Patient Krankenhaus Patient in Krankenhaus
Die Regierung ist gegen den Vorschlag von Gesundheitsminister Bahr, die privaten Krankenkassen für alle Bürger zu öffnen. Bahr hatte erklärt, die Versicherungspflichtgrenze abschaffen zu wollen.
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München
Herr Jox, nach einer Studie des Allensbacher Instituts ist jeder dritte Arzt schon einmal um Sterbehilfe gebeten worden. Waren Sie selbst schon einmal in dieser Lage?

Ralf J. Jox: Da habe ich einmal eine Situation erlebt. Das war eine ALS-Patientin, vor etwa sieben Jahren. Ich hatte zuerst mit beiden gesprochen, ihr selbst und ihrem Mann. Dann hat sie ihren Mann aus dem Zimmer geschickt und mich gefragt, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, ihr Leiden zu verkürzen. Wir haben die Frau auf unserer Palliativstation aufgenommen und uns um ihre körperlichen und seelischen Beschwerden gekümmert. Sie hat sich letztlich nicht das Leben genommen, sondern ist eines natürlichen Todes gestorben.

 

Sie haben also keine Sterbehilfe oder Hilfe zur Selbsttötung geleistet. Haben Sie diese Entscheidung später bereut?

Jox: Ich habe schon später oft über diese Situation nachgedacht. Aber ich habe die Patientin auf der Palliativstation auch selbst betreut. Ich hatte den Eindruck, dass sie wieder Zuversicht und Lebensmut gefunden hatte.

 

Gerade haben Sie selbst an einer Untersuchung zum Todeswunsch unter ALS-Patienten mitgearbeitet. Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste Ergebnis der Studie?

Jox: Sehr viele Patienten mit dieser Krankheit machen sich Gedanken, ob sie vorzeitig sterben wollen. Gleichzeitig ist es ein großes Tabu in der Beziehung zwischen Arzt und Patient: Mehr als die Hälfte der Befragten hat zwar mit den Angehörigen über diesen Wunsch gesprochen, aber nicht mit dem Arzt.

 

Die Rechtslage rund um die Sterbehilfe ist in Deutschland nicht gerade einfach.

Jox: Hilfe zur Selbsttötung ist nicht verboten. Aber die Stimmung in der Gesellschaft ist dagegen, und unter Medizinern wird das überwiegend nicht als ethisch angesehen, gerade auch von vielen Ärztekammern. Unstrittig ist die passive Sterbehilfe: Wenn beispielsweise das Beatmungsgerät abgeschaltet wird, weil der Patient es möchte. Aber am Beispiel von ALS-Patienten wird deutlich, dass dieser Weg nicht allen offensteht. Sie brauchen meist keine lebenserhaltenden Maßnahmen. Es gibt also Patienten, die diese Möglichkeit der – legalen – passiven Sterbehilfe weniger haben als andere.

 

Ist es für die Patienten denn relevant, ob es sich um Sterbehilfe – also der Arzt handelt – oder um Hilfe zur Selbsttötung – die Patienten müssen selbst aktiv werden und den letzten Schritt machen – handelt?

Jox: Das ist unterschiedlich. Es gibt Patienten, die sehr selbstbestimmt sind und auch ihren Tod selbst kontrollieren wollen. Die wollen einfach die Möglichkeit haben, ihr Leben selbst zu beenden. Eine Untersuchung in den USA hat gezeigt, dass ein Drittel derer, die sich ein Medikament zur Selbsttötung verschreiben lassen, es letztlich gar nicht einnehmen. Sie wollen nur sicher sein, sie könnten es, wenn sich die Lage verschlimmert. Andere Patienten wollen, dass der Arzt hilft: Sie haben Angst davor, dass es nicht klappt und sie in Schmerzen sterben. Sie erhoffen sich dann weniger Leid, weniger Schmerz.

 

In Ihrer Studie haben Sie auch andere Faktoren untersucht, die möglicherweise einen Todeswunsch beeinflussen – beispielsweise Depression, Einsamkeit.

Jox: Bei vielen hängt der Suizidwunsch tatsächlich mit solchen Faktoren zusammen. Wenn man diese Leiden behandelt, kann man eventuell auch den Todeswunsch zurückdrängen. Aber selbst wenn man diese Faktoren wegnimmt: Es bleiben immer noch Patienten, die einen Todeswunsch haben. Man macht es sich zu einfach, wenn man sagt, man müsse nur die Palliativ- und Schmerzmedizin flächendeckend umsetzen, und schon gäbe es keine Sterbewünsche mehr. Das zeigt sich ja auch bei unseren Befragten: Sie waren eigentlich in optimaler Behandlung, und trotzdem hatten welche den Wunsch zu sterben.

 

Sie haben nicht nur die Patienten befragt, sondern auch die Angehörigen um Antworten gebeten.

Jox: Das waren in der Regel die Ehepartner der Patienten. Sie bewerteten ihre Lebensqualität als genauso schlecht, wie es die Patienten taten. Etwa ein Drittel hat gesagt, sie könnten sich vorstellen, dem Kranken beim Sterben zu helfen.

 

Ihre Studie dreht sich um ALS-Patienten. Sind die Ergebnisse auch auf Menschen mit anderen Krankheiten übertragbar?

Jox: Diese Krankheit ist extrem, sie gilt als Todesurteil. Wenn man nun Patienten mit einer Krankheit befragt, die zumindest ab und zu heilbar ist, sind die Ergebnisse sicher anders. Aber wenn eine unheilbare Krankheit weit fortgeschritten ist, etwa eine Krebserkrankung, sind die Resultate wohl ähnlich. Da spielt die Todesnähe eine wichtige Rolle.

 

Mit dem Wissen aus Ihrer Studie: Was sollte sich ändern?

Jox: Die Ärzte sollten sich öffnen, damit die Wünsche nach Sterbehilfe nicht weiter tabuisiert werden. Sie sollten das Thema von sich aus ansprechen. Vor 30, 40 Jahren hat man selbst in der Psychiatrie kaum über Suizidgedanken gesprochen. Inzwischen wurde hier erkannt: Allein das Gespräch ist für die Patienten eine Entlastung. Außerdem kann man die Behandlung verbessern, wenn letztlich Depressionen oder andere Faktoren dahinter stehen. Außerdem sollte die Rechtslage geändert werden.

 

Welche Richtung sollte der Gesetzgeber denn Ihrer Meinung nach einschlagen?

Jox: Ich bin ein Verfechter der Rechtslage, wie es sie in Oregon gibt. Dort ist die Hilfe zur Selbsttötung erlaubt, aber klar und streng geregelt. Es gibt eine ganze Reihe von Bedingungen: Der Patient hat nur noch sechs Monate oder weniger zu leben; er muss geistig klar sein; er muss den Wunsch mehrfach geäußert haben; und andere Punkte. Das wahrt auch den Respekt vor Patienten, die wirklich sterben wollen. In Deutschland haben wir gerade eine Grauzone. Es gibt keine Bedingungen und keine Statistik, man weiß nicht, wie oft und in welchem Rahmen Hilfe zum Suizid geleistet wird. Klare Regeln gibt es nicht. Regeln ermöglichen einen ethisch verantwortungsvollen Umgang.