Ingolstadt: Tragik hinter der schönen Fassade
Große Emotionen: Das Trio Schäfer spielt zwei Kammermusikwerke mit Überlänge. - Foto: Schaffer
Ingolstadt

Das Klaviertrio Schäfer ist kein gewachsenes Kammermusik-Ensemble, sondern eher ein zeitweiliges Bündnis erfahrener Solisten. Jeder der Musiker - Ilona Then-Bergh (Violine), Wen-Sinn Yang (Cello) und Michael Schäfer (Klavier) - hat seinen eigenen Stil, und das hört man auch.

Die drei Musiker haben lediglich zwei Werke beim Eröffnungsabend des Konzertvereins Ingolstadt im Theaterfestsaal aufs Programm gesetzt. Aber diese beiden Werke zählen gleichermaßen zu den gelungensten und längsten Kammermusikwerken überhaupt: Franz Schuberts Klaviertrio in Es-Dur und Peter Tschaikowskys einziges Klaviertrio.

Schuberts Spätwerk, mit dem das Trio Schäfer den Abend eröffnete, wirkt doppelbödig, irritierend. Eine Musik mit zwei Gesichtern. Denn Schubert hat sich teilweise betont volkstümliche, liedhaft-unterhaltsame Themen gesucht. Und konterkariert immer wieder die Oberflächlichkeit, die von diesen Motiven ausgeht, wendet sie völlig überraschend ins Moll, wirbelt sie durcheinander mit plötzlichen Forte-Ausbrüchen, todesnahen Exkursen, abgründigen Pianissimo-Passagen. Dann spürt man die Nähe zur depressiven "Winterreise", die fast gleichzeitig entstand.

Die drei Musiker scheinen sich zunächst an Schuberts gemüthafter Biedermeierlichkeit abzuarbeiten. Sie lassen die Themen schwingen. Besonders Michael Schäfer hat Freude daran, mit viel Verve die schönen Melodien zu entwickeln und das schnelle Passagenwerk munter sprudeln zu lassen. Ganz anders sein Kollege Wen-Sinn Yang, der bekannteste Musiker im Dreierbündnis. Sobald die schrofferen Seiten der Musik spürbar werden, etwa in den Durchführungspassagen des Kopfsatzes, schabt er mit einer Wucht über die Saiten seines Cellos, bis die Pferdehaare des Bogens reißen. Dabei ist sein Ton so fett, so dick und brachial (und im langsamen Satz auch so brüchig leise), dass man ihn auf keinen Fall mehr schön oder geschmeidig nennen kann. Yang spürt genau, dass diese Musik schneidend sein kann, unter die Haut geht, Entsetzen hervorruft. Er spielt dabei so raumverdrängerisch, dass er Ilona Then-Bergh übertönt, die beim Schubert überhaupt seltsam unpersönlich spielt. Das Gleichgewicht der Kräfte ändert sich erst beim spätromantischen Tschaikowsky. Während Schubert unter einer Oberfläche der Klassizität (Hauptthema des Kopfsatzes) und der Folklore (die beiden letzten Sätze) Tragik andeutet, ist es bei Tschaikowsky genau umgekehrt: Sein Trio ist eine Art Requiem im Angedenken seines Freundes Nikolaj Rubinstein (1835-1881), eine elegische Todesmusik. Tschaikowsky kennt keine Hintergründigkeit, er leidet, dick aufgetragen, endlos. Er wühlt sich in den Schmerz, seine Gedanken mäandern, kreisen, finden und finden keinen Ausgang - eine so unglaublich ehrliche Selbstzerfleischung, dass man gar nicht anders kann, als mitgerissen zu sein - sofern man sich auf diese emotionalen Abgründe überhaupt einlässt.

Die drei Musiker lassen sich verführen von der Leidensmusik. Sicher, sie gehen ökonomisch vor. Den Beginn des ersten Satzes nehmen sie noch etwas verhaltener, zarter, selbst das Vibrato ist sparsam eingesetzt. Aber dann kennen sie bald keine Zurückhaltung mehr. Michael Schäfer donnert die Trauermusik immer lauter und lauter, versucht alles aus dem Konzertvereinsflügel herauszuholen und am besten noch mehr. Und auch die Geigerin Then-Bergh lässt jetzt warme Töne aufleuchten, die Melodien vibrieren und glühen bis auch bei ihr der Bogen fetzt.

Das ist mehr als nur Musik, das ist mehr als Schönklang, das ist eine existenzielle Demonstration psychischer Not. Bis in den letzten Takten das Hauptthema des Kopfsatzes wiederkehrt, aber lauter, donnernder, bis Violine und Cello in einer Leidensspirale immer tiefer und tiefer hinabgleiten. Und das Klavier allmählich im Rhythmus des Trauermarschs verebbt. Langes Schweigen im Publikum und dann begeisterter Beifall.