Keine Frage beschäftigt den FC Bayern aktuell mehr als die Trainerfrage. Sie überlagert sogar den Rückrunden-Auftakt heute Abend in Leverkusen (20.30 Uhr/ZDF und Eurosport), und sogar die Vertragsverlängerung der Altstars Franck Ribéry (34) und Arjen Robben (33) muss sich hinten anstellen. Wie die Lage bei Jupp Heynckes selbst aussieht, ist bislang klar: Er sieht sich selbst nur als Überbrückung bis zum Sommer 2018. Jegliche Vorstöße der Vereinsführung, allen voran von Uli Hoeneß, konterte der Coach mit dem Verweis darauf, nur einem zeitlich begrenzten Feuerwehreinsatz zugestimmt zu haben. Mittlerweile ist dieses klare Nein, zumindest unterschwellig, etwas aufgewichen, sodass eine weitere Zusammenarbeit im Bereich des Möglichen liegt.

Die Lage sollte eigentlich sonnenklar sein: Der FC Bayern hat die Augen nach einem Nachfolger aufzuhalten - jedoch ist von den Wunschkandidaten Ralph Hasenhüttl (RB Leipzig), Julian Nagelsmann (TSG 1899 Hoffenheim), Niko Kovac (Eintracht Frankfurt) und Thomas Tuchel (vereinslos), wohl nur der ehemalige Dortmunder nach der Saison zu haben. Dieser bevorzugt allerdings angeblich einen Wechsel zum FC Sevilla nach Spanien. Auch der deutsche Rekordmeister favorisiert demnach andere Fußballlehrer. Der Knackpunkt ist: Die drei übrigen Bundesliga-Coaches könnten ihren Verein jeweils im Sommer 2019 verlassen. Während bei Kovac und Hasenhüttl die Verträge auslaufen, ist im Arbeitspapier des 30-jährigen Nagelsmann eine Ausstiegsklausel über fünf Millionen Euro verankert. Es ist unwahrscheinlich, dass einer von ihnen schon früher die Freigabe erhält, um die Geschicke der Münchner zu übernehmen. Ganz davon abgesehen, will Ralph Hasenhüttl den deutschen Branchenprimus erst mit etwas mehr internationaler Erfahrung, sprich zu einem späteren Zeitpunkt übernehmen. Allerdings sind die Spiele auf europäischem Parkett auch für die anderen beiden Kandidaten als Trainer recht überschaubar. Weitere Namen, die in den Ring geworfen werden, sind Jürgen Klopp und Joachim Löw. Doch weder der Nationaltrainer noch der Liverpool-Coach liebäugeln damit, die Bayern zeitnah zu übernehmen.

An diesem Punkt kommt Jupp Heynckes ins Spiel. In den Augen vieler Experten, sowie der bayerischen Vereinsführung, ist es die beste Lösung, den gebürtigen Mönchengladbacher noch ein weiteres Jahr zu behalten. So versuchen die Klubverantwortlichen immer wieder, den Coach zum Umdenken zu bewegen. Durch Aktionen wie der Bekanntgabe der "300:0 Abstimmung" des Fanklubs "Red-White Dynamite", oder auch provokanten Aussagen in Interviews, wollen Hoeneß & Co. den öffentlichen Druck erhöhen. Aber auch intern versucht der Präsident weiterhin alles, um auf seinen langjährigen Freund und Vertrauten einzuwirken. Dass der eigentliche Rentner erneut an die Seitenlinie zurückgekehrt ist, zeigt darüber hinaus die Bereitschaft, seiner zweiten Liebe helfend unter die Arme zu greifen, zumindest temporär.

Auch sportlich könnte niemand die Rolle als Übergangslösung besser verkörpern als Heynckes. Neben den beeindruckend guten Ergebnissen (15 Siege aus 16 Spielen) seit der Amtsübernahme von Vorgänger Carlo Ancelotti, steht auch das Team geschlossen hinter dem Altmeister. Ausnahmslos jeder Spieler schwärmt von seiner Art, die Mannschaft zu führen. Selbst die teilweise aufsässigen und divenhaft agierenden Franck Ribéry und Arturo Vidal wissen sich stets angemessen zu verhalten. Anders als noch unter dem Italiener Ancelotti bleiben emotionale Entladungen sowie Frustreaktionen, beispielsweise bei Auswechslungen, weitestgehend aus. Zudem ist mit Thomas Müller eine Identifikationsfigur des Vereins, nach einigen öffentlichen Unmutsbekundungen, zufriedengestellt worden.

Anders als noch im Jahr 2013 liegt der Ball nun beim 72-Jährigen. Mit seinen Worten steigt und fällt die Wahrscheinlichkeit eines neuen Übungsleiters. Uli Hoeneß wird bis zum letzten Tag um den Verbleib des Rheinländers kämpfen. Es kann noch viel passieren. Nur eines steht fest: Eine zeitnahe Entscheidung scheint nahezu ausgeschlossen.