Ingolstadt: A wie Audi und A wie Architektur
 
Ingolstadt
Auf dem Podium der Moderator Heinrich Wefing, Redakteur bei der „ZEIT“, Audi-Vorstandsvorsitzender Rupert Stadler, Christian Gärtner, Kurator des Wettbewerbs und Vorstand der Stylepark AG aus Frankfurt, im Wechsel mit renommierten Architekten aus Mumbai, Tokio, Boston, Sao Paolo, dem Pearl River Delta und Istanbul. Zum zweiten Mal hat Audi den Urban Future Award, den mit 100 000 Euro höchst dotierten Architekturpreis Europas, ausgerufen.

Der Blick geht nach Asien, Nord- und Südamerika. Dort nimmt die Bevölkerung in den Megacitys rasant zu. „Zeit und Raum sind mit das kostbarste Gut der Zukunft, beides ist limitiert“, sagt Rupert Stadler. Und die Fragen, die die Architekten und den Autobauer verbinden, sind so einfach wie komplex: Wie werden die Menschen 2030 leben und wie sich fortbewegen?

So kontrastreich die Veranstaltung, so überraschend gegenläufig zum Erwartbaren die Visionen für die Weltstädte. Denn bei aller Notwendigkeit für den großzügigen Wurf und die Perspektive für Millionen von Menschen geht der Blick der Architekten bei ihrer Standortbestimmung und den ersten Ideen, die sie bis zur Preisverleihung im Herbst konkretisieren werden, nicht auf Megaautobahnen und futuristische Städtevisionen, sondern auf das Kleinteilige, das Spielerische, das Philosophische. Es geht den Städteplanern um gesellschaftliche Prozesse, menschliche Bedürfnisse, vor allem um die lokalen Potenziale im Fluss der Globalisierung.

In Mumbai etwa bietet das Team Crit unter dem Motto „Being Nicely Messy“ (Fröhliches Chaos) Alternativen zu den Megaprojekten der Regierung. Die Architekten setzen auf den Mikrokosmos, wo Händler im Treppenhaus von Wohnblocks sich einrichten, Familien auf Straßen leben und Gewerbe betreiben. Raum wird zur knappen Ressource. Mobilität effizient zu organisieren, heißt, die Konkurrenzsituation um Raum zu managen und klar wird auch: Es können nur Lösungen sein, die geprägt sind durch ein Verständnis der Kultur der Region.

Für das Architektenteam Urban Think Tank dreht sich in der brasilianischen Metropole São Paolo alles um Bewegung, auch wenn mit dieser Stadt eher das Bild kilometerlanger Staus assoziiert wird. Bewegung wird zu einer improvisierten, spontanen Form des Lebens. „Am Beispiel von São Paulo können wir von ungeplanten städtischen Entwicklungen lernen – die zwar meist aus dem Chaos entstehen, aber oft überraschend intelligente Lösungen hervorbringen“, sagt Audi-Vorstand Peter Schwarzenbauer dazu.

Vier Städte bilden die Metropolregion des Pearl River Deltas in China: die ehemalige britische Kolonie Hongkong, Guangzhou (Kanton), Shenzhen und Dongguan. In dieser boomenden Mega-Region steht eine Zeit massiver Umbrüche bevor. Bald werden dort 80 Millionen Menschen leben, davon rund 80 Prozent Migranten. Das Architekturbüro NODE plädiert dafür, dass Infrastruktur in den sozialen Kontext einzubetten.

Istanbul befindet sich in einer besonderen Situation. Die geografische Lage schränkt die Möglichkeiten öffentlicher Verkehrswege ein, der Bosporus und die bergige Landschaft ringsum lassen keine Schienenwege zu. Die Menschen greifen zur Selbsthilfe. Private Beförderungsunternehmen, etwa Mini-Busse, bieten ihre Leistungen spontan, ohne feste Haltestellen und offiziellen Fahrplan, an. Das Architektenteam Superpool sieht einen Ansatz, Privatinitiativen und digitale Vernetzung zusammenzubringen. Die Stadt hat die größte Facebook-Rate Europas, soziale Netzwerke spielen eine große Rolle. In Istanbul ist das Auto nach wie vor Fortbewegungsmittel Nummer eins. Audi-Chef Stadler interessiert, wie Infrastruktur – etwa durch die Verknüpfung mit virtuellen Netzwerken – optimiert werden kann. „Istanbul könnte ein Labor für die digitale Revolution sein und die vollständige Vernetzung des Autos.“

Für die Region Boston, Washington und New York hebt das Architekturteam Höweler + Yoon an, den amerikanischen Traum, geprägt auch durch das Auto und die große Freiheit auf der Straße, mit neuen Inhalten auszustatten. In den Metropolregionen gilt es, etablierte Infrastrukturen ins digitale Zeitalter zu übersetzen. Für Audi ein Ansatz: die Straße selbst. Die wird zum Steuerungstool, sie tauscht Informationen mit den Verkehrsteilnehmern aus und organisiert so den effizienten Verkehrsfluss.

Eine von der fernöstlichen Sichtweise getragene Vision hat der japanische Architekt Junya Ishigami. Der Preisträger des Goldenen Löwen auf der Architekturbiennale in Venedig 2010 erzeugt ein ganz eigenes Stadtgefühl der Zukunft. Noch recht vage. Tokio ist ihm ein Wechselspiel aus Landschaft und Stadt, aus Natürlichem und Künstlichen.

Der gesamte Wettbewerb, der im Internet verfolgt werden kann, ist eine inspirierende Mischung aus Trendsuche, Feldund Zukunftsforschung. Im Dialog mit Architekten, Soziologen, Forschern und einem Team von Audi. Es geht um offene Systeme der Mobilität, um Gesellschaft und Lebensgefühl und Gewohnheiten.

Die Städte sind aber auch die Wachstumsmärkte der Zukunft, wie Stadler sagt. Der Audi-Chef verspricht sich Erkenntnisse über neue Infrastrukturen, die Vernetzung künftiger Generationen sowie um die Konzepte für Städte und Wohnen. Und darüber hinaus, wie das Unternehmen auf die künftigen Fragen der individuellen Mobilität mit Technik und Ausstattung der Fahrzeuge antworten kann. Ein kreativer wie viel versprechender Ansatz.