Eichstätt: Zwischen Aufbruch und Neubeginn
Nach dem ersten Spielfilm des Filmfests, dem Roadmovie "Hit the Road Gunnar", berichteten Regisseur Nicolas Ehret (Mitte) und Filmemacher Chris Hirschhäuser (links), hier mit Moderator Michael Graßl, von der außergewöhnlichen Geschichte ihres Films, der in weiten Teilen an spontan ausgewählten Drehorten und vor dem Hintergrund vieler unvorhergesehener Situationen in Schweden entstand. - Foto: Kusche
Eichstätt

"Hit the Road Gunnar" stand als Spielfilm auf der Vorführliste. Vom Publikum schon mit großer Spannung erwartet erzählt dieses "Roadmovie" die Geschichte einer Reise eines höchst ungleichen Paares: Da ist einerseits der schüchterne und etwas unbeholfene Gunnar aus dem kleinen Dorf Kalbsbach - überzeugend gespielt von Julien Lickert -, der sich zögerlich zu einer Angelreise nach Italien entscheidet. Und da ist Tramperin Zoe (Odine John), die Gunnar nach einer Autopanne zu einer Schwedenreise überredet.

Es ist ein Film voller persönlicher Gegensätze, Konflikt und Anziehung, Enttäuschungen und Überraschungen, gespickt mit Eindrücken nordischer Naturschönheit und Gefühlen von Abenteuer, Freiheit und Sinnsuche. Freiheit und Unabhängigkeit - das ist das Lebensgefühl, das die forsche Zoe sich schon länger zum Lebensmotto auserkoren hat, das für Gunnar jedoch erst noch erfahrbar werden muss. Die Reise ist letztlich für beide ein Stück Lebensweg, der sie verändert zurückkehren lassen wird.

Staunend lauschten die Zuschauer nach der Vorführung Regisseur Nicolas Ehret, der eindrücklich von der Entstehungsgeschichte des Films berichtete. Das Außergewöhnliche: Der Film entstand, während die Filmemacher selbst unterwegs waren. "Der Film ist eine Kombination aus Drehbuch und dem, was das Leben und der Zufall auf unserer Reise bereithielt", sagte Ehret schmunzelnd. Dass dabei eine gelungene Mischung aus Improvisation und Inszenierung entstand, macht eben die Besonderheit des Films aus und sorgt für dessen enorme Lebendigkeit - ebenso wie die Authentizität der beiden Profischauspieler Julien Lickert und Odine John. Für seinen Schauspielerfreund Julien Lickert hat Regisseur Ehret die Rolle des Gunnar übrigens extra geschrieben; John ist auch in dem erst kürzlich bekanntgewordenen Film "Agnes" zu sehen.

Aus der Spontaneität der Drehorte und den ungewöhnlichen Drehbedingungen ergaben sich natürlich auch unvorhersehbare Situationen: "Den Dieb, der im Film Gunnars Auto stiehlt, haben wir direkt von der Straße holen können", erinnerte sich Ehret lachend. "Er hat noch einen Kumpel organisiert und am nächsten Tag standen beide zum Dreh bereit." Ehret und sein Partner, Filmemacher Chris Hirschhäuser, zeigten sich überzeugt davon, dass ihr Roadmovie durch diese Spontaneität genau den Charme gewonnen hat, von dem der Film lebt, auch wenn natürlich, wie Hirschhäuser dem Publikum auf Nachfrage berichtete, nach den Dreharbeiten noch rund zwei Jahre an dem Film gefeilt und geschnitten wurde: "Aber wir sind sehr froh darüber, wie er geworden ist, denn ob uns je nochmals wieder solch ein Film gelingen wird, das wissen wir nicht", so die beiden.

Das Publikum, so war spürbar, hätte sich nach dem gefühlvollen und berührenden Film und dem zaghaften Beginn einer romantischen Beziehung eher ein Happy End für Gunnar und Zoe denn ein offenes Ende gewünscht. Ob sich denn der Regisseur in den beiden Filmprotagonisten wiederfinde und warum er das für manch einen unbefriedigend scheinende Ende gewählt habe, so lauteten die Abschlussfragen aus den Zuschauerrängen. "Die Seele des Films ist eben diese Gefühlsspanne zwischen Aufbruch und Neuanfang, Abschied und Loslassen", so Ehret. Er selbst sei ebenfalls lange "on the road" gewesen und habe dabei dieses ambivalente Gefühl zwischen Freiheit und Veränderung erlebt, das die beiden Hauptdarsteller verkörpern: "Es sind unterschiedliche Lebensabschnitte, die auch ich erlebt habe, daher finde ich mich bei beiden Protagonisten wieder." Doch als unbefriedigend würde Ehret das Ende seines Filmes nicht bezeichnen: "Es ist ein bittersüßes Ende." Doch für den schüchternen Gunnar ist es ganz sicher ein Happy End: Seine Reise geht nun erst einmal weg vom schicksalshaften Schweden und auch vom kleinen Dorf Kalbsbach Richtung Moskau - als Tramper, der Autofahrer nun wie einst Zoe von seinem Reisewunsch überzeugt, versteht sich.