Roth: Moderne trifft historischen Prunk
Gegensätze, die passen: Franz Weidingers Figuren in Kleinstform im großen Prunksaal des Schlosses. - Foto: Schrenk
Roth

Gemeinsam ließ man sich zum Auftakt von vier jungen Flötistinnen des Rother Stadtorchesters einstimmen, bevor Roths stellvertretender Bürgermeister Hans Raithel (SPD) die acht Protagonisten der Ausstellung vorstellte.

Nach einer weiteren musikalischen Einlage - dieses Mal "Summertime" von George Gershwin in streckenweise eigenwilliger Interpretation - nahm Museumsleiter Guido Schmid die Zuhörer mit auf einen virtuellen Rundgang durch die von den acht Künstlern und Künstlerinnen neu arrangierten Räume.

Selbstbewusst stellt Verena Reimann im "Wintergarten" der überlebensgroß posierenden Schickeria des 17. Jahrhunderts die mythologisch anmutenden Figuren ihrer "Hirschkuhfrau" oder ihres "Wolfsjungen" entgegen, beides aus weißem Kalkstein und zum Teil vergoldet. Dazu gesellen sich unmaskierte Köpfe als Flachskulpturen, wie "Der Vierte". Die Georgensgmünder Künstlerin stellt hier dem barocken Imponiergehabe eine reinweiße, fast schon monolithisch wirkende Figürlichkeit gegenüber.

Der Schweinfurter Künstler Selcuk Dizlek lässt im "Barockzimmer" drei seiner "UFOs" landen, farblose Betonkugeln, die auf dem Parkettboden verstreut herumliegen - als wären sie aus den barocken Bildern herausgefallen. Metallene Vierkantstäbe verleihen ihnen Mobilität. Doch der Künstler überlässt sie nicht dem freien Spiel. Die Kunst wird hier raumgreifend, die UFOs dienen als Wegweiser, und die Besucher der Ausstellung mögen ihnen doch bitte in das nächste Zimmer folgen, wo Dizlek weitere Exponate mit der nüchternen Kulisse eines leer geräumten Raumes konfrontiert. Dizlek gestaltet die vier Wände mit kreisrunden Objekten, fließenden Formen, grellen Farben und verblüffenden Schattenspielen.

Im eher nüchtern wirkenden "Kaminzimmer" hat sich der Ansbacher Fotokünstler Frank Gerald Hegewald die Frage gestellt: Wo bin ich hier eigentlich? Was hat es mit diesem "Ratibor" auf sich? Klingt irgendwie schlesisch und erinnert ihn an Flucht und Vertreibung, auch an die schweren Zeiten für seine Familie. Aus diversen Vorlagen schuf er Fotokompositionen, die Kriegserinnerungen und Fluchtgeschichten der Eltern weitertragen sollen.

Äußerst beeindruckt zeigen sich die Besucher von dem Arrangement in der "Galerie", die der Industrielle Wilhelm von Stieber im Jahre 1912 für die Präsentation seiner privaten Kunstsammlung im Stil des Historismus einrichten ließ. In der aktuellen Ausstellung fungiert sie wieder als Galerie, und zwar für die geometrischen Konstruktionen der Büchenbacher Künstlerin Erika Goldbrich und die abstrakten Acrylgemälde von Anna-Luise Oechsler aus dem oberpfälzischen Neumarkt. Während das warme Rot in Goldbrichs Bildern stimmig mit den goldrot schimmernden Textiltapeten des historischen Galerieraums harmoniert, scheinen die überdimensional bemessenen und mit kunstvoll gefertigten Säulenständern eingerahmten Stellwände Stiebers wie geschaffen zu sein für die in Rot und Blau erstrahlenden abstrakten Gemälden von Oechsler. In ihren Werken beschäftigt sie sich mit dem "Werden und Vergehen", und so verwandelt sich die abbröckelnde blaue Farbe einer Hauswand zu einem beeindruckenden Bild, das man beim schnellen Hinsehen mit der Hauswand selbst verwechseln könnte. So plastisch wirkt die mit Farbpigmenten, Stein- und Staubpartikeln und Erde gearbeitete, dreidimensional wirkende Oberfläche.

Man mag es als den Höhepunkt der Ausstellung betrachten oder nicht: Doch niemand entgeht der besonderen Faszination dieser Konfrontation der übergroßen Dimension des Prunksaals mit der Kleinstform der Holzfiguren von Franz Weidinger, dem Holzbildhauer, der ebenfalls aus Neumarkt in der Oberpfalz kommt. Weidingers Menschen sind "aus hartem Holz", wie er selbst sagt, kunstvoll und fein geschnitzt aus dem rohen Holzbalken, der wiederum zur Heimstatt für die Figuren umgeformt wird. Mensch und Behausung aus einem Werkstück, ein nicht nur optischer Kontrast zur "verschwenderisch gestalteten" Decke des Prunksaals, die im ausgehenden 16. Jahrhundert mit einem Bildprogramm aus der Mythologie der Antike reich ausgestattet wurde.

Ohne Umschweife hat sich der Nürnberger Maler Manfred Hürlimann im "Musikzimmer" mit dem vorhandenen Bildprogramm auseinandergesetzt. Aber er hat seine "Musik-Bilder" nicht nur gekonnt in den Raum eingepasst, - mehrere Bilder hat er eigens für die grün bespannten Wände in diesem Raum des Schlosses Ratibor gefertigt -, er hat sie auch an die Programmatik des historischen Wandschmucks angepasst. Mit seinem Acrylbild "Jagdbeute" (2016) schafft er unverhohlen eine Anspielung auf die Jagdleidenschaft des Markgrafen, bei dem auch die holde Weiblichkeit als erlegenswert gegolten haben soll.

An seiner Kunst kommt keiner vorbei, der die neue Ausstellung im Schloss Ratibor besuchen will: Knapp drei Meter ragen die beiden Stühle von Thomas Volkmar Held (Tevauha) in den vierfach eingerahmten Himmel des Schlossinnenhofs, so als wollten sie der hier alles beherrschenden Renaissancekunst entgegenrufen: Was ist denn das Nützlichere an uns beiden, eure gekünstelte Metaphorik oder unsere Bestimmtheit, dem Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich bequem und entspannt niederzulassen? Tevauha sorgt in dieser Ausstellung für die heiteren Ach-Momente, für die Schmunzler angesichts der Stelen aus kunstvoll aufgestapelten Haushalts- und Küchenutensilien, die, so Guido Schmidt, "den Aufstand der Dinge" verkörpern. Besonders beeindruckt er mit seiner Kunst im reich geschmückten Speisesaal, wo auch die Besucher der Vernissage zur Ausstellung "passend gemacht" mit Köstlichkeiten aus der Küche des Hauses verwöhnt wurden.

Die Ausstellung in den Räumen des Schlosses Ratibor in Roth ist noch bis zum 27. August zu sehen. Geöffnet ist sie jeweils von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.