0l-Schick (2), Hauser, 01.09.2016
Rückblende: Wolfgang Schick, Geschäftsführer der Ingolstädter Altstadtkinos, an dem Philips FP 56-Projektor, der noch heute im Union-Kino an analoge Zeiten erinnert. Bis zur Digitalisierung der Filmtechnik waren solche Geräte über Jahrzehnte im Einsatz. In der Hand hat Schick eine der Festplatten, von denen heute Kinofilme abgespielt werden.
Hauser
Zwei findige Berliner waren weltweit die Ersten, die im Jahr 1895 Filme vorführten und dafür Geld von ihrem Publikum verlangt haben. Viel hat sich seitdem verändert. Die Digitalisierung der vergangenen Jahre ist dabei nur eine technische Revolution, die beim Filmdreh und der -vorführung in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen worden ist. Wolfgang Schick, der Geschäftsführer der Ingolstädter Altstadtkinos, ist davon überzeugt, dass es weitere technische Veränderungen geben wird. Das Wesen des Kinos, die Freude am gemeinsamen Filmschauen, werde aber auch die modernste Technik nicht verändern können, sagt er.

Können Sie sich noch an den ersten Kinofilm erinnern, den Sie gesehen haben?

Wolfgang Schick: Ich bin 1967 geboren und kann mich gut erinnern, wie ich in den Ferien einmal bei meinen Großeltern in München war. Da habe ich mein Taschengeld genommen und mir „Ben Hur“ angeschaut, da gab es eine Retrospektive. Das war der erste Film, bei dem ich mir die Karte selbst gekauft habe. Der erste Film, den ich gesehen habe, das war Anfang der 1970er in meiner Kirchengemeinde „Das Dschungelbuch“ von Walt Disney. Das hat mich begeistert.

Sie arbeiten seit über 20 Jahren in Kinos. Was hat sich alles geändert?

Schick: Die Umrüstung von 35 Millimeter auf die ganze Digitalgeschichte, das war ein riesiger Cut – schon alleine die Kosten. Ich kann mich an die Europa Cinema Conference erinnern, wo alle Kinobetreiber Europas einmal im Jahr zusammenkommen. Das Thema wurde über acht, neun, zehn Jahre diskutiert: Wie machen wir’s? Wie finanzieren wir’s? Was ist das beste System? Das war wirklich nochmal ein Sprung wie vom Stummfilm zum Tonfilm.

Wie hat die Digitalisierung die Arbeit in den Kinos verändert?

Schick: Früher kamen die Filmrollen in 25-Kilo-Kisten im Kino an. Sie hatten sechs oder sieben Akte, die zusammengeschnitten werden mussten. Da musste man aufpassen, dass die Tonspur auf der richtigen Seite ist, und dass das Bild nicht auf dem Kopf stand. Die Teile wurden mit einem Spezialklebeband zusammengeklebt, und wenn man das nicht ordentlich gemacht hat, gab es immer so ein Knacksen. Mittwochnacht musste man die Filme wieder zusammenpacken. Es gab in ganz Deutschland fünf, sechs zentrale Einrichtungen, wo die Filme abgeholt und hingeliefert wurden. Dafür gab es noch den Beruf des Filmspediteurs, der die Kinos abgefahren ist. Und man musste die Filme fertig haben, bis der kam. Ich kann mich erinnern, teilweise bis drei Uhr nachts dagestanden zu sein. So einen Film zurückzuspulen und zu verpacken, hat im Idealfall vielleicht 20 Minuten gedauert. Es durfte halt nichts dazwischenkommen. So eine Filmspule hatte immerhin rund 6000 Meter. Also wenn wir vom Union-Kino zum Hauptbahnhof laufen, kommen wir mit der Spule einmal hin und zurück. Wenn da was verheddert...

In welcher Form bekommen Sie die Filme heute?

