Ingolstadt: Vieldeutiger Jubel
Grandioses Virtuosenfutter: Graf Mourja spielt den Solopart des Violinkonzerts von Aram Chatchaturjan, das Staatliche Sinfonieorchester Moskau begleitet ihn im Theaterfestsaal unter der Leitung von Dmitry Orlov. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Jedenfalls überträgt sich das triumphierende, militante Poltern in strahlendem D-Dur des Staatlichen Sinfonieorchesters Moskau unter der Leitung von Dmitry Orlov kaum auf das Publikum im Festsaal. Im Gegenteil: Die Zuhörer wirken irritiert über das zwanghafte optimistische Ende der Sinfonie, das wie ein Fremdkörper nach all den düsteren epischen Windungen daherkommt. Und es klatscht verunsichert, zögerlich, fast nachdenklich.

Ganz anders als das Publikum in Moskau bei der Uraufführung 1937. Damals applaudierten die Besucher angeblich eine halbe Stunde lang, Josef Stalin erhob sich anerkennend von seinem Sitz. Rätselhaft.

Der Schluss der Sinfonie, ja, eigentlich überhaupt Sinn und Bedeutung des gesamten Werks sind seit seiner Uraufführung umstritten und heiß diskutiert. Denn die 5. Sinfonie entstand unter erheblichem politischen Druck, unter Todesangst. Ein Jahr vor der Uraufführung kam es bei einer Aufführung von Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" zu einem Debakel. Stalin verließ vorzeitig die Oper, und die Parteizeitung "Prawda" warf am nächsten Tag in einem langen, programmatischen Artikel Schostakowitsch parteischädigenden Formalismus vor. Das junge Komponisten-Wunderkind war politisch so gut wie erledigt - und das ausgerechnet, als der stalinistische Säuberungs-Terror am schlimmsten wütete. Schostakowitsch muss-te um sein Leben fürchten.

Seine 5. Sinfonie war also seine möglicherweise letzte Chance auf Rehabilitation. Aber Schostakowitsch war ein zu eigenwilliger Komponist, um sich vorbehaltlos an die ästhetischen Leitlinien der Partei anzupassen. Vielmehr begann mit dieser Sinfonie ein neues Zeitalter politischer Musik als Mimikry, einer Kompositionsart mit doppeltem Boden, voller Ironie und Hintergründigkeit. In diesen heroischen Klängen, die vordergründig den Regeln der traditionellen Sinfonik entsprechen, ist alles scheinhaft, die wahre Bedeutung ist gleichsam versteckt. So verstanden die stalinistischen Funktionäre den gloriosen Marsch, die fortissimo schabenden Streicher, das jaulende Blech als Apotheose des Sozialismus. Andere sahen darin einen Todesmarsch. Und Schostakowitsch selbst sagte später: "Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen ... So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr! ... Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören."

Vielleicht. Wenn man die Moskauer Musiker unter der Leitung von Dmitry Orlov jedenfalls beobachtet, dann spürt man weit eher die Tragik dieser Musik als deren optimistischen Überschwang. Orlov schafft diese Atmosphäre durch eher langsame Tempi. Die gesamte Sinfonie schreitet mit lähmender Langsamkeit voran, voller stehender Klänge, voller sich zeitlupenhaft entfaltender Donnerorgien. Das klingt grandios - und niederschmetternd. Manchmal, etwa im Largo, scheint die Zeit fast stillzustehen vor Resignation. Das wirkt atemberaubend, auch wenn Orlov und seine Musiker vielleicht manchmal sogar zu zurückhaltend, zu schlicht interpretieren.

So ist die Schostakowitsch-Sinfonie nicht der Höhepunkt des Abends genauso wenig wie das etwas schwerfällig gezeichnete "Kamarinskaya" von Michail Glinka, sondern das Violinkonzert von Aram Chatchaturjan. Auch wenn dieses Werk nur drei Jahre nach der Schostakowitsch-Sinfonie herauskam, entspricht es einer gänzlich anderen Geisteshaltung. Das Violinkonzert benötigt keine politische Verklausulierung, es ist einfach nur hinreißend komponiert, geistreich, mitreißend, melodiös, einfach grandioses Virtuosenfutter. Und genau das richtige Werk offenbar für den Solisten des Abends, den Moskauer Violinprofessor Graf Mourja. Er besitzt den kecken Witz, den Sinn für die cineastische Bildhaftigkeit dieser Musik und die flinken Finger, selbst in den schwierigsten Lagen noch souverän zu agieren. Je tollkühner die Passagen sind, desto mehr scheint Mourja mit dem Publikum zu flirten, ihm verschwörerisch zuzublinzeln, es zu umgarnen. Und umso leichter wirkt alles. Am besten gelingt ihm das bei der Zugabe: Paganinis Capriccio Nr. 1. Die Hochgeschwindigkeits-Arpeggien, die Terzläufe - alles ist einem Zweck untergeordnet: zu verblüffen. Der Geiger als eine Art Zirkuskünstler. Rückhaltloser Jubel im Publikum - zumindest bei diesem Werk.