Ingolstadt: "Demokratie kann nicht exportiert werden"
Für Patriarch Younan ist die Abwanderung der Christen aus dem Nahen Osten eine Tragödie. - Foto: Riß
Ingolstadt

Patriarch Younan, Ihr Amtssitz liegt in Beirut. Haben die Menschen im Libanon angesichts der dauerhaft angespannten Lage im Nahen Osten Angst vor einem neuen Bürgerkrieg? Auch die Ereignisse um Ministerpräsident Saad Hariri, der gestern seinen Rücktritt offiziell zurücknahm, geben Rätsel auf.

Ignatius Joseph III. Younan: Ich bin zuversichtlich, dass dem Libanon ein Bürgerkrieg erspart bleiben wird. Wir haben schon einmal einen schrecklichen Bürgerkrieg erlebt. Das will keiner mehr. Der Rücktritt und dann der Rücktritt vom Rücktritt von Ministerpräsident Hariri war Theater. Ich denke, dass der Friede im Libanon trotz der politischen Spannungen Bestand hat. Präsident Michel Aoun ist ein sehr weiser, mutiger Mann. Es wird eine Lösung geben, ohne dass der Libanon zwischen den Sunniten Saudi-Arabiens und den Schiiten des Iran zerrieben wird.

 

Im Nachbarland Syrien schien nach sechs Jahren Krieg, 400 000 Toten und Millionen Flüchtlingen ein Frieden möglich. Doch mit der Abreise der syrischen Regierungsvertreter aus Genf vorige Woche ist wohl auch die achte UN-Verhandlungsrunde der Konfliktparteien geplatzt. Was erwarten Sie jetzt?

Younan: Die syrische Regierung erwartet, dass die Interventionen aus dem Ausland enden. Diese Einflüsse haben mit Opportunismus der mächtigen Nationen im Westen zu tun. Dieser Opportunismus will Chaos schaffen, auf diese Weise wird der Krieg in Syrien und im Irak weitergehen. Da stecken wirtschaftliche, materielle Interessen dahinter. Den syrischen Oppositionsparteien geht es nicht um Demokratie oder Freiheit. Demokratie beschränkt sich doch nicht darauf, die Menschen zum Wählen zu schicken. Man kann Demokratie nicht in Länder des Nahen Ostens exportieren. Das ist nicht möglich, das ist eine Fantasie. Ein Grund dafür ist: Es gibt keine Trennung zwischen Staat und Religion. Der Islam beeinflusst alle Aspekte des Lebens. In so einem Land kann man überhaupt nicht an Demokratie denken. Das wäre zwar wünschenswert, aber es ist nicht realistisch.

 

Ist ein Neuanfang in Syrien mit Baschar al-Assad überhaupt möglich? Kann es eine Aussöhnung zwischen Staat und Oppositionsgruppen geben?

Younan: Die Option "Assad muss gehen, und dann kann die Opposition an die Regierung", ist nicht so einfach, wie es in westlichen Medien oft dargestellt wird. Denn es gibt keine gemäßigte Opposition. Die überwiegende Mehrheit im Nahen Osten ist muslimisch. Und festzuhalten ist, dass der Nahe Osten den radikalen Vorstellungen der Terrormiliz "Islamischer Staat" offener gegenübersteht als den Grundwerten einer Demokratie.

 

Wie geht es in Syrien weiter?

Younan: Syrien hat eine legitime, von den UN anerkannte Regierung mit einem Präsidenten Assad. Baschar al-Assad war bei den Syrern durchaus geschätzt. Und das syrische Volk hat ja auch ein Recht auf sein eigenes politisches System. Es ist eine bei westlichen Politikern verbreitete Vorstellung, die syrische Regierung verteufeln zu können. Es gab viel mehr Chancen in Syrien für einen Weg zu einem zivilen Regierungssystem als im saudischen Königreich, in den Emiraten oder Scheichtümern. Mit Blick auf die Zukunft Syriens denke ich, dass mit russischer Hilfe der Krieg beendet werden kann. Und Syrien wird dann selbst eine Konstitution erarbeiten - ohne Einmischung von außen. Und ohne Beeinflussung durch die regionalen, verfeindeten Territorialmächte - da ist sehr viel Hass im Spiel. Eine stabile syrische Regierung kann in der Folge auch für Sicherheit sorgen. Bis die Menschen aber nach dem Krieg wieder im Frieden miteinander leben können, das wird viel Zeit für Versöhnung brauchen. Es gab so viele Todesopfer.