Schick: Im Endeffekt ist das nichts weiter als eine Festplatte. Sieht etwas bombastischer aus, aber ist das Gleiche, wie das, auf dem Sie ihre Daten sichern. Nichts weiter. Es gibt auch die Möglichkeit über Satellit. Das wird wohl die Zukunft sein, dass man das alles über das Internet macht. Aber wir sind da noch dran, in Bayern das Wlan richtig schnell zu machen. Das dauert wohl noch ein paar Jahre.

Das Union wurde 1911 als eines der ersten Häuser Deutschlands als reines Kino erbaut. Mittlerweile ist es voller Technik. Was braucht man heute alles für ein modernes Kino?

Schick: Man braucht einen sehr schnellen Computer und den entsprechenden Projektor. Und dann braucht man die Lautsprecher, damit der digitale Sound auch adäquat umgesetzt wird. Eigentlich ist es ganz simpel und dann doch so schwierig, weil man immer auf dem neuesten Stand sein will. Wie beim Computer zu Hause, da gibt’s auch alle drei, vier Jahre ein Verfallsdatum. Uns geht es da auch so. Die zweite, dritte digitale Generation ist schon am Anlaufen. Das sind aber relativ kleine Justierungen, die das Publikum so unmittelbar gar nicht mitbekommt.

Was das Publikum mitbekommen hat, war der erste Einsatz von 3D. Mittlerweile hat man den Eindruck, das geht schon wieder zurück. Stimmt das?

Schick: Absolut. Wobei das Lustige ist: 3D ist eigentlich eine ganz alte Geschichte, Das gab es schon mal in den 1950er-Jahren. Es gab also eigentlich zwei Versuche. 3D ist bei Filmen wie „Avatar“ bombastisch. Oder, wenn man den „Hobbit“ in 3D und High Frame Rate mit 60 Bildern in der Sekunde statt 24 gesehen hat. Aber 3D ist im Niedergang. Wir bieten in den Altstadtkinos im Moment alle Fassungen an. Gerade in der ersten Woche wollen die Cineasten den Film in 3D sehen, aber im Endeffekt gehen viele auf 2D zurück. Denn, warum geht man denn ins Kino? Man möchte die Story haben, man möchte die Atmosphäre spüren und das habe ich in 2D genauso. 3D wird deswegen immer mehr in den Hintergrund treten. Außer vielleicht bei Besonderheiten wie „Avatar II“ oder so .

Es hat im Kino immer wieder Techniksprünge gegeben. Vom Stumm- zum Tonfilm, von Schwarz-Weiß zur Farbe... Heute gibt es Experimente mit Geruchskino oder 4D, bei dem die Stühle wackeln. Was wird da noch kommen bis zum Kino im Jahr 2025?

Schick: Man kann sich viel vorstellen. Gerade, die virtuelle Realität im Kino einzubauen. Wobei die Frage ist, ob das dann noch das gemeinsame Kinoschauen ist, wenn die Brille plötzlich ein geschlossener Helm ist. Ich kenn’ auch das mit den Stühlen. Ich hab’ mir das in London vor ein paar Jahren angesehen. Das ist super! Wenn Sie da einen Blockbuster anschauen und hin- und hergerüttelt werden, da brauchen Sie keine Massage mehr. Aber: Mag ich mir so einen Film wie „Schweinskopf al dente“ oder „Ziemlich beste Freunde“ damit anschauen. Muss das unbedingt sein?

Und das Geruchskino?

Schick: Da gab es Versuche mit Anweisungen: „Jetzt müssen Sie sich dieses Stäbchen unter die Nase halten und jetzt das andere.“ Inzwischen ist die Technik so weit, dass man Gerüche gezielt in den Kinoraum strömen lassen kann. Wobei man sich bei manchen Szenen schon fragt, ob das wirklich so gut ist (lacht). Ich denke, für einmalige Event-Geschichten kann man so was mal machen, aber wenn man in die Zukunft schaut, glaube ich, dass das Kino, wie wir es im Moment machen, essenziell bleibt: Das gemeinsame Filmerlebnis, gemeinsam lachen und weinen. Wo gibt es das noch? Das gibt es fast nur im Kino. Ein wichtiger Punkt ist auch: Wo geht man hin, wenn man sich verliebt? Kino ist da super. Man ist relativ geschützt, aber man kann sich ins hinterste Eckchen setzen und Händchen halten. Das ist was sehr Feines, was man nicht vergessen darf.

