Ingolstadt: "Trau deinen Augen nicht"
Ludwig Wilding entdeckte erst gegen Ende seines Lebens die Farbe für sich. Mit kinetischen Effekten experimentierte er nun in neuer Weise, wie bei dem Werk "FAZIGI 2801" aus dem Jahr 2004. - Foto: Eberl
Ingolstadt

Für sie ist das ein Motto, das hervorragend in unser Zeitalter der Fake News hereinpasst. Und zudem zum Denken anregt. Denn das ist das offensichtliche Ziel des beeindruckenden und hochoriginellen Schaffens des vor sieben Jahren gestorbenen Pioniers der Op-Art.

Ludwig Wilding hat für das Museum eine besondere Bedeutung, die mit dieser Ausstellung gewürdigt werden soll. Der norddeutsche Künstler hat 2007 die Initialzündung für die Gründung der Ingolstädter Stiftung für Konkrete Kunst und Design gegeben. Sie wird seitdem von Audi Art Experience und der Stadt Ingolstadt getragen. Inzwischen verwaltet die Stiftung das Schaffen von 17 Künstlern mit insgesamt rund 7000 Kunstobjekten. Mit der Ausstellung "Ludwig Wilding" soll nun nicht nur der 90. Geburtstag des Künstlers gefeiert werden, sondern auch das zehnjährige Bestehen der Stiftung. Wildings Witwe Ingeborg hat für die Ausstellung 34 Werke aus allen Schaffensperioden des Künstlers herausgesucht, die alle noch nie in Ingolstadt gezeigt wurden. Sie bieten einen hervorragenden Einblick in das Schaffen des ehemaligen Kunstprofessors aus Hamburg.

Wilding stammt aus Buchholz in Norddeutschland, studierte Kunstgeschichte und Philosophie und arbeitete nach dem Krieg zunächst als Designer der Textilindustrie. Seine wichtigsten Werke gestaltete er ab den frühen 1960er-Jahren. Die strikte Trennung zwischen Kunst und Rezipient ist bei Wilding aufgehoben. Seine Objekte scheinen sich zu verändern, je nachdem, von welcher Position aus man sie betrachtet. Der Ausgangspunkt seiner frühen Werke ist der Moiré-Effekt: Unterschiedlich strukturierte, übereinander gelagerte Linien oder Raster entwickeln unerwartete optische Wirkungen. In den frühen, in der Ausstellung gezeigten Bildern scheint Wilding die merkwürdigen neu entstehenden Muster unmittelbar zu malen oder zu zeichnen. Die kleinformatigen Arbeiten zeigen flirrende, undefinierbare Oberflächen. Oder er zeichnet in seinem "Bild mit Graustufen, 36 Quadrate" aus dem Jahr 1960/61 die Linien so fein und unscheinbar, dass sich der Eindruck stark verändert, je nachdem, aus welcher Entfernung man die Arbeit betrachtet: Aus schimmernden Linien werden Grautöne, Flächen, dreidimensionale Objekte: ein Bild, an der Grenze zur Objektkunst, eine Zeichnung, die nicht wirklich wie eine Zeichnung aussieht.

Schon kurz darauf geht Wilding einen anderen Weg: Nun zeichnete er die Moiré-Effekte nicht mehr, sondern erzeugte die optischen Täuschungen in den Kunstobjekten selbst. Durch übereinander gelagerte, halbdurchsichtige Bildebenen entfaltet er ein Spiel der Interferenzen: Linien scheinen auf einmal nach oben oder unten zu fließen, virtuelle Räume bilden sich, nach hinten und nach vorne. In dem "Multiple CPSR" aus dem Jahr 1991 scheinen dem Betrachter Dreiecke entgegenzukommen. In dem "Objekt mit 5 x 5 Kreisen" (1966) bilden sich gleich drei oder vier verschiedene Bildebenen, Kreise, Wellenbewegungen, Spiegelungen im Hintergrund, horizontale Striche. Das ist genauso faszinierend wie das Objekt "PAR 4413" (2002), in dem sich die Wände permanent verschieben.

Bei Ludwig Wilding sieht man Linien, die keine Linien sind, Strukturen, die gar nicht existieren, Bewegungen, die sich nur im Gehirn des Betrachters konstituieren. Wildings Werke sind gemalte Philosophie. Bilder, die unsere Sinneseindrücke hinterfragen, die uns irritieren, die uns zeigen, dass unsere Welt im Sinne Immanuel Kants transzendental ist: Die Gegenstände der Außenwelt existieren nur abhängig von den Kategorien unserer Wahrnehmung. Die Welt ist vielleicht ganz anders, als wir sie sehen.

Die Ausstellung im Museum für Konkrete Kunst läuft noch bis zum 25. Februar 2018. Öffnungszeiten: Di bis So 10 bis 17 Uhr.