 

Menschen aus Syrien und anderen arabischen Staaten sind mit fast einem Viertel die größte Gruppe der Flüchtlinge in Deutschland. Wenn es irgendwann doch noch zu einer Friedenslösung kommt, wird dann aus der Massenflucht eine Massenrückkehr?

Younan: Massen von Flüchtlingen aus Syrien aufzunehmen war keine weise Entscheidung. Besser wäre es gewesen, mit finanzieller Unterstützung reicher arabischer Länder vorübergehend Flüchtlingszentren in arabischen Nachbarstaaten einzurichten. Die Flüchtlinge hätten keine Reise über das Mittelmeer wagen müssen. Sie wären vielmehr in Ländern geblieben, in denen Sprache, Kultur und Religion ähnlich wie in der Heimat sind. Jetzt müssen wir den Willen der Menschen, ob sie zurückkehren oder nicht, auch respektieren. Ich persönlich hoffe, dass möglichst viele Syrer wieder in ihre Heimat zurückkehren.

 

Überzeugt sind Sie nicht?

Younan: Es sind viele Familien mit ihren Kindern geflohen. Sie erleben im Westen eine bessere humanitäre Versorgung und mehr Sicherheit. Da werden sie genau abwägen, ob sie eine Rückkehr wagen.

 

Mit den großen Flüchtlingsbewegungen ist die christliche Minderheit im Nahen Osten noch weiter geschrumpft.

Younan: Mindestens zwei Drittel der Christen sind bereits aus dem Irak geflohen. In mehreren Regionen Syriens ist die Zahl der christlichen Gemeinden erheblich zurückgegangen. Wenn der Krieg weitergeht, wird es sehr kritisch für die Christen im Nahen Osten. Wenn Christen ihre Heimat wirklich verlassen, kehren sie nicht mehr zurück, weil sie als religiöse Minderheit meist schon sehr lange gelitten haben. Doch diese Flucht ist eine Tragödie für den Bestand der christlichen Gemeinden.

 

Die Fragen stellte

Angela Wermter.
 

Zur Person


Ignatius Joseph III. Younan wurde 1944 im syrischen Hassakeh geboren. In Charfet im Libanon besuchte er das Priesterseminar. Später studierte er Theologie und Philosophie am Collegio di Propaganda Fide in Rom und an der Päpstlichen Universität Urbaniana. 1971 wurde er zum Priester geweiht, anschließend war er Seelsorger, Lehrer, später auch Vize-Rektor des Priesterseminars in Charfet. Ab 1980 war er Pfarrer in der Verkündigungskathedrale in Beirut. 1986 baute Younan die syrisch-katholische Gemeinde im Großraum New York und New Jersey auf. Papst Johannes Paul II. ernannte ihn 1995 zum ersten Bischof der syrisch-katholischen Eparchie "Our Lady of Deliverance of Newark". 2009 wählte ihn die syrisch-katholische Bischofssynode in Rom zum Patriarchen. Younan spricht neben Arabisch und Syrisch (Aramäisch) auch Türkisch, Englisch, Französisch, Italienisch und hat Kenntnisse in Latein und Deutsch. Die syrisch-katholische Kirche ist seit dem 17. Jahrhundert eine mit Rom unierte katholische Ostkirche. Ihr gehören weltweit etwa 180 000 Gläubige an, vor allem im Libanon, in Syrien, im Irak und in der Diaspora. Die syrisch-katholische Kirche folgt im Gottesdienst dem westsyrischen Ritus. Liturgiesprache ist Aramäisch.