Fürchten Sie die Konkurrenz aufwendig produzierter Fernsehserien? Kino kann kaum so erzählen. Glauben Sie, wenn Peter Jackson heute den „Herrn der Ringe“ verfilmen würde, würde er nicht eher eine zwölfstündige Fernsehserie machen als einen dreiteiligen Kinofilm?

Schick: Würde er nicht. Allein die großen Schlachten, wenn man die auf der Leinwand sieht, gibt es immer ein großes „Oh“ und „Ah“ im Publikum. Auch wenn man die beste TV-Serie „Game of Thrones“ – wir warten alle begeistert auf die nächste Staffel – hier im Kino zeigen würden, wären die Leute noch begeisterter als jetzt. Alles würde noch besser rüberkommen als zu Hause auf dem Fernseher. Das Problem ist die rechtliche Situation, sonst könnte man eine solche Staffel als Event schon mal in zehn, zwölf Stunden zeigen. Dazu das Gemeinschaftserlebnis: In Ihr Wohnzimmer kriegen sie fünf, sechs Leute rein. In ein Kino 300, mit riesengroßer Leinwand mit Superton. Das können Sie daheim nicht machen, da drehen ja die Nachbarn durch. Allein deswegen wird es Kino immer geben.

Die Digitalisierung betrifft auch das Filmemachen, nicht nur das Vorführen und Anschauen. Für Hitchcocks „Die Vögel“ kamen 1963 noch Handpuppen zum Einsatz. Mit den heutigen Sehgewohnheiten sieht das doch eher skurril aus. Bei den Dreharbeiten von „Ben Hur“ wurde 1959 der halbe Circus Maximus nachgebaut. Und heute?

Schick: Heute stehen die Schauspieler in einem Blue- oder Greenscreen mit einem Mikrofon vor der Nase und müssen einen Tennisball anspielen. Das ist nicht mehr so schön. Aber die Spezialeffekte hinterher sind schon beeindruckend. Denken Sie an den Gollum aus dem „Herrn der Ringe“. Da ist viel passiert. Auch durch die digitale Kameratechnik, was Fahrten und so Rundherum-Geschichten betrifft. Nichtsdestotrotz sind „Die Vögel“ nach wie vor ein faszinierender, toller Film. Er zieht rein. Und klar, man sieht, das ist nicht ganz so perfekt wie heute, aber die Geschichte ist toll, kombiniert mit den guten Darstellern. Da kommen wir zum Punkt: Was hilft mir die modernste Technik, wenn die Story einfach völliger Schmarrn ist und die Leute nicht gepackt werden?

Ein letzter Blick in die Zukunft: Wann wird es im Ingolstädter Cinema die versprochene Gastronomie geben?

Schick: Wir hatten mit dem Start der Altstadtkinos 2012 einen Fünf-Jahres-Plan. Zunächst wollten wir die Kinos zum Laufen bringen. Das ist uns sehr gut gelungen. Jetzt müssen wir noch Feinheiten machen. Es fehlen noch ein paar Filmreihen, Fremdsprachenkino wollen wir ausbauen, vielleicht noch ein bisschen Retrospektive, das würde mir am Herzen liegen. Aber das muss vorbereitet werden, mit einem Rahmenprogramm, eventuell Einführung und so. Aber: Gastronomie wollen wir machen. Absolut. Damit sind wir auch angetreten. Es muss halt was Gescheites sein. Im Moment haben wir dafür einfach nicht die Kapazitäten.

Unsere Serie heißt „Bayern 2025“. Wird es im Jahr 2025 eine Gastronomie im Cinema geben?

Schick: 100-prozentig. Und wenn ich mich selber reinstellen muss.

Das Gespräch führte Johannes Hauser.