Ingolstadt: Die Stunde vor dem Mord
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Ingolstadt

Es ist eine Geschichte, die niemanden kalt lässt. Denn der Mordfall, der sich auf dem oberbayerischen Einödhof zwischen Gröbern und Laag in der Nacht vom 31. März 1922 ereignete und eine ganze Familie auslöschte, wurde nie geklärt. Obwohl damals 100 000 Mark - für damalige Verhältnisse eine immense Summe - Belohnung ausgesetzt wurden, gab es keine verwertbaren Hinweise, wer das Ehepaar Andreas und Cäzilia Gruber, deren Tochter Viktoria, die Enkel Cilli (7) und Josef (2) und die Magd Maria Baumgartner getötet hatte. 1955 schloss man die Ermittlungsakten, aber über Vorgänge und Täter wird bis heute spekuliert. Wer erschlug alle sechs Bewohner des Bauernhofs brutal mit der Hacke? Und wer versorgte danach noch tagelang das Vieh?

Natürlich war es das Mysteriöse um den ungelösten Fall, das Falco Blome zu einem Theaterstück inspirierte. Vor allem aber waren es "die Figuren". "In der Regel geht es ja nur um die Täterfrage, aber ich fand die Beziehung zwischen Mutter und Tochter höchst spannend", erklärt er. Sein Stück spielt in der Stunde vor dem Mord. "Eine Zeit, in der alles kulminiert. Denn schon kurz vorher passierten auf dem Hof merkwürdige Dinge: Man fand Fußspuren im Schnee, hörte Geräusche auf dem Dachboden, der Hausschlüssel war verschwunden - Andreas Gruber hatte das alles im Dorf erzählt. Also: Es herrschte eine merkwürdige Stimmung kurz vor dem Mord. Und das hat mich interessiert", berichtet Falco Blome. Der Autor und Regisseur hat die beiden Frauenrollen Cäzilia Gruber und Viktoria Gabriel mit Adelheid Bräu und Maria Helgath besetzt. Beide Schauspielerinnen sind dem Ingolstädter Theaterpublikum bekannt. Denn beide waren bereits am Stadttheater engagiert.

Und beide fanden ihre Rollen spannend. "Das Mysterium macht es aus, weil man zwar viel weiß, aber eben nicht alles. Weil es vielleicht fünf Bilder vom Tatort gibt - und nicht hundert. Dazwischen ist einfach viel Raum für Spekulationen", meint Adelheid Bräu. Sie spielt die Mutter Cäzilia, acht Jahre älter als ihr Mann Andreas, der auf dem Hof das Sagen hat. "Trotzdem glaube ich, dass das Verhältnis der drei ausgewogen ist. Jeder hat seinen eigenen Arbeitsbereich. Trotz der Inzest-Geschichte zwischen Vater und Tochter hat man sich arrangiert. Man arbeitet daran, es zu verdrängen. Was ich nicht verstehe. Der Vater war ein Jahr deswegen im Gefängnis, die Tochter einen Monat - und danach läuft alles einfach so weiter. Warum ist die Tochter nicht gegangen? Warum lebt man weiter in einem Haushalt? Es ist ein eingespieltes Gefüge. Deshalb denke ich mir, dass sie vielleicht auch niemand neuen reinlassen wollen."

Maria Helgath verkörpert Tochter Viktoria: "Sie ist sehr bodenständig und pragmatisch. Gleichzeitig aber auch verletzlich und hoch emotional. Auch wenn sie das oft nicht zulässt. Sie hat den Hof überschrieben bekommen. Sie hat die Entscheidungsgewalt. Ich glaube, dass sie den Vater in gewisser Weise in der Hand hat. Sie sind alle drei abhängig voneinander, deshalb ist diese Konstellation auch so stabil."

Falco Blome hat gründlich recherchiert über den Mehrfachmord. Allerdings: "Uns geht es nicht um eine Dokumentation des Falles, sondern mehr um die Beziehung der Figuren." Und: "Wir versuchen, theatral-künstlerisch an die Sache heranzugehen, eine eigene Wahrheit zu finden, eine Stimmung zu transportieren." Deshalb gab es zu Beginn auch eine Ortsbegehung. Auch wenn das Anwesen Gröbern Nr. 27 ½ längst nicht mehr existiert - es wurde ein Jahr nach dem Sechsfachmord komplett abgerissen -, so wollte Blome doch unbedingt den Ort sehen, das nahe Hexenholz, den Weg vom Gruber-Grundstück zur Kirche abschreiten, auf der Empore stehen, wo Viktoria einst sang - den Erzengel Michael mit Flammenschwert und Seelenwaage im Blick. "Das war schon faszinierend", sagt er.

Hat er - als Autor - für sich den Mordfall gelöst? Falco Blome lacht. "Wir diskutieren immer noch darüber, wer der Täter ist - und es kommen immer neue Theorien auf."