Zu tief sind die Gräben, die der Dauerzwist der beiden Erzfeinde hinterlassen hat.

Man muss Söder nicht mögen, aber mit ihm weht künftig ein frischer Wind in der Staatskanzlei. Der Franke kann Menschen begeistern und Themen setzen. Wenngleich er seine forsche und bisweilen hochmütige Art schnell ablegen muss, will er die zerstrittene Partei wieder einen und zu alten Erfolgen führen. Es wird auch darauf ankommen, wie Söder die restlichen Schwergewichte der Partei einbindet. Joachim Herrmann, Manfred Weber und Ilse Aigner in München sowie Alexander Dobrindt in Berlin werden dem künftigen Ministerpräsidenten einen Vertrauensvorschuss geben, mit dem er behutsam umgehen sollte.

Das desaströse Ergebnis der Bundestagswahl war für Seehofer der Beginn der schleichenden Demontage durch die eigene Partei. Dieses teils würdelose, aber in der Politik durchaus verbreitete Schauspiel hat der Ingolstädter mit stoischer Ruhe und großer Cleverness ertragen. Denn zugleich hat er in Berlin bei den Jamaika-Sondierungen bereits den Grundstock für sein politisches Leben nach dem Abschied aus der Staatskanzlei gelegt.

Als starker Parteichef wird er für seine Partei in Berlin womöglich einen Ministerposten übernehmen - sollte es zu einer großen Koalition oder einer Minderheitsregierung kommen. Söder wird so ein Ministerpräsident sein, der unter verstärkter Beobachtung seines Parteichefs steht. Indes: Beide müssen liefern, sonst droht der Partei bei der Landtagswahl im kommenden Jahr ein Debakel. Die Zeit für einen echten Neubeginn wäre dann gekommen. Vielleicht feilt Seehofer aber jetzt schon im Hintergrund am Comeback von Karl Theodor zu Guttenberg. Zum Ende des Bundestagswahlkampfs hatte die CSU den gefallenen einstigen Verteidigungsminister aus dem Hut gezaubert und so auch dessen immer noch vorhandene Popularität ausgelotet. Nach dem bösen Erwachen am Wahlabend war zu Guttenberg dann schnell wieder von der Politbühne verschwunden. Vielleicht nur solange, wie Seehofer noch den Parteichef gibt.