Pfaffenhofen: Mehr Frauen lernen das Verteidigen
Abwehren vom Boden aus: Wing-Tsung-Ausbilderin Doris Strauß greift an, Kursteilnehmerin Melanie Stallmach verteidigt sich. - Foto: Brenner
Pfaffenhofen

Noch wirken die Angriffe etwas fahrig. Beinahe in Zeitlupe führt die junge Frau ihren Arm auf ihre Gegnerin zu, die ebenso langsam mit der flachen Hand abwehrt und versucht, den Angriff nach unten abzuleiten. "Da tu ich mich noch hart", sagt sie, die andere lacht mitfühlend. Die beiden Frauen absolvieren eine Probestunde bei der Wing-Tsung-Schule in Pfaffenhofen. Sie wollen Techniken lernen, mit denen sie einen potenziellen Angreifer abwehren können.

Beide wollen ihre Namen nicht nennen, weil sie Angst haben, dass ihre Motivation ihnen als rechtsradikal ausgelegt werden können. "Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, die meisten bei uns in Rohrbach halten sich an die Regeln." Doch von einigen männlichen Flüchtlingen habe sie bereits "gewisse Blicke" bekommen, "so von oben bis unten, das ist mir sehr zuwider". Es komme ihr fast skurril vor, dass sie sich in ihrer Heimat so unsicher fühlt. "Es ist traurig, dass es so ist."

Aus der Polizeistatistik lässt sich bisher keine reelle Gefahr ableiten, allerdings sind die Zahlen für das Jahr 2015 noch nicht freigegeben, so Sprecherin Michaela Grob vom Polizeipräsidium Oberbayern-Nord. Dazu kommt, dass bekanntlich die Dunkelziffer bei Sexualdelikten extrem hoch ist, weil viele Opfer die Fälle aus Scham nicht anzeigen. Vier Vergewaltigungen gab es im Landkreis im Jahr 2013, ein Jahr später waren es fünf Fälle. Die anderen Sexualdelikte waren in den beiden Jahren rückläufig, so wurden 26 Beleidigungen auf sexueller Grundlage im Jahr 2013 angezeigt, 2014 waren es 16 Anzeigen.

Diese Zahlen können auch die Trainingspartnerin der Rohrbacherin nicht beeindrucken. Sie hatte vor zwei Wochen einen "Aha-Effekt": Am helllichten Tag joggte die Pfaffenhofenerin draußen in Richtung Wald, weiter kam sie nicht. "Ich habe mich einfach nicht in den Wald getraut." Eine Bekannte von ihr sei vor 20 Jahren beinahe vergewaltigt worden, aber damals sei sie nicht so beunruhigt gewesen. "Man liest ständig von Übergriffen, und zwar auch im ländlichen Raum", sagt sie. Das Kampfsporttraining will sie nun langfristig angehen.

Dabei ist sie nicht allein. "In den vergangenen Wochen haben wir ungewöhnlich viele Anfragen von Frauen, die Selbstverteidigung lernen wollen", sagt Wolfgang Müller, Leiter der Wing-Tsung-Schule in Pfaffenhofen. 40 Mitglieder hat die Schule, mittlerweile kommen ein Viertel der Anfragen von Frauen. Müller hält die Anliegen der Frauen für sinnvoll, allerdings seien die Techniken - beim Wing-Tsung geht es um das geschickte Umleiten der Kräfte des Gegners - nicht innerhalb einer Woche erlernt. "Es dauert etwa ein Jahr, bis man einigermaßen sicher ist - und auch dann kann man sich noch nicht gegen alles und jeden verteidigen."

Mittlerweile stellen sich die Kampfsportschulen auf den neuen Trend ein. Der Geschäftsführer der Yi-Jing-Do-Kampfkunstakademie in Pfaffenhofen, Uwe Wischhöfer, lehrt eigentlich Taekwondo und Hapkido - doch jetzt wird er diese Kampfsportarten mehr mit Kickboxen vermischen. "Es wird gefährlicher, die Bedrohung ist da", sagt er. Deshalb will er seinen Schülern mehr das lehren, was auf der Straße wirklich funktioniert - und da ist Kickboxen effektiver. "Zumal das Taekwondo-Training ja immer auf Fairness und Partnerschaft beruht - ganz anders als Angriffe auf der Straße." In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil der Frauen in seiner Schule verdoppelt. "Viele kommen mit einem bestimmten Ziel her", sagt Wischhöfer. "Die Selbstverteidigung rückt wieder in den Fokus."

Auch der dreiteilige Selbstverteidigungskurs der Volkshochschule ist in diesem Jahr stärker besucht. Er richtet sich ausschließlich an Frauen. 14 Personen dürfen teilnehmen, ein Drittel davon steht auf der Warteliste. "Das ist heuer im Vergleich schon eine große Zahl", sagt Kursleiterin Angelika Müller.

In Scheyern gibt es beim Kampfsport im Kloster ebenfalls eine "stetige Zunahme" der Anmeldungen in den vergangenen Jahren, so Trainer Christian Zull. Momentan findet kein Training statt, doch auf der Warteliste stehen bereits 35 Personen. Gelehrt werden vorwiegend Selbstverteidigungstechniken.

Diese spielen für die 18-jährige Wing-Tsung-Schülerin Melanie Stallmach eher eine untergeordnete Rolle. "Ich habe einfach eine neue Herausforderung gesucht", sagt die Pfaffenhofenerin. Trotzdem hat sie an sich ein neues Selbstbewusstsein entdeckt: "Wenn jetzt jemand einen blöden Spruch reißt oder anzüglich wird, weiß ich, dass ich bei einem Angriff den Vorteil der Überraschung habe." Auch Kursteilnehmer Andreas Pichler aus Neuburg sieht die eigene Veränderung durch das Wing-Tsung-Training. "Früher hatte ich immer eine Opferhaltung, heute werde ich nicht mehr angegriffen. Allein mein Blick verrät, dass ich kein Opfer bin."