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30.12.2015 19:31 Uhr | x gelesen
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Fragenbogen für ein Leben in Schutz


Bild: Fragenbogen für ein Leben in Schutz. München München (DK) In tiefster Dunkelheit, in aller Herrgottsfrühe hat sich Hossam Al Haj Hasan mit seiner Frau und den drei Kindern an diesem eiskalten Morgen auf den Weg von Neuburg nach München gemacht. Denn um 8 Uhr hat die Flüchtlingsfamilie aus Syrien an diesem Tag einen wichtigen Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz Bamf: Es geht um das Asylverfahren. Den Antrag muss Hossam wie jeder Flüchtling persönlich stellen. Für Syrer gilt noch ein beschleunigtes, vereinfachtes Verfahren. Das soll sich aber schon bald ändern. Glück für die Hasans.

München (DK) In tiefster Dunkelheit, in aller Herrgottsfrühe hat sich Hossam Al Haj Hasan mit seiner Frau und den drei Kindern an diesem eiskalten Morgen auf den Weg von Neuburg nach München gemacht. Denn um 8 Uhr hat die Flüchtlingsfamilie aus Syrien an diesem Tag einen wichtigen Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz Bamf: Es geht um das Asylverfahren. Den Antrag muss Hossam wie jeder Flüchtling persönlich stellen. Für Syrer gilt noch ein beschleunigtes, vereinfachtes Verfahren. Das soll sich aber schon bald ändern. Glück für die Hasans.


München: Fragenbogen für ein Leben in Schutz
Die Fingerabdrücke werden elektronisch genommen.

Das Bamf ist im Süden Münchens in einem ehemaligen Siemens-Gebäude untergebracht, das schon bessere Tage gesehen hat. Trotz der frühen Stunde stehen Menschentrauben vor dem Eingang. Drinnen, auf dem schmalen Gang vor der Empfangstheke, herrscht so ein Gedränge, das kaum ein Durchkommen möglich ist. Vornehmlich Männer warten dort, teils stumm und mit ausdruckslosem Blick, teils ungeduldig und schimpfend, manche sogar verzweifelt und in Tränen aufgelöst. Erstaunlich, wie gelassen die Bamf-Mitarbeiter alles regeln an dieser ersten Anlaufstelle, wo unentwegt Menschen auf sie einreden in den verschiedensten Sprachen.

Hossam wurde mit seiner Familie schon eingelassen und wartet im dritten Stock auf seinen Termin. Unsere Zeitung darf ihn auf diesem Weg begleiten – das hat der Leitungsstab der Behörde in Nürnberg nach schriftlicher Anfrage entschieden. Das Bamf zeigt sich sehr kooperativ und offen.

Bald wird Hossam in ein Büro gebeten, wo eine Sachbearbeiterin und der Dolmetscher warten. Zunächst werden die Personalien aufgenommen. Hossam erklärt, er sei in Damaskus geboren und arabischer Palästinenser, verheiratet und Muslim. Am 24. September sei er mit seiner Familie nach wochenlanger Flucht über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Österreich nach Bayern gekommen. Welche Verkehrsmittel? Auto, Boot, Bus. Hat er in einem anderen Land Asyl beantragt? Nein. Seine wirtschaftliche Lage in Syrien? Die sei gut gewesen. Beruf? Balletttänzer. Leben noch Angehörige in Syrien? Ja, Eltern, Geschwister, Großfamilie. Verwandte in Deutschland? Ja, Bruder, Schwester, eine Tante und drei Onkel.

So geht es hin und her. Ganz entspannt. Hossams Beine, die anfangs nervös wippen, kommen langsam zur Ruhe. Husham Al-Taie, der Dolmetscher, ist sehr freundlich und bemüht. Sachbearbeiterin Sabah Mohhammad schaut meist auf den Bildschirm und tippt Daten ein. Zwischendurch streikt mal der Drucker. Durch die Fensterfront strahlt die Sonne herein. Wärme breitet sich aus. Hossam zieht seine Jacke aus.

