Ingolstadt: Der nächste Schritt auf der Karriereleiter
 
Ingolstadt

Ab Freitag zählt er zu Günter Grünwalds Ensemble in dessen „Freitagscomedy“ im Bayerischen Fernsehen (BR). Das ist mal eine saubere Karriere, die der 35-Jährige – Markenzeichen Hipsterhut – in Rekordzeit hingelegt hat. Im Spätsommer 2013 berichtete der studierte Betriebswirt noch als Wiesn-Blogger vom Münchner Oktoberfest. In kurzen, hart geschnittenen und mit deftiger Musik unterlegten, von Anfang an professionell gemachten Youtube-Videos grantelte er über Paillettendirndl, Trachtensets und andere Geschmacksverirrungen. Im Zentrum seines beißenden Spotts standen und stehen die Zugezogenen, die Möchtegern-zur-Schickeria-Gehörenden, kurz: die „Isarpreißn“.


Fotostrecke: Harry G in Ingolstadt

In den sozialen Netzwerken wurden seine Zweiminüter schnell zum Renner und zigtausendfach weiterverbreitet, die Zahl seiner Follower ging rasch in den fünfstelligen Bereich. Anfragen nach einem Bühnenprogramm wurden laut.

„Mir war klar, dass diese Videos noch kein abendfüllendes Programm ergeben hätten. Da wäre ich nach vier Minuten durchgewesen“, sagt Stoll. Also machte er sich Gedanken, was er „drum herumspinnen könnte“. Innerhalb von zwei Monaten schrieb er 40 Seiten für ein 90-minütiges Programm. Seit Mai vergangenen Jahres tourt er mit „Leben mit dem Isarpreiß“ durch Bayern.

„Ich hatte anfangs wahnsinnig Bammel“, sagt Stoll rückblickend. Die Nervosität ist geblieben, auch wenn sie ihm nicht anzusehen ist. Seine Bühnenpräsenz ist für einen Neuling erstaunlich, sein Improvisationstalent eine echte Stärke. Angst vor Hängern, irgendwelche Defizite? „Ich würde gern Nein sagen, aber die Wahrheit ist: mit jedem einzelnen Auftritt“, sagt der erklärte Fan von Gerhard Polt und Fredl Fesl entwaffnend ehrlich. Am Sonntagabend trat er binnen drei Monaten zum zweiten Mal in der Eventhalle in Ingolstadt auf. „Ein Kumpel hat mich auf seine Videos aufmerksam gemacht“, sagt Veranstalter David Krebs. „Obwohl wir null Werbung gemacht haben, waren beide Auftritte restlos ausverkauft.“ 700 abgesetzte Tickets an zwei Abenden – für einen Neuling sind das beeindruckende Zahlen. Kabarettfans jenseits des Weißwurstäquators sollten nicht allzu zartbesaitet sein, wenn sie bei einem Auftritt von Harry G im Publikum sitzen. Er fragt gleich zum Beginn nach „Preißn“ und nimmt sie sich dann genüsslich vor. Ein Besucher aus Frankfurt wagt es trotzdem und outet sich. „Schleich di“, schmettert ihm Harry mit einer wegwerfenden Handbewegung entgegen und wedelt dazu auf der Bühne mit einem 20-Euro-Schein. Der Gast aus Hessen lehnt dankend ab und bleibt sitzen.

Aufs Korn genommen werden in den eineinhalb Stunden neben der Schickimicki-Fraktion der geplante Flughafen Berlin Brandenburg („40 Jahre haben sie für die Reisefreiheit gekämpft, jetzt haben sie wieder keine“), SUVs („Hausfrauen-Panzer“), die Yoga-Lehrerin aus der Nachbarschaft („Gibt Entspannungsübungen und hat jetzt selber einen Burn-out“) sowie die „Eventtrachtler“ auf der Wiesn. Im Grunde genommen ist sein Programm eine einzige Schimpfkanonade; Harry G versteht es jedoch, trotz einiger mitunter wirklich grober Derbheiten durchaus charmant rüberzukommen.

Über 6,8 Millionen Zugriffe auf Youtube und mehr als 120 000 Fans in den sozialen Netzwerken zählt der 35-Jährige inzwischen. Nun folgt der nächste Schritt auf der Karriereleiter: In der am Freitag startenden neuen Staffel von „Grünwalds Freitagscomedy“ (um 22.45 Uhr im Bayerischen Fernsehen) ist Harry G der neue Sidekick von Günter Grünwald – auch darum, weil die ursprünglich vorgesehene Monika Gruber wegen Arbeitsüberlastung abgesagt hat. „Ich habe mir gedacht, dass es doch schön wäre, wenn er seine eher subjektive Sicht auf Dinge, die im Freistaat passieren, auch in meiner Sendung darlegen würde“, sagt Grünwald.

Markus Stoll alias Harry G freut sich auf seine neue Aufgabe. „Ich werde Günter darüber informieren, was in München an Perversionen abgeht. Die Herausforderung ist, mal richtig schauzuspielern, was ich bisher noch nicht gemacht habe.“ Dass sich sein bisweilen doch etwas monothematisch anmutender „Isarpreiß“ irgendwann totlaufen könnte, befürchtet er nicht. 80-mal tritt er in diesem Jahr damit auf Bayerns Bühnen auf. „Definitiv werde ich aber irgendwann einmal in eine andere Richtung gehen.“ Insgeheim rechnen er und sein Management damit, dass mit der regelmäßigen Präsenz im Fernsehen eine noch größere Bekanntheit einhergeht. Bereits am 2. November folgt der nächste Auftritt in Ingolstadt, dann im 1200 Besucher fassenden Festsaal. Auf Wunsch des Künstlers sagt David Krebs.