Georg Teichert: Das Echo ist erwartungsgemäß durchwachsen, emotional und gerade in Web 2.0, facebook, xing, wo man schnell und leicht anonym kommentieren kann, ist es leider nicht so sachlich, wie wir es uns wünschen würden. Auch bei unserer Rektorin und bei der Pressestelle gehen viele entsprechende Mails ein.

Gibt es auch noch intern Widerstand? Und von wem?

Teichert: Erstaunlicherweise überwiegend von Männern. Einige Hochschullehrer fühlen sich angegriffen und wollen die neue Sprachregelung nicht hinnehmen. Auf facebook beispielsweise können Sie nachlesen, wie sich Juraprofessoren darüber aufregen. Aber ernst zunehmende Reaktionen wie Beschwerden gibt es nicht. Es gibt aber eine Minderheit, die sagt: „Das ist in Ordnung so. Wir haben jahrhundertelang die männliche Form benutzt, jetzt nehmen wir die weibliche.“

Doch ist es ein Signal. Könnte damit neuer Schwung in die Gleichstellung an der Uni Leipzig kommen? Hat das die Uni Leipzig nötig?

Teichert: Wir haben sicher Entwicklungspotenzial und -bedarf gerade darin, wenn es um Beteiligung von Frauen in Spitzenpositionen geht. Allerdings kam der Antrag nicht von mir, ich hätte ihn auch so nicht gestellt. Mir wären fest und verbindliche Regelungen zur Beteiligung von Frauen beispielsweise in Form von Quoten wichtiger gewesen. Was die Regelung aber sichtbar macht, ist, dass sie zur Diskussion anregt und dazu, über Rollenbilder nachzudenken. Ob es tatsächlich zu mehr Gleichstellung und Beteiligung führen wird, sehe ich kritisch. Nur mit Sprache allein ändert sich nicht eine Tradition Ich finde es aber gut und richtig. Es ist ein Experiment.

Könnte trotz des Experimentalcharakters die Regelung zum Vorbild für andere Unis werden?

Teichert: Da bin ich gespannt, ob die anderen Universitäten den Mut aufbringen, sich dieser Diskussion auszusetzen. Das Witzige ist doch, dass es bei uns eher zufällig entstanden ist, dass aber der Senat andere Formen wie großes Binnen-I oder Schrägstrich mit angehängter weiblicher Form in der Grundordnung mehrfach abgelehnt und einfachheitshalber die weibliche Form gewählt hat.

Praktisch gefragt: Kann ich im Alltag „Herr Professor“ sagen?

Teichert: Aber natürlich. Das wird ja gerade falsch verstanden, dass es nicht um die Alltagssituation geht. Die Regelung bezieht sich auf unsere Grundordnung. Da haben wir alle Titel und Funktionen im generischen Femininum stehen.

Warum dann die Aufregung?

Teichert: Es war zu erwarten. Ich kenne das aus der Zeit, als Anglizismen in die deutsche Sprache übernommen wurden. Da entwickelte sich ein Sturm der Entrüstung. Unsere Entscheidung betrifft die Grundordnung und damit auch die Formulierungen in den Studien- und Prüfungsordnungen. Im Alltag können Sie wie bisher je nach Situation „Herr Professor“ oder „Frau Professorin“ sagen. Wobei ich hinzufüge, Sie können mich auch als „die Gleichstellungsbeauftragte“ ansprechen. Darunter leidet meine Männlichkeit nicht. Ich mache sie daran nicht fest.

Der 27-jährige Historiker Georg Teichert wurde 2010 zum zentralen Gleichstellungsbeauftragten der Uni Leipzig gewählt. Die Fragen stellte Barbara Fröhlich.