Ingolstadt: Auf der Suche nach der Stille
Foto: Cornelia Hammer
Ingolstadt

Annemarie Schwankl vom Art-Hotel an der Manchinger Straße (Pfeffermühle) ist ganz anderer Meinung. "Bei uns werden Sie vom Straßenlärm geweckt", klagte sie in einem Brief an den DK. "Und warum? Weil die Stadt nichts dagegen unternimmt." Sie hält sogar den beidseitigen Geh- und Radweg für überflüssig, fordert stattdessen eine Lärmschutzmauer, wie sie an der Westlichen Ringstraße steht. "Dies wäre in der Manchinger Straße stadtauswärts ebenso möglich!" Abgase und Lärm, schreibt Schwankl weiter, "beeinträchtigen uns, unsere Gäste und alle Anwohner gesundheitlich".

Gesundheit ist eines der Themen, um das sich Umweltreferent Rupert Ebner von Amts wegen zu kümmern hat. "Um die Umweltstandards einzuhalten, erfordert der Lärmschutz finanziell den größten Aufwand", weiß der Referent und verweist auf die hohen Kosten zum Beispiel für die Lärmschutzwände entlang der Schnellbahntrasse. In Ebners Ressort ist Burkhard Förster der Fachmann mit der größten Erfahrung in Sachen Lärmschutz. Zum Inventar von Försters Büro gehören unter anderem mehrere Messgeräte, deren moderne Exemplare auf Wunsch von Ingolstädter Bürgern immer wieder zum Einsatz kommen. "Es wird oft gefordert, dass das Umweltamt selbst misst", sagt der Experte. Dabei habe sich gezeigt, dass die allgemein übliche Methode der Berechnung von Lärmwerten in der Regel eher zum Vorteil der Bürger ausfällt.

Förster erinnert an ein Pilotprojekt des bayerischen Umweltministeriums aus dem Jahr 1992, das sich "Lärmminderungsplanung" nannte. Ingolstadt sei von Anfang an dabei gewesen. Seit 1996 verfügt die Stadt über einen Lärmminderungsplan. "Die Lärmkarten erfassen nicht nur die Randbebauung von Verkehrswegen, sondern flächenhaft das gesamte Stadtgebiet", erklärt der Mitarbeiter des Umweltamtes.

Die Unterlagen sind erstaunlich detailliert. So kann man einzelne Straßenzüge auf der Karte heranzoomen und findet dann Werte wie tägliche Kfz-Belastung, zulässige Höchstgeschwindigkeit, gegebenenfalls Art des Flüsterbelags und natürlich die örtlichen Schalldaten. Nach Angaben Försters wird die Lärmkarte von einer externen Firma, die sich auf Daten der Stadt stützt, auch regelmäßig aktualisiert.

Allerdings hat sich nach der Umsetzung einer EU-Richtlinie 2005 eine gravierende Änderung ergeben: Ziel ist es jetzt nur noch, sogenannte Lärmbrennpunkte zu lokalisieren. Das sind Stellen, an denen es mindestens 50 Betroffene gibt und die Dezibelwerte von 67 am Tag und 57 in der Nacht überschritten werden. Der Haken an der Sache ist nach Einschätzung Försters, dass Straßen mit weniger als 16 500 Autos am Tag und Bahnstrecken mit weniger als 165 Zügen bei der Lärmermittlung nicht berücksichtigt werden. So würden ganze Straßenzüge, in denen die Schwellenwerte nicht erreicht werden, "fälschlicherweise als extrem ruhig eingestuft".

Entscheidend für die Bürger ist aber, was die Stadt - jenseits aller Richtlinien - tatsächlich unternimmt. Dass entlang der großen Einfallstraßen wie Goethe-, Schiller-, Münchener, Friedrichshofener oder Ettinger Straße Schallschutzwände gebaut werden, ist kaum anzunehmen. Das wäre nicht nur unbezahlbar, sondern auch eine Zerstörung des Stadtbilds.

Die Westliche Ringstraße ist insofern ein Ausnahmefall, als die Stadt dort zum Bau der Mauer rechtlich verpflichtet war. Nur bei "Neubau oder wesentlicher Änderung eines Verkehrswegs" ist dies der Fall. Burkhard Förster sagt dazu: "Leute, die an einer bestehenden Straße wohnen, die immer lauter wird, haben Pech gehabt." Ihnen bleibt nur die Hoffnung darauf, dass die Stadt einen lärmmindernden Asphalt einbaut (wie zum Beispiel in der Manchinger Straße) oder einen Zuschuss zur Installation von Schallschutzfenstern zahlt.

Die Anlieger der Autobahn warten seit vielen Jahren darauf, dass die Lärmschutzlücke auf Höhe Fort-Wrede-Straße geschlossen wird. CSU-Bundestagsabgeordneter Reinhard Brandl, der sich dafür eingesetzt hat, will eine weitere Verschiebung nicht akzeptieren. Die Autobahndirektion hatte ihm kürzlich mitgeteilt, dass der Termin 2018/19 wohl nicht eingehalten werde. "Ich habe es noch nicht aufgegeben", verwies Brandl gestern auf ein Gespräch mit der Direktion.