Peter: "Gesucht und gefunden   ein Paradies"
Vielseitiger Künstler: Das Wohnhaus von Peter Gehring (1944-2001) dient nun als Museum. Mitunter setzen sich Besucher auch an den Flügel und spielen.
Peter

Warum kauft ein Architekt ein Haus, statt sich selbst eins zu bauen? Birgit Andrea Gehring lacht. Zu kompliziert! "Das eigene Haus müsste das perfekte Haus sein. Und das würde ewig dauern. Dazu hatte Peter keine Zeit." Keine Zeit, weil er immer beschäftigt war. "Er war immer am Schauen und Skizzieren", sagt sie. "Er hat vieles vergessen, aber ein Bleistift war immer in seiner Tasche." Zwar war Peter Gehring in erster Linie als Architekt bekannt, plante etwa den Münchner Dantepark und das Skulpturenmuseum für Fritz König im Hofberg in Landshut, aber er war auch ausgebildeter Sänger und beschäftigte sich früh mit bildender Kunst. Als er 2001 mit nur 47 Jahren starb, hinterließ er ein so umfangreiches wie vielseitiges Å’uvre von außergewöhnlicher Qualität, das es noch zu entdecken gilt - just an dem Ort, wo all die Werke erdacht wurden und wo Peter Gehring mit seiner Frau lebte: in Obermenzing.

Dort hatte das Paar in der Nähe des Nymphenburger Parks ein schlichtes kleines Haus mit spitzem Giebel und weißer Holzfassade erworben, das Gustav Gsaenger in den 50er-Jahren für den Gartenarchitekten Alfred Reich erbaute. Reich, ein weit gereister Gartenenthusiast, der nicht nur Bücher und Zeitschriften über Gärten herausgab, sondern auch durch seine Radiosendung "Blick über den Gartenzaun" bekannt war, gestaltete den 3200 Quadratmeter großen Garten nach seinen Vorstellungen: Hier das steinerne Gewächshaus, dort das Schwimmbecken mit fünfstrahligem Springbrunnen und Florentiner Terrakotten - direkt vor der riesigen Fensterfront des Wohnzimmers. Dazu ausgesuchte Pflanzen, Rosen, Magnolien, Weißdorn, Oleander - und vor allem zahlreiche Buchsbaumkugeln, die gerade akut durch die Raupen des Buchsbaumzünslers bedroht sind.

Als Architekturstudent hatte Peter Gehring Bilder von Haus und Gartenanlage gesehen, sie in seinen Ordern für besondere Bauten eingeheftet und erklärt, wenn er je in München sesshaft werden sollte, dann hier, erzählt seine Witwe. "Und wie durch ein Wunder" erfüllte sich dieser Wunsch. Dass es heute noch so aussieht wie damals, nie um- oder angebaut wurde, ist dem Gespür und der Kunstsinnigkeit des Ehepaars Gehring zu verdanken. "Wir haben es gekauft, um es zu bewahren, nicht um es zu besitzen", sagt Birgit Gehring. Seit 2010 steht das Ensemble unter Denkmalschutz. 2015 verwandelte Birgit Gehring ihr Wohnhaus in ein Museum und den Garten in einen Skulpturenpark. Und offenbart nun wahre Kunstschätze.

Still ist es hier. Grün. Verwunschen. Wer das Haus betritt, taucht ein in eine besondere Atmosphäre. Schmale, weiße Stelen dominieren die Mitte des Wohnzimmers. Darauf Kleinplastiken aus Bronze: Frauen, Männer, Paare, sitzend, liegend, in sich gekehrt, innig, trotzig, selbstbewusst, verträumt, geheimniskrämerisch. Wenige haben Titel. Eva, die Urmutter. Chloë. Eurydike. Wind. Sonne. Die kleine Figur ganz vorn mit den langen Haaren heißt Birgit - wie die Frau des Künstlers. Denn oft musste Birgit Gehring ihrem Mann Modell sitzen. Eine lebensgroße Kopie schmückt auch den Garten. Es sind wundersame, zeichenhafte Skulpturen, reduziert auf wesentliche Formelemente wie Kopf, Arme, Beine, Brüste, ummantelt von einer Art Seelenraum, in ihrer Wirkung phänomenal. Weitere Figuren reihen sich in 13 kleinen Glaskästen an der Wand. Eine davon, erzählt Birgit Gehring, hat der Pianist Alfred Brendel erworben. "Er hat den freigelassenen Raum in der Figur mit den Pausen in der Musik verglichen."

