Doch wie wird die CDU-Chefin von den CSU-Delegierten empfangen? Im vergangenen Jahr fehlte Merkel, war wegen des heftigen Streits über Flüchtlingspolitik und Obergrenze anders als üblich nicht dabei. Unvergessen, wie sie 2015 nach ihrem Auftritt auf dem CSU-Parteitag in München minutenlang von Seehofer wegen des Konflikts über den Kurs in der Flüchtlingspolitik vorgeführt, regelrecht gedemütigt worden war. Dem Affront folgte ein langer, quälender Streit, der das Verhältnis bis heute belastet.

Jetzt das Zeichen für die endgültige Versöhnung in Nürnberg - die Kanzlerin in der Höhle der Löwen. Nachdem der Machtkampf der CSU-Spitze fürs Erste geklärt zu sein scheint, hat es Merkel künftig mit einer Doppelspitze zu tun. Neben Parteichef Horst Seehofer wird bei den möglichen Gesprächen über die Regierungsbildung mit der SPD auch der designierte bayerische Ministerpräsident Markus Söder mit am Verhandlungstisch Platz nehmen. Für die Kanzlerin könnte dies neue Probleme bedeuten, sollte Bayerns Noch-Finanzminister versuchen, sich mit Blick auf den Landtagswahlkampf 2018 besonders zu profilieren. Während der gescheiterten Jamaika-Sondierungen mit FDP und Grünen war besonders CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt mit Querschüssen und einer harten Haltung gegenüber den Grünen aufgefallen. Seehofer, Söder und Dobrindt - drei gegen Merkel also. Für die CDU-Chefin wird es noch schwieriger und die kleinere Schwesterpartei womöglich noch unberechenbarer.

Vor den Gesprächen mit der SPD über eine Regierungsbildung machte gestern bereits CSU-Chef Horst Seehofer deutlich, dass er nicht daran denkt, sich stärker zurückzuhalten und das Feld seinem Rivalen Söder zu überlassen. Die Pläne der SPD zum Familiennachzug lehne er ab. Er könne sich kein Ende der Aussetzung des Familiennachzuges für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus vorstellen, machte Seehofer deutlich.

Geht der Streit der Unionsparteien jetzt in die nächste Runde, oder setzen CDU und CSU auf Geschlossenheit, um ihre Position gegenüber der SPD nicht zu schwächen? Die Christsozialen und ihr neuer Hoffnungsträger Söder können im Wahljahr 2018 eigentlich kein Interesse an weiteren Auseinandersetzungen und einer erneuten Hängepartei bei der Regierungsbildung in Berlin haben. Kommt es zur Neuauflage der großen Koalition, könnte CSU-Chef Seehofer von München an den Kabinettstisch in Berlin wechseln und dort dafür sorgen, dass die CSU-Handschrift in der Regierung sichtbar wird.

Seehofer, Merkel, die CSU und die CDU - es ist eine schwierige Beziehung zwischen den Schwesterparteien und ihren Chefs. Nicht wenige Christdemokraten halten den CSU-Chef noch immer für unberechenbar. 2004 hatte er - damals noch als Gesundheitsexperte der Union - im Bundestag im Streit mit Merkel über die Kopfpauschale hingeworfen, war Hals über Kopf als Vizechef der Unionsfraktion zurückgetreten, erlebte schließlich Jahre später ein großes Comeback als Vorsitzender der CSU und bayerischer Ministerpräsident. Jetzt muss er die Macht mit Söder teilen, der ihn im Frühjahr als Regierungschef in Bayern ablösen soll.