Dass Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) drauf und dran ist, nach der Bundestagswahl als neuer Bundesinnenminister nach Berlin zu gehen, ist schon länger klar. Das Kalkül dahinter: Dem Wähler klarmachen, dass es sich in keinem anderen Bundesland so sicher lebt wie in Bayern - und die Aussicht darauf, dass das bayerische Modell von starker Polizei und hoher innerer Sicherheit, von Null-Toleranz und harten Durchgreifen in ganz Deutschland wirksam werden könnte.

In der Tat können sich die bayerischen Zahlen sehen lassen: So ist nach den vorläufigen Meldungen der weiß-blauen Polizeipräsidien für das erste Halbjahr 2017 die Zahl der Straftaten (ohne die vor allem durch illegale Grenzübertritte von Flüchtlingen verursachten ausländerrechtlichen Verstöße) im Vergleich zum ersten Halbjahr letzten Jahres um knapp 20 600 auf 281 942 gesunken. Die Zahl der Wohnungseinbrüche sank um 595 auf 3617, ein Minus von knapp 14 Prozent. Gleiches gilt für Diebstähle (minus 10,7 Prozent), Vermögens- und Fälschungsdelikte (minus 8,5 Prozent), Rohheitsdelikte (minus 6,6 Prozent), Straßenkriminalität (minus 6,8 Prozent) und Körperverletzungen (minus 7,8 Prozent).

Für Herrmann, seit fast zehn Jahren bayerischer Innenminister, eine gute Berlin-Bewerbung. Alleine: Auf einem Feld ergibt sich eine bedenkliche Steigerung der Fallzahlen: 685 Vergewaltigungsfälle verzeichnet die Statistik für das erste Halbjahr 2017 - 222 Fälle mehr, ein Plus von sage und schreibe 47,9 Prozent.

Herrmann passt die Statistik gar nicht ins politische Kalkül. Entsprechend alarmiert zeigte er sich gestern nach einer Kabinettssitzung. Dass er dabei betont, gerade die Zahl der durch Zuwanderer begangenen Vergewaltigungsdelikte sei erheblich angestiegen, um 60 auf insgesamt 126 Fälle, ein Plus von 90,9 Prozent, illustriert allerdings nur einen Teil des Anstiegs: Denn der andere Teil des Anstiegs, 162 Vergewaltigungsfälle, geht eben nicht auf das Konto von Flüchtlingen, wie Herrmann einräumt. Es sei "eindeutig", dass auch die Zahl "deutscher Tatverdächtiger" deutlich angestiegen sei. Eine Zahl, wie viele der Fälle in Flüchtlingsunterkünften begangen wurden, hatte der Minister nicht parat.

Herrmann zeigte sich "besorgt", die Steigerung sei "erschreckend", sagte er gestern. Und: "Unsere Polizeiexperten arbeiten derzeit an einer detaillierten Analyse der Statistikdaten. Unser Ziel ist, die Sexualstraftaten noch gezielter zu bekämpfen, auch in Asylunterkünften." Das bayerische Landeskriminalamt (LKA) soll nun "kurzfristig" die Daten auswerten - und Ursachenforschung betreiben.

Angesichts der Volksfestzeit im Freistaat und der Tatsache, dass in vielen Fällen Alkoholkonsum eine große Rolle spielt, spricht Herrmann von einer "offensichtlich erhöhten Gefahr für solche Delikte" und einer "besonderen Herausforderung". Er will nun die Polizeipräsenz erhöhen, mehr Videoüberwachung und "gezielte Präventionsmaßnahmen" ergreifen.

Für Herrmann steht gleichwohl fest, "dass dazu auch die wirksame Begrenzung der Zuwanderung und die konsequente Abschiebung abgelehnter Asylbewerber einen Beitrag leistet". Außerdem fordert er, im Kampf gegen Sexualstraftaten dürfe auch die Auswertung der rechtlichen Befugnisse für DNA-Proben kein Tabu sein.