Mittwoch, 01. März 2017 |

 

02.02.2017 20:15 Uhr | x gelesen
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In der Resignation Mut zum Aufbruch


Keine „Bunkermentalität“, sondern eine mutige und moderne Verkündigung der frohen Botschaft – durch Pfarrer, die die Gläubigen begeistern und mitnehmen. So fordern es elf Priester aus dem Bistum Köln in einem offenen Brief von ihrer Kirche.


Papst Franziskus hat ein Ziel: Er will die Kirche reformieren. Dabei stößt er immer wieder auf Widerstand - aber gibt auch anderen Rückenwind, wenn sie nach Erneuerungen in der katholischen Kirche rufen. Da stehen dann auch Diskussionen um die Zukunft des Zölibats oder des Erfolgs des Zweiten Vatikanischen Konzils im Raum. Ein offener Brief von elf Geistlichen aus Köln hat das Ganze wieder einmal befeuert.

Die Pfarrer, allesamt keine unbedeutenden Männer im Erzbistum Köln, beklagen eine "Bunkermentalität" in der Kirche, stellen die erfolgreiche Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils infrage, wollen die Zulassung der Frau zu Weiheämtern, und stoßen die Debatte über den Zölibat wieder an. Es ist jener Punkt, der es nach außen schafft, der am meisten in den Medien diskutiert wird. Elf Kölner gegen den Zölibat. Dabei geht es ihnen gar nicht nur darum, wie Franz Decker, einer der Unterzeichner, zu Protokoll gibt: "Wir wollen mehr als den Zölibat infrage stellen." Sie sind damals im Reformeifer des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) zum Priester geweiht worden und haben über die Jahre mit ansehen müssen, wie die Kirchen immer leerer werden. "Wir mussten lernen, mit manchen Enttäuschungen unseren Weg zu gehen", schreiben die Männer. Und damit stehen sie wohl nicht alleine da. "Ich habe nur positive Rückmeldungen bekommen, und das zum Teil von Leuten, von denen ich es nicht erwartet hätte", berichtet Wolfgang Bretschneider, ehemals führender Kirchenmusiker im Erzbistum.

"Alternde Ehelose" seien sie geworden, teilten die "Erfahrung von Einsamkeit", hätten schon früh festgestellt, dass die Ehelosigkeit nicht gewählt, sondern "um des Berufes willen angenommen" worden sei. "Wir wollten Priester werden. Dazu mussten wir den Zölibat annehmen", sagt Bretschneider. "Selbst der Bibel fehlen die Worte für das einschlägige Kirchengesetz", beklagen die Pfarrer. Worte von "Resignation", von "Müdigkeit", sie beklagen, dass die "neue Begeisterung für das Evangelium, die Papst Franziskus initiieren will", in ihren Augen bisher nur wenige zu packen scheint. "Viele Christen schweigen, anstatt offen und klar für ihren Glauben einzutreten." Schweigen wollen sie nicht. Und sie wollen ihre Kirche nicht schlechtreden, ihren Brief nicht negativ verstanden wissen. Einer, der weiß, wovon die Männer schreiben, ist der frühere Eichstätter Generalvikar Johann Limbacher (kleines Foto). Der 76-Jährige, der sich auf Bitte unserer Zeitung den Brief durchgelesen und intensiv mit ihm auseinandergesetzt hat, gehört selbst zu jener Generation, die mitten in der Aufbruchsstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils ihre Berufung angenommen haben. Und er versteht irgendwie, womit die Männer hadern: Dass sich jene Aufbruchsstimmung, die nach dem Impuls von Papst Johannes XXIII. in die Welt hinausging, nicht einfach so umsetzen hat lassen, wie man sich das damals gedacht hat. Und das liegt auch am Bild des Priesters: "Ich glaube, dass die jahrhundertlange Tradition im Bewusstsein ist: Der Priester ist verantwortlich für das pastorale Leben in der Gemeinde und die Gläubigen hören auf ihn." Vielmehr habe das Konzil doch die Gläubigen gestärkt, habe das gemeinsame Priestertum aller Christen betont: "Das ist eine Einladung, vielmehr sogar eine Würde." Priester seien, und das dürften sie nicht vergessen, nicht dazu da, "Seelsorge für den Menschen" zu machen, sondern "mit den Menschen." Man müsse die Gläubigen mitnehmen, ihnen die Möglichkeit geben, sich einzubringen und so dem Priester "die Last zu nehmen". Diesen Impuls gelte es, zu vermitteln, sagt Limbacher. Und da brauche es Predigten, bei denen das überspringt. "Das funktioniert nicht von jetzt auf gleich, das kann man nicht verordnen."

Dass sich dann ein Priester, der niemanden habe, irgendwann einsam fühle, das sei nur allzu verständlich, sagt Limbacher. "Der Priester braucht die anderen, zu seinem persönlichen Leben und für das Leben in der Gemeinde", zeigt sich Limbacher überzeugt. "Die allein sind, nehmen auch die Last der Seelsorge allein mit nach Hause." Wenn etwas daneben gegangen ist, grüble man, schlafe schlecht: "Das geht eine Zeit lang." Aber nicht auf Dauer. Man brauche "Freude am dienst, Akzeptanz bei den Menschen". Man müsse "wirklich eingebunden" sein. Sonst "wird das Alleinsein zur Gefahr". Er habe sich immer dafür starkgemacht, dass Geistliche nicht alleine leben. "Man soll schauen, jemanden zu finden, der den Haushalt führt, der schaut, dass eine Atmosphäre da ist." Da gebe es dann "keine sexuelle Beziehung, aber eine Freundschaft", man respektiere sich.

