Ingolstadt: Rache, Sex und Linsensuppe
Die Zeit ist um: Auf dezente Weise, also mit Seifenblasen, weist Moderator Kevin Reichelt den Poetry Slammer Martin Geier daraufhin, dass seine sechs Minuten Redezeit um sind. - Fotos: Eberl
Ingolstadt

Rachegelüste sind ein gutes Thema, Sex sowieso. Aber Linsensuppe? Knapp sechs Minuten spricht Stephen aus Nürnberg über Linsensuppe, und die Zuschauer langweilen sich keine Sekunde.

Poetry Slam, das ist ein Dichterwettstreit. Nicht Goethe gegen Schiller, nicht Stabreim gegen Kreuzreim, sondern freier. Jeder Teilnehmer hat sechs Minuten Zeit, seinen Text vorzutragen, egal ob frei oder abgelesen. Ob sich die Worte reimen oder nicht, spielt keine Rolle, nur singen ist nicht erlaubt. Requisiten gibt es keine.

Die Plätze an der Donaubühne reichen kaum aus. Die Sonne scheint, und Stephen spricht also über Linsensuppe. Genau genommen geht es um Perfektion, darum, wie sich andere Menschen nach außen hin inszenieren. "Die Leute suhlen sich in ihrer Perfektion", sagter und entgegnet sich selbst: "Ich bin nicht perfekt, das ist viel zu anstrengend." Und als Beispiel dient eben die Linsensuppe - und die darauf folgenden Blähungen. Alles andere als perfekt.

Einen etwas feinfühligeren Text gibt anschließend Veronika Rieger zum Besten. Als Kind, als Jugendliche und als junge Erwachsene sitzt sie mit ihrem Opa zusammen und spielt Schach. Kunstvoll verwebt sie das Spiel der Könige mit dem Spiel des Lebens. Veronika spricht schnell und frei. Kein Laut ist zu hören im Publikum, das gespannt dem Text folgt. Nur das Rauschen des Wassers am Donaustrand untermalt die Flut der Metaphern. Am Ende ist der Opa gestorben - schachmatt. Das Publikum jubelt über den Text.

Martin Geier (nicht aus Nürnberg, sondern aus Fürth) komplettiert die erste Runde. Er taucht ein in seinen Text, ist fast mehr Schauspieler als Vortragender und erzählt lebhaft von seinen Rachegedanken, als er eine verhasste frühere Mitschülerin durch Zufall trifft.

Nach jedem Auftritt hält die fünfköpfige Jury eine Wertungstafel nach oben. Daraus geht hervor, dass Veronika Rieger nach der ersten Dreierrunde den Sprung ins Finale geschafft hat. Dabei ist Veronika ein Neuling beim Poetry Slam. Erst seit einem Jahr geht sie regelmäßig auf die Bühne, obwohl sie von sich sagt, dass sie nicht gerne im Mittelpunkt steht. "Eine Freundin hat mich damals zum ersten Auftritt gezwungen." Und dann hat sie gemerkt, dass sie mit ihren Worten die Menschen erreichen kann. "Das ist ein unglaublich gutes Gefühl", sagt sie.

Genauso in seinem Element ist Martin Geier. Sein erster Poetry Slam liegt bereits zwölf Jahre zurück. Angefangen hat er in der "Bruderschaft der Poesie". Klingt etwas nach "Club der toten Dichter" und war, wie er erzählt, tatsächlich eher lyrisch geprägt. Auf der Bühne dagegen ist der Franke weniger poetisch denn drastisch. Seine Rachegelüste schildert er im Detail, rudert dabei mit den Händen, verzieht das Gesicht, rennt schreiend um das Mikrofon.

Nach der Pause kündigt Moderator Kevin Reichelt, der souverän und mit einem Schuss Esprit durch den Abend führt, die zweite Dreierrunde an. Oliver Walