Pfaffenhofen: Barfuß über glühende Kohlen
Die Flammen schlagen hoch: Unsere Mitarbeiterin Jana Axthammer (oberes Bild, rechts) läuft barfuß über das brennende Kohlefeld. Mentalcoach Silvia Maute führt sie. Unten stimmt sich die Gruppe auf den Feuerlauf ein. „Ihr werdet einzig und allein alle gemeinsam im Rhythmus ,Kühles, feuchtes Moos// laut sprechen“, sagt Maute. - Fotos: Axthammer
Pfaffenhofen

Ganz genau weiß ich noch nicht, was auf mich zukommt. Und was ist eigentlich Mentaltraining? Mental bedeutet per Definition „auf den menschlichen Geist und seine Funktionsweise bezogen“. Darunter alleine kann ich mir noch nicht allzu viel vorstellen, die meisten Gesichter der etwa 20 Teilnehmer wirken jedoch freudig-gespannt – sie scheinen schon Erfahrung mit dem Thema zu haben. Da sind Abiturienten genauso wie Geschäftsleute, Hausfrauen, aber auch einige Paare.

Man merkt Maute, einer 47-jährigen Österreicherin, die seit über 20 Jahren in Pfaffenhofen lebt und hier ihre Praxis betreibt, an, dass sie hinter ihrem Handeln steht: Sie strahlt mit ihrem selbstbewussten Auftreten nicht nur Versiertheit und Dominanz aus, sondern auch Menschlichkeit und Sympathie. Die Zuhörer hängen konzentriert und höchst aufmerksam an ihren Lippen: „Die mentale Ebene ist das Unterbewusstsein, das heißt nur vier Prozent unseres Lebens steuern wir bewusst. Wir müssen also lernen, unser Unterbewusstsein mental neu zu programmieren.“ Beispielsweise mit griffigen Sätzen soll man dies schaffen. Mit „Ich akzeptiere die Vergangenheit“, „Ich will leben“ oder auch „Ich bin liebenswürdig“ werden positive Gedanken erzeugt. In allen Bereichen gilt es, Ziele zu definieren und gezielt an der Erreichung derer zu arbeiten. Man muss die Angst vor der Angst ausschalten, vor Zielen eben nicht Angst haben.

Und nun dämmert es mir langsam, was das heutige Ziel sein soll: Darum also der riesige Holzstapel vor dem Seminarraum – wir Teilnehmer sollen heute das Ziel haben, über glühende Holzkohlen zu laufen und dabei keine Angst haben. Etwas bange ist mir bei der Vorstellung schon, aber Silvia Maute erklärt, dass sie schon über 70 Feuerläufe veranstaltet hat und uns alle gut darauf vorbereiten wird.

Immer wieder gibt die Seminarleiterin Anweisungen, bestimmte Fragen zu den großen Themen des Lebens zu notieren und für sich alleine zu beantworten. Jeder ist ruhig und konzentriert, um bei meditativer Musik in sich eine Antwort zu finden. „Wie wirke ich auf andere“, „Was kann ich verändern“, „Worauf kann ich stolz sein“

Maute arbeitet gerne mit Schlagworten, symbolischen Mitteln und kniffligen wie auch überraschenden Aufgabenstellungen. „Verbindet die Kreise mit vier geraden Linien ohne abzusetzen!“, gibt „die Maute“, wie sie sich selbst oft im Laufe des Tages nennt, als neue Problemstellung: Neun im Quadrat angeordnete Kreise sind die Vorgabe – keiner scheint eine Lösung zu finden. „Denkt doch auch mal außerhalb eurer Lebensbox“, sagt sie und verbindet die auf dem Flipchart aufgemalten Kreise, in dem sie die Linien über die Quadratform hinaus verlängert und die Aufgabe damit lösen kann.

Außerhalb meiner Lebensbox ist jedenfalls definitiv die Vorstellung, heute noch über glühende Holzkohlen zu laufen. „Ihr dürft keine Angst haben, euch Ziele zu setzen. Denn das hindert euch daran, den ersten Schritt zu tun. Heute werdet ihr diesen ersten Schritt aber machen. Und euer Ziel erreichen.“

Jetzt geht es so langsam in die – wortwörtlich – heiße Phase des Seminars, der Feuerlauf steht kurz bevor. Die heißen, mächtig auflodernden Flammen draußen in der Dunkelheit haben auf uns bereits mächtig Eindruck gemacht. Maute erklärt schließlich bei einer Trockenübung im Raum, wie alles genau ablaufen wird. Dazu stellen sich die Teilnehmer in Reih' und Glied auf und spielen alles durch: „Ich reiche euch die Hand und dann gehen wir los. Am Ende der Kohle werden eure Füße mit Wasser abgespült und ihr sagt dem nächsten ,Füße abputzen!’“ Mautes Anweisungen sind kurz, knapp und streng. Das ganze Unterfangen ist nicht ganz ohne Risiko. „Es kann schon sein, dass der ein oder andere von euch Brandblasen davon trägt. Wenn es so ist, werden wir eure Füße genau betrachten und daraus ableiten können, wo ihr im Körper möglicherweise einen Problemherd habt.“ Einen Moment komme ich schon ins Grübeln, ob ich mich dieser Gefahr tatsächlich aussetzen soll, doch schließlich siegt meine Neugier auf das Außergewöhnliche.

„Wir werden uns nun bewusst auf den Feuerlauf einstellen. Wenn wir gleich hinaus gehen, wird kein Wort mehr gesprochen, bis ich den Lauf beende. Ihr werdet einzig und allein alle gemeinsam im Rhythmus ,Kühles, feuchtes Moos' laut sprechen.“

Draußen macht der Glutteppich auf alle Eindruck, dennoch stellt sich jeder wie geübt im Halbkreis auf und auf Kommando beginnt die Umsetzung des heutigen Ziels. Das rhythmische Sprechen „Kühles, feuchtes Moos“ wirkt eigentümlich, hilft doch aber tatsächlich bei der Konzentration auf das Wesentliche – das Einzige, was jetzt zählt. Keiner zögert, alle gehen nacheinander entschlossenen, zügigen Schrittes über die Glut hinweg.

Ich stehe weiter hinten, mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Bis ich an der Reihe bin, habe ich mich aber im Griff und wage das Unterfangen. Silvia Maute reicht mir ihre Hand und schon spüre ich die Hitze unter meinen Füßen. Alles geht schnell, die wenigen Meter sind schnell überwunden. „Füße abputzen“ wird mir mit einem kräftigen Griff an meine Schultern verkündet. Ach ja, tatsächlich. Hier bin ich und ich habe es geschafft! Es war heiß – es war reale, heiße Glut. Ich habe mein Ziel erreicht. Ich habe es geschafft. Ich kann Dinge, von denen ich zuvor nicht geahnt hatte, dass es geht. Mein Blick richtet sich in die Gruppe und ich sehe lauter stolze, von sich selbst überraschte Gesichter. Als Maute verkündet, dass wir es alle geschafft hätten, jubeln wir und die Skandierung „Kühles, feuchtes Moos“ verstummt. Es war wohl doch heiße, trockene Glut.