Vor der Fensterfront steht ein Flügel. Nicht selten setzen sich Besucher daran und spielen. Das Boot aus Ozeanien hat Peter Gehring selbst noch dort platziert. Den bronzenen Charon, den Fährmann, der die Toten über den Acheron bringt, musste Birgit Gehring entfernen - der Besucher wegen. Zu eng ist der kleine Raum für die vielen Exponate. Auch die "Badende" hat der Künstler selbst in die winzige Nische über dem Kamin gestellt - mit Blick auf das Außenschwimmbecken gleich gegenüber.

Noch etwas gibt es hier zu entdecken: Readymades auf postkartengroßen Blättern. Ein Pflaster als "Hommage an Joseph Beuys". Leere Tablettenblister. Büroklammern. Piniennadeln. Luftballonreste. Fundstücke des Alltags - zu Bildern zusammengesetzt. "Er hat alles gesehen - auch hinter die Dinge gesehen", sagt Birgit Gehring. Sie hat all diese kleinen, hintersinnigen Werke rahmen lassen und ihnen eine neue Ordnung und Struktur gegeben. "Er hat alles nur in Schubladen geworfen." Und wie aus Briefumschlägen konkrete Kunst wird, demonstrieren sechs Bildcollagen an der rückwärtigen Wand.

Im oberen Stockwerk bieten kleine Kabinette Einblicke in das weitere Schaffen. Aktzeichnungen, Papierreliefs, Pop-up-Bilder, Materialcollagen. Hier offenbart sich der feinsinnige, ja philosophische Humor Peter Gehrings noch einmal anders. Wie viele Künstler mühten sich schon am Faltenwurf herrschaftlicher Damenroben ab? Gehrings Lösung: Er knautscht Papiertaschentücher oder Küchentücher in Kleidform - und zeichnet den Damen mit grazilem Bleistiftstrich nur Gesicht, Arme und Beine. Auch das, was beim Schaffensprozess gewöhnlich übrig bleibt, Spitzermüll, Papierschnipsel, Locherreste oder Tackerstifte, wird bei ihm - neu arrangiert und in anderen Kontext gestellt - zu Kunst. Und für den Betrachter zu einer Art Schule des Sehens.

Hier finden sich nicht nur Fotos aus der Werkstatt am Ammersee, hier begegnet man auch dem Sänger Peter Gehring - im Konzertsaal oder auf der Landshuter Hochzeit - und natürlich dem Architekten. Eine kleine Auswahl seiner Architekturprojekte zeigt, wie skulptural er gebaut hat.

"Alles, was er gemacht hat, hat er mit Leidenschaft gemacht", sagt Birgit Gehring. Und diese Leidenschaft, diese Energie, dieses Schaffensglück spürt man in seinen Werken. "Hier habe ich das innere Wesen der Kunst verstanden", heißt etwa ein Eintrag im Gästebuch. Ein anderer: "Ein Ort der Inspiration." Oder: "Gesucht und gefunden - ein Paradies".

Das trifft vor allem für den Garten zu, den Peter und Birgit Gehring so erhalten haben, wie ihn der Gartenkünstler Alfred Reich einst erdachte. Aber nun tummeln sich darin Peter Gehrings Bronzefiguren. Stecken Liebespaare ihr Köpfe zusammen, während sie ihre Beine im kühlen Nass baumeln lassen. Nimmt die "Schwebende" entspannt ein Sonnenbad. Träumen auf Steinen, Stelen oder unter wild verwachsenem Grün Gehrings Zauberwesen vor sich hin. Schön ist das. Auch Birgit Gehring genießt das Leben hier - vor allem mit den Besuchern, die hier auf künstlerische Entdeckungsreise gehen. Als Einbruch in ihre Privatsphäre hat sie die Umwandlung ihres Wohnhauses in ein Museum nie verstanden. "Ich wollte, dass Menschen hier dieses Glücksgefühl erleben, das der Ort zu schenken vermag."