Wie gern wäre ich weiterhin Patient bei meinem Hausarzt geblieben. Als Fußgänger wäre dies möglich, als Rollstuhlfahrer nicht. Ein stufenloser Zugang zur Praxis fehlt, manche Untersuchungen werden im anderen Stockwerk durchgeführt und eine Toilette für Behinderte gibt es auch nicht. Dass in einer alteingesessenen Praxis oft keine baulichen Veränderungen vorgenommen werden können, leuchtet jedem ein, dass aber Baufirmen die Bauordnung, die in öffentlich zugänglichen Gebäuden Barrierefreiheit vorschreibt, umgehen, Bauherren beim Vermieten "tricksen", Genehmigungsbehörden genehmigen, aber nicht mehr kontrollieren, zeigt den Stellenwert von Behinderten.

Freie Arztwahl steht nur auf dem Papier. Noch schwieriger für einen Rollstuhlfahrer ist es, einen Facharzt (Zahnarzt, Hautarzt usw.) mit behindertengerechter Praxis zu finden. Oft bleibt einem nur der beschwerliche Weg in eine Klinik und der ist ohne Helfer kaum zu schaffen. Dass Ärzte oft nicht besonders scharf sind auf die Behandlung von Behinderten, liegt wohl auch an dem engen Abrechnungskorsett, in das sie von den Krankenkassen gepresst sind. Für einen Rollstuhlfahrer brauche ich als Arzt mehr Zeit und sollte anders abrechnen dürfen. Warum ist das kein Thema für einen Ärzteverband? Ein Gütesiegel für barrierefreie Praxen, wie es der Bayerische Landtag vorschlägt, ist vielleicht weniger erfolgreich als die Bitte an die Ärzte, sich freiwillig an unsere Beratungsstellen (Kommune, Landratsamt, VdK) zu wenden und mitzuteilen, ob ihre Praxis rollstuhlgerecht ist und ob sie Behinderte behandeln.

Die Ärzte, für die der Eid des Hippokrates immer noch ethische Grundlage ihres Handelns ist, haben damit sicher kein Problem.

Irmtraud Egger, Reichertshausen