"Vercheckt" ihre toten Liebhaber – natürlich nur rein lyrisch – bei eBay: Melanie Arzenheimer.
Die Frage im Voraus, ob sie schon ein bisschen wacklige Knie habe, beantwortet Arzenheimer mit einem Lächeln und mit einem "Nö, die wackeln nicht. Ins Mikro sprechen kann ich ja von Berufs wegen". Schließlich ist sie nicht nur Lyrikerin, Theatertexterin und Chefredakteurin des Ingolstädter Espresso-Magazins, sondern auch Radiomoderatorin bei der Sendergruppe Radio IN.

Arzenheimer setzt sich an den Tisch einer "kleinen Eichstätter Unterstützungstruppe", die nach Hochstadt, einem Dörfchen in der Nähe des Starnberger Sees, gereist ist, und erzählt von den Hintergründen des Lyrikpreises. Vor einigen Monaten hatte der in Dichterkreisen deutschlandweit angesehene Anton G. Leitner Verlag angefragt, ob sie bei einem Gedichtworkshop teilnehmen möchte. Dessen Höhepunkt sei ein abendfüllender Lyrikwettbewerb.

Die Stunden vor Beginn des Wettbewerbs nutzten alle Dichter, um gegenseitig ihre Gedichte zu besprechen, zu analysieren, zu verbessern und richtiges Betonen zu üben. Leiter dieses Workshops war, neben Anton G. Leitner selbst, der Hamburger Schriftsteller Matthias Politycki, der zu den renommiertesten deutschen Autoren der Gegenwart gezählt wird.

Während Arzenheimer erzählt, wird langsam der Saal verdunkelt und die kleine Bühne hell erleuchtet. Nun fällt auch zum ersten Mal der Siegerpokal ins Auge, eine Art Glasvase mit einem eingravierten, verträumt schauenden Stier. "Da könnte man gut Goldfische drin aufbewahren", meint Arzenheimer schmunzelnd und gesellt sich zu den anderen Dichtern, die bereits gespannt seitlich neben der Bühne warten. Nun sind auch die überdimensionalen Gedichte in rotes Licht gehüllt, die überall an den Wänden des gemütlichen Gasthofsaals angebracht sind.

Lyrik als großer Gewinner

Felicitas Leitner, Ehefrau des Veranstalters und Moderatorin des Abend, betritt die Bühne und weist bestimmt darauf hin, dass an diesem Abend vor allem die ansonsten so geschmähte und unterrepräsentierte Lyrik der große Gewinner sei. Jeder der 24 Teilnehmer darf ein Gedicht zum Thema "Poesie in jeder Beziehung" vortragen. Am Ende entscheiden die Zuschauer auf Stimmzetteln nach Inhalt, Form und Vortrag, wer Träger des ersten "Hochstadter Stiers" werden soll, der als undotierter Ehrenpreis in Zukunft einmal im Jahr stattfinden wird.

Schließlich dürfen die Junglyriker in einer vorher ausgelosten Reihenfolge auf die Bühne. "Poesie in jeder Beziehung" muss allerdings eher etwas für die Damenwelt sein: 17 weibliche Teilnehmer stehen nur sieben männlichen gegenüber. Breit ist das Spektrum zum Thema "Beziehung".

Bodo Kirchner, der später als zweiter Sieger hervorgehen wird, beschreibt herrlich liebevoll, wie unvollständig er im Vergleich zu seiner Freundin ist. Konstanze Reupsch vernascht lyrisch nicht nur ihren Sonntagsbraten, sondern auch einen in Olivenöl gedippten Mann. Bei einer knapp 70-jährigen Dame geht es lyrisch zur Sache, wenn "mit eng umkoster Stellung süße Knospen" auf den "Hügeln ihrer Landschaft" reifen.

Als 23. und jüngste Teilnehmerin kommt schließlich Melanie Arzenheimer, nun doch mit ein bisschen wackeligen Knien, auf die Bühne. Sie trägt ihr Gedicht "Beziehungskiller" vor, und auch hier geht es, wenn auch kurz und knapp und in ganz anderer Hinsicht, zur Sache: "Hab grad studiert / in mich gekehrt / Tom hat gestört / rumdiskutiert / Fresse poliert / ihn flugs filetiert / in Tüten gesteckt / bei eBay vercheckt / Tüte vier / ein Souvenir / kommt in die Truhe / endlich Ruhe / zwei Wochen später / da kam Peter / Er fände mich toll. / Langsam wird / die Truhe voll."

Das kommt an, und Melanie Arzenheimer erntet sowohl die größten Lacher des Abends als auch begeisterten Applaus – und nach der Auszählung der Stimmen auch den Sieg. Sie ist die eindeutige und überglückliche Gewinnerin des ersten "Hochstadter Stiers", der ihr von Matthias Politycki überreicht wird. "Natürlich habe ich gehofft zu gewinnen", sagt die strahlende Arzenheimer, die die Woche davor noch mit Fieber im Bett lag, "aber dass es wirklich klappt, hätte ich nicht gedacht."

Mit Trophäe und Urkunde verabschiedet sie sich zur dichterinternen Nachbereitung, allerdings nicht ohne einen für sie so typischen ironischen Seitenhieb: "Der Pokal kriegt sicherlich einen Ehrenplatz bei mir daheim. Ich muss mir nur noch ein paar Goldfische kaufen."

Von Melanie Arzenheimer ist erschienen: "Die Frisuren der Lemuren" zum Preis von 12,80 beim Verlag Steinmeier Nördlingen, ISBN 978-3-939777-22-9.