Erstaunlich - und erfreulich! - knapp dahinter bei der Fahnenträger-Wahl: die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein. Sie ist die erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin, steht insofern nach sportlichem Erfolg gemessen keineswegs hinter Frenzel zurück, im Gegenteil. Und sie ist auch mit fast 46 Jahren noch immer Weltspitze. Als Persönlichkeit jedoch ist sie für viele eine Reizfigur. In dieser Hinsicht also das direkte Gegenbild zu dem umgänglichen und immer freundlichen Frenzel. Einst war sie unter Doping-Verdacht gestellt. Und heute tritt sie oft schroff auf, "polarisiert" und "kennt nur Schwarz-Weiß", wie ein Reporter bei ihrem ersten Auftritt über 3000 Meter in Pyeongchang meinte, anmerken zu müssen.

Kann ein Athlet, eine Athletin mit einer solchen Vita und einem solchen Auftreten gleichermaßen Vorbild sein wie diejenigen ohne Ecken und Kanten, die einem immer zuerst bei diesem Thema einfallen? Entschieden ja! Claudia Pechstein ist sogar geradezu prädestiniert für eine solche Rolle. Warum? Die Dopingsperre war aufgrund einer biologischen Anomalie, die zunächst nicht als solche anerkannt worden war, über sie verhängt worden. Und im Interesse eines möglichst konsequenten Anti-Doping-Kampfes war ein entsprechender Verdacht spontan zweifellos berechtigt. Genetische Besonderheiten aber sind im Spitzensport anerkannte "Normalität". Und deshalb sind in der Urteilsbildung der öffentlichen Meinung bis zum Nachweis des Gegenteils stets Vorsicht und Zurückhaltung geboten. Dieser Vorschuss einer Unschuldsvermutung aber ist Claudia Pechstein über längere Zeit in ziemlich rüder Manier verweigert worden.

Die für Doper ganz untypische Offenheit, Entschlossenheit und Beharrlichkeit jedoch, mit der Pechstein ihre persönlichen Daten veröffentlichte und um ihre berechtigte persönliche, sportliche und nicht zuletzt auch berufliche (sie ist Polizeihauptmeisterin) Rehabilitierung kämpfte, gab ihr schließlich den ihr gebührenden Respekt und die sportliche Starterlaubnis zurück. Die Härte und Kompromisslosigkeit ihres persönlichen Auftretens seither ist eine nachvollziehbare Reaktion auf die seelischen und moralischen Verletzungen (und erheblichen materiellen Verluste), die sie durch den letztlich unbegründeten Verdacht erlitten hatte.

Wer also kann ein Vorbild im Sport und sogar über den Sport hinaus sein? Natürlich diejenigen, die sich in besonderer Weise nachahmenswert verhalten. Aber jemand, der wie Claudia Pechstein darüber hinaus durch das tiefe Tal von existenzbedrohenden Krisen gehen muss, sich dadurch nicht entmutigen lässt, sich wieder herauskämpft und unbeirrt "einfach weiter macht", ist sogar besonders geeignet dafür, als Vorbild aus der Menge herausgehoben zu werden. Mehr als viele andere, deren Erfolgsweg bruchlos verläuft und nicht - insbesondere im schon fortgeschrittenen Athletenalter - durch solche aufgezwungenen Unterbrechungen und Demütigungen belastet wird.

Sven Güldenpfennig war Professor für Sport- und Kulturwissenschaft in Berlin und Hamburg sowie wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Olympischen Instituts. Güldenpfennig lebt jetzt im Ruhestand in Vohburg und kommentiert für unsere Zeitung die Olympischen Winterspiele in Südkorea.