Limbacher weiß - aus eigener Erfahrung - dass das schnell zu Gerüchten führen kann. Aber: "Wenn der Priester sich selbst nichts vorwerfen muss und die Frau auch, dann kann das da rein und da raus." Aber man könne das nie ganz verhindern, dass der Verdacht aufkomme, der Zölibat werde nicht gelebt. Würde eine Freigabe, eine Wahlmöglichkeit helfen? Vielleicht sogar dem Priestermangel entgegenwirken? "Wenn wir jetzt bei den anderen kirchlichen Berufen einen Zulauf hätten, käme ich vielleicht ins Nachdenken", antwortet Limbacher. Möglich wäre es, räumt er ein, es sei ein Kirchengesetz.

Und - gerade im Jahr des 500. Gedenkens an die Reformation Martin Luthers - gehen die Nordrhein-Westfalen auch auf die Protestanten zu: "Wir brauchen Furchtlosigkeit und Vertrauen darauf, dass der Herr hoch über unseren konfessionellen Querelen steht."

Dass vieles zur Resignation führe, das könne er, Limbacher, nachvollziehen. Früher, da waren die Kirchen noch voll, die Kindstaufe selbstverständlich. Heute? Da muss man um jeden Gläubigen werben, sich mühen. "Bei jungen Geistlichen gibt es da schon die Tendenz zum Rückschritt", weiß Limbacher, der als Generalvikar dreier Bischöfe mehr als 20 Jahre lang in der Verantwortung stand. "Aber diese alte Art ist nicht mehr zurückzuholen", ist sich Limbacher sicher. Auch weil sich die Gesellschaft entwickelt hat. Das beklagen die Kölner Pfarrer auch in ihrem Brief: "Uns bedrückt, dass die Frage nach Gott bei vielen Menschen hierzulande kein Thema mehr ist." Kaum mehr Kinder und junge Familien kämen in die Messe, "außerhalb der Erstkommunion-Saison".

Eine Patentlösung für all die Probleme der Kirche? Die wird es nicht geben. Aber die elf Pfarrer, die sich seit ihrer Weihe zum Priester Monat für Monat getroffen haben - zusammengerechnet wohl rund 600-mal - geben ihrer Kirche "sieben Wegweiser in die Zukunft" (Kasten) mit. Schließlich "birgt die gegenwärtige Krise auch Chancen". Ob dieser Weg gelingt? Eine Antwort von ihrem Hirten, Kardinal Rainer Maria Woelki, steht aus. Nur sein Generalvikar hat sich bereits geäußert: Man müsse "mit Respekt wahrnehmen, dass da Menschen sind, die sich Gedanken und Sorgen um die Kirche machen".

 

Kernaussagen im offenen Brief


1. Wir brauchen eine Sprache, die heute bei der Verkündigung der biblischen Botschaft wieder aufhorchen lässt. Die Sprache der Bibel muss mit unseren Erfahrungen und mit unseren Sprachbildern deutlicher in Zusammenhang gebracht werden. Es gilt, mit ihr und ihren Bildern neu und aktuell in Dialog zu treten.

2. Uns ist wichtig, die Kirchenleitungen zu ermutigen, die Geistesgaben von Männern und Frauen walten zu lassen und nicht durch Kirchengesetze in Schranken zu halten: Männer und Frauen sind darin zu bestärken, ihre Begabungen allen zugutekommen zu lassen.

3. Wir brauchen dringend mutige Vorstöße in der Zulassungsfrage zu den Weiheämtern. Es hat für uns keinen Sinn, den Heiligen Geist ständig um Berufungen zu bitten und gleichzeitig alle Frauen von diesen Ämtern auszuschließen.

4. Wir brauchen Furchtlosigkeit und Vertrauen darauf, dass der Herr hoch über unseren konfessionellen Querelen
steht. Die Teilnahme an Eucharistie und Abendmahl steht in der Verantwortung der getauften Christenmenschen.

5. Wir brauchen jetzt ein Umdenken in der Pastoralplanung. Großpfarreien sind in jeder Hinsicht eine Zumutung: Die zunehmende Anonymisierung und Vereinzelung in der Gesellschaft werden dann auch kirchlich noch gefördert, anstatt dem entgegen zu wirken. Kirche muss vor Ort zu finden und zu sprechen sein. Die Leitung der Gemeinde gehört nicht in eine ferne Zentrale, sondern dahin, „wo der Kirchturm steht und die Glocken läuten“.

6. Es braucht einen Raum für Erfahrungsgemeinschaften des Glaubens im Kleinen und im Großen, nämlich die Kirche mit Gemeindezentrum. Das Gemeindesterben ist dann durchaus nicht vorprogrammiert, wenn Kirchenmenschen vor Ort sind und dort auch leben.

7. Schließlich bewegt uns die Erfahrung von Einsamkeit: Als alternde Ehelose bekommen wir sie – von Amts wegen auferlegt – jetzt nach 50 Dienstjahren manchmal deutlich zu spüren. Der Zölibat, verbunden mit dem Leben einer Klostergemeinschaft, vermag große Kräfte freizusetzen; verbunden mit dem „Modell alleinstehender Mann“, führt er immer wieder zu fruchtloser Vereinsamung oder/und hilfloser Arbeitshetze. Eine spirituelle Quelle in der Seelsorge setzt er selten frei. Nicht von ungefähr haben viele von uns diese Lebensform um des Berufes willen angenommen, aber nicht gewählt. Selbst der Bibel fehlen die Worte für das einschlägige Kirchengesetz.


Von Marco Schneider

 
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