Statt einer persönlichen Anhörung, die sich mitunter über Stunden hinziehen kann, muss Hossam als Syrier anschließend nur einen Fragebogen ausfüllen. Dafür erklärt er sich einverstanden, statt einer Asylanerkennung nur den Antrag auf Feststellung von Flüchtlingsschutz zu stellen, wie es offiziell heißt. Nur so ist ein beschleunigtes Verfahren möglich. Nachteile sollen Hossam dadurch nicht entstehen, steht in dem Formular, die Rechtsfolgen seien gleich. Ob er in Syrien Verfolgung befürchtet? Hossam kreuzt mit Ja an, nein antwortet er auf die Frage, ob er Dokumente vorlegen kann zu den Gefahren, die ihm drohen. Berufssoldat oder Polizist ist er nie gewesen. Erst recht nicht Mitglied einer nichtstaatlichen, bewaffneten Gruppierung. Politisch betätigt hat es sich ebenfalls nie. Ja, erklärt Hossam weiter, er sei Augenzeuge von Kriegsverbrechen geworden. Übergriffe wie Folter von kämpfenden Einheiten gegen die Zivilbevölkerung hat er jedoch weder gesehen, noch war er selber davon betroffen. Wurde er Zeuge von Hinrichtungen? Vom Einsatz von Chemiewaffen? Nein. Am Schluss unterschreibt Hossam den Fragenbogen in arabischer Schrift – von rechts nach links. Er bekommt eine Kopie.

Nachdem auch seine Frau das Prozedere hinter sich hat, wird das Ehepaar erkennungsdienstlich behandelt, wie es im Amtsjargon heißt. Die Körpergröße wird genau gemessen, dann werden Fotos gemacht und elektronische Fingerabdrücke genommen. Die drei Kinder schauen neugierig zu. An Ort und Stelle erfolgt der Abgleich mit Datenbanken des Bundeskriminalamts und mit Eurodac, einer europäischen Stelle. Alles in Ordnung mit den Hasans.

Geschafft. Den Bescheid bekommen sie bald zugeschickt. Nach gut zwei Stunden ist dieser wichtige Schritt in ein neues Leben in Sicherheit getan. „Ich bin glücklich und erleichtert“, meint Hossam. Seine Frau Rasha lacht wie schon lange nicht mehr. Im Warteraum treffen die Hasans andere Bekannte, die sich erkundigen, ob alles gut gelaufen sei. Die Leute erzählen sich alles, reden und reden und reden. Machen Scherze und lachen. Die Kinder rennen und toben herum. Und dann wird erst einmal Brotzeit gemacht, denn am Morgen hat in der Aufregung und Eile keiner etwas essen können. Aus einem Einkaufsroller und Plastiktüten ziehen die Frauen Wasserflaschen und Plastikdosen mit belegten Fladenbroten hervor. Anschließend zieht die ganze Gruppe mit Kind und Kegel nach draußen, an die frische Luft. Erst einmal in Ruhe eine Zigarette rauchen. „Schauen wir uns doch München an“, schlägt Hossam vor.

Der Vormittag beim Bamf, so scheint es, klingt aus wie ein vergnügter Familienausflug. Doch plötzlich ertönt lautes Geschrei: Vor dem Gebäude stürzt sich ein Mann auf eine Frau, umklammert sie und brüllt wie von Sinnen. Die Frau stürzt zu Boden, der Mann liegt auf ihr, schreit und schreit. Menschen eilen hinzu, versuchen den Aufgebrachten zu beruhigen und helfen der Frau auf. Der Sicherheitsmann ruft die Polizei. „So etwas passiert hier öfter, wenn es nicht klappt mit dem Asylverfahren oder du noch eine Anhörung hast“, weiß Hossam aus Schilderungen. Als die Polizei eintrifft, sind die Leute längst verschwunden. Es kehrt wieder Ruhe ein vorm Bamf.

Hossams Familie ist die Freude an einer Stadtbesichtigung vergangen. Die Kinder sind hundemüde. Langsam setzen sich alle in Bewegung in Richtung U-Bahn-Station. Vorbei an einem jungen Mann, der, zwischen leeren Blumentrögen vor neugierigen Blicken geschützt, seine Jacke wie einen Teppich auf dem Gehsteig ausbreitet und betet. Hossam blickt zu ihm und nickt: „I ’m happy.“


Donaukurier
 
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