Ingolstadt: Großes Herz
Unbändige Freude an der Musik: Charly Antolini - Foto: Löser
Ingolstadt
Die Größe des musikalischen Könnens dieser lebenden Legende wird nur von der Größe seiner Bescheidenheit übertroffen. In einer Eröffnungsansprache findet der Geburtstag nur in einem Nebensatz Raum. Stattdessen erfährt das Konzert eine andere Widmung, „Jazz at the Philharmonic“ war eine Konzertreihe des großen Jazzpromotors Norman Granz, die über zwei Jahrzehnte lang eine Talentschmiede erster Klasse war. Oscar Petersen, Lionel Hampton, Charly Parker und viele andere Größen entstammen dieser Ursuppe, die, man ahnt es bereits, nicht ohne Einfluss auf Antolini war. Antolini hat sechs Jazzmusiker mitgebracht, die in dieser Konstellation, wie Antolini betont, noch nicht zusammengespielt haben. Eine Jamsession beginnt, quasi im Geiste des „Jazz at the Philharmonic“. Antolini ist ein Schlagzeuger von Weltgeltung und ein Techniker ersten Ranges.

Der 75-Jährige sitzt mit fast unbewegtem Oberkörper auf seinem Hocker, die Gliedmaßen schnellen auf Pedale, führen Sticks und Besen. Die Art und Weise, wie Antolini die Drums bedient, ist spektakulär und weitet den Einfluss des Schlagzeugs auf den Gesamtsound erheblich aus. Jenseits von Grundbeat, Breaks an den klassischen Positionen und Soli, spielt Antolini einzelne kurze Sequenzen der Mitmusiker wie nebenbei mit, und schafft so Betonungen auf kurzen Einzelsequenzen, quasi als subjektive wie ostentative Unterstreichung.

Eine kleine Drehung nach links und nun wendet sich Antolini ausschließlich seiner Hihat zu. Zwischen Liebkosung und Herausforderung, und zwischen allen Formen des Anschlags und der Dämpfung bringt Charly Antolini Unglaubliches hervor, während er nebenbei sogar noch den Hihat-Ständer „instrumentalisiert“. Mitte der 80er erfand Rockschlagzeuger Phil Collins den Reverse Gated Reverb Sound. Dem eigentlichen Schlag schließt sich eine künstlich digital erzeugte, rückwärts laufende und dann zur Zählzeit jäh abreißende Hallfahne an. Ein Charly Antolini braucht für einen ähnlichen Effekt nur eine Snaredrum, einen Besen und seine unglaubliche Technik-Intuitionspaarung. Jetzt shuffelt Antolini fröhlich los, betont die Zählzeit „Zwei“ – fast jedenfalls. Und dieses „fast“ ist genau das, was das Spiel Antolinis ausmacht. Die Schläge „hinken“ gewollte Millisekunden hinterher, beatmen den Rhythmus und sind zutiefst subjektiv und unmechanisch.

Das Gefühl hierfür teilt er mit Vibrafonist Dizzy Krisch, womit Antolini und Krisch ein unsichtbares, aber wohl hörbares Band verbindet. Trompeter Bruce Adams leistet sich leider ein paar Respektlosigkeiten und Allüren à la Miles Davis, ohne allerdings Miles Davis zu sein. Nach der Pause erscheint er Minuten zu spät und lässt seine Mitmusiker mitsamt dem Jubilar inzwischen ratlos allein auf der Bühne stehen. Ein Trompeten-Kavalleriesignal ertönt weit entfernt irgendwo im Gebäude. Anfänglichen Applaus, als Adams endlich auf die Bühne kommt, erstickt Charly Antolini mit den Worten: „Bitte unterstützen Sie diese Clownerie nicht mit Applaus.“ Der Applaus verebbt und Trompeter Adams disqualifiziert sich wenig später mit einem Solo, in dem er sich in die falsche Tonart verirrt, an der er peinlicherweise bis zum Soloende festhält.

Das höchst professionelle Spiel von Alan Barnes (Saxofon), Joe Gallardo (Posaune), Thilo Wagner (Klavier) und Andreas Kurz (Bass) lässt solches Ungemach allerdings schnell vergessen. Charly Antolini spielt übrigens mit vier Tomtoms, die in klassischer Paukenmanier gestimmt sind. Zufall? „Keine Ahnung“, sagt Charly Antolini auf Nachfrage, „ich stimme nach Herz.“ Es muss ein großes Herz sein, das solche Musik hervorbringt. Happy Birthday, Charly!