Ingolstadt: Der Herr der Augenringe
Einsatz am Fantas-Tisch: Tag und Nacht wird bei der Marathonlesung des Herrn der Ringe vorgetragen, selbst wenn niemand im Publikum sitzt. Mit dabei DK-Redakteur Johannes Hauser.
Ingolstadt
Es ist kurz vor vier. Ich bin einigermaßen müde, aber ich konnte mich erst gegen Mitternacht von der Lesung losreißen, habe Frodo und seine Gefährten bis vor wenigen Stunden noch bis zu ihrer ersten Begegnung mit den Elben begleitet, saß mit ihnen am Tisch von Bauer Maggot und fuhr weiter über die Bockenburger Fähre über den Brandywein.
 
Das Licht der Harderbastei fällt in den Hof, gerade kommt ein Sicherheitsmann durch den Torbogen. Er sieht nicht so müde aus, wie ich mich fühle, obwohl er seit 20 Stunden wach ist, wie er sagt. Er versucht, in Bewegung zu bleiben. „Wenn mir jemand etwas vorliest, schlaf ich immer ein“, sagt er.

Die fantastischen Stuhlwesen in der Bastei sind unbesetzt. Auf einer Couch sitzen drei Frauen, auf der Bühne beendet Miriam Bonschosch gerade ihren Vortrag, Matthias Hofbauer übernimmt. Ich kontrolliere die Liste der Vorleser. Wir liegen eine halbe Stunde hinter dem Zeitplan. Für mich heißt das Warten. Eineinhalb Stunden lang. Ich setze mich auf eine grüne Couch, die mit künstlichem Gras überzogen ist, und höre zu. Ich werde Zeuge des Angriffs auf der Wetterspitze, wie der Anführer der Nazgul Frodo verletzt, die Rettung durch Aragorn. Die wenigen Zuhörer tauschen immer wieder Blicke aus, nicken sich zu. Es ist das Gefühl einer Gemeinschaft, die sich hier einer, – zugegebenermaßen eigenwilligen – Aufgabe stellt. Alle vereint in der Begeisterung für dieses Buch. Für Außenstehende mag das verrückt wirken, doch wir hier sind uns einig.

Ein weiterer Leserwechsel. Renate Mendel ist an der Reihe. Sie steht auf, setzt sich auf den Stuhl neben Hofbauer, und als er fertig ist, beginnt sie mit ihrem Part, begleitet die Hobbits und den Waldläufer weiter auf ihrem Weg Richtung Bruchtal. Direkt nach Sams Troll-Gedicht übernehme ich. Mein Kapitel beginnt mit der Begegnung zwischen den Hobbits und dem Elb Glorfindel, einer Figur, die Peter Jackson in seiner bekannten Verfilmung herausgelassen hat, obwohl sie doch in der Fantasiewelt Mittelerde so eine wichtige Rolle spielt. Ich schildere mit den Worten des Autors J.R.R. Tolkien die Müdigkeit der Hobbits und des Waldläufers, wie sie sich torkelnd hinter ihrem neuen Führer durch das Unterholz schlagen. Ich stolpere ähnlich unbeholfen durch die ersten Textpassagen.

Als ich mich im Licht auf der Bühne langsam zurechtfinde, und das Kopfkino beginnt, geht es besser: der neuerliche Angriff der neun Reiter, die Flucht über den Bruinen-Fluss. Ich versuche, etwas schneller zu lesen. Ich unterbreche kurz und werfe einen Blick auf meine Stoppuhr. Vielleicht gelingt es ja, etwas Zeit einzuholen, die spannende Stelle lässt sich ohnehin nicht langsam lesen.

Konzentriert auf den Text, kann ich nur ganz selten einen Blick in den Zuschauerraum werfen. Zuerst glaube ich, er ist völlig leer. Nur einige Sitzmöbelmonster glotzen zu mir herauf. Dann entdecke ich die drei Frauen. Sie tun das, was Hobbits an ihrer Stelle tun würden: Sie frühstücken. Eine weitere Frau betritt die Bastei. Das muss Beatrix Müller sein. Sie wird mich ablösen, wenn ich den Dialog zwischen Frodo und Gandalf in Elronds Haus vorgelesen habe. Mittlerweile liegt auch ein dösender Hund zwischen den Stuhlreihen.

Frodo steht der Sinn nach seiner tagelangen Ohnmacht ebenfalls nach Essen. Mein Vortrag neigt sich dem Ende zu. Ich nehme mir schon vor, auf dem Heimweg bei einem Bäcker vorbeizuschauen. Ein kurzer Blickwechsel, Müller kommt zu mir herauf und beginnt zu lesen. Ich versuche, möglichst leise die Bühne zu verlassen.

Die Zeit ist schnell vergangen. Zu schnell. Ich widerstehe der Versuchung, mich hinzusetzen und weiter zuzuhören. Durch den Torbogen geht es nach draußen. Die Sonne scheint, ich muss blinzeln. In Elronds Haus beginnt das elbische Festmahl mit einem geheimnisvollen Elbentrank, weißem Brot, würzigen Früchten, Kaffee und einem Schanzer Nusshörnchen.