet sich und man merkt ihm an, dass er froh ist, dass er sich zurückziehen kann. Plötzlich erfüllen tiefe Trauer, Angst, Aggression und fast Panik den Raum. Ganz langsam geht die Wohnzimmertüre auf und Roberts 13-jährige Schwester kommt ganz schlaftrunken herein. Sie ist von dem Lärm aufgewacht. Sie schreit und weint, klammert sich an die Mutter, wird von ihr gar nicht wahrgenommen. Mein Kollege kümmert sich um das Mädchen. Er verwickelt sie in ein Gespräch über Robert, und schon bald hört man sie von Robert erzählen, wie er sie oft geneckt aber auch genervt hat

Die Eltern rufen die nächsten Verwandten und ihre Freunde an. Es ist jetzt sechs Uhr morgens. Wir werden um Rat gefragt. Wo ist die Unfallstelle genau – wo ist Robert jetzt? Die Eltern wollen ihn sehen. Wir telefonieren mit der Polizei und dem Bestatter und erfahren, dass sich die Angehörigen in etwa zwei Stunden von Robert verabschieden können.

Als es hell wird, sehe ich vom Wohnzimmerfenster aus mehrere Jugendliche in der Garagenauffahrt auf dem Boden sitzen. Keiner sagt ein Wort. Es werden immer mehr. Ich gehe zu den Freunden vor das Haus. Einige weinen, die Verzweiflung und die Trauer sind greifbar zu spüren.

Trauerfeier an Unfallstelle

Einer kommt auf mich zu und fragt mich: "Was können wir denn jetzt tun" Ich rate ihm, alle Freunde zu einer selbst gestalteten Trauerfeier an die Unfallstelle zu bitten, Kerzen und Blumen mitzunehmen, sich an den Händen fassen, um gemeinsam zu trauern. Auf die Bitte der Freunde alarmiere ich eine KID-Kollegin nach, die sich an der Unfallstelle mit ihnen trifft.

In der Zwischenzeit bereiten wir die Familie darauf vor, von Robert Abschied zu nehmen. Wir fahren alle zum Friedhof. Ich gehe erst allein zu Robert. Der Bestatter hat ihn gewaschen, die Verletzungen am Kopf sind fast nicht mehr sichtbar. Er hat die Augen geschlossen und ist bis auf den Kopf mit einer Decke zugedeckt. Ich lege seine Hände auf seinen Bauch.

Den Tod begreifen

Hand in Hand gehen die Eltern und die Schwester zu Robert. Ich erkläre ihnen leise, dass ich im Hintergrund bleibe, aber da bin, wenn sie mich brauchen. Es fällt wieder der mir schon so bekannte Satz: "Er liegt da, als wenn er schlafen würde." Die Angehörigen streicheln den Toten, sprechen mit ihm. Wir wissen, wie wichtig diese letzte gemeinsame Zeit mit Robert ist. Die Hinterbliebenen müssen den Tod begreifen, im wahrsten Sinne des Wortes, greifen – anfassen. Nach und nach kommen immer mehr Angehörige und Freunde, um sich von Robert zu verabschieden.

Ich will und kann den unsagbaren Schmerz der Eltern nicht beschreiben. Aus unserem KID-Koffer nehme ich zwei Kerzen und bitte den Vater, sie anzuzünden. Gemeinsam beten wir. Wir finden die Familie in sich geschlossen und aufgefangen vor und kündigen unsere Verabschiedung an. Auch mir stehen Tränen in den Augen, als mich die Mutter umarmt, der Vater drückt mir fest die Hand und bedankt sich. Ich habe gelernt, dass ich dieses Leid und den Schmerz hier in der Familie lassen muss und nicht mit nach Hause nehmen darf. Manchmal ist das richtig schwer. Nach solchen Einsätzen hat jeder von uns Kriseninterventionsberater seine eigenen Mechanismen und Rituale, um wieder in den Alltag eintauchen zu können. Ich zum Beispiel ziehe meine Einsatzjacke ganz bewusst langsam aus, hänge sie auf einen Bügel und drehe sie mit dem Reißverschluss an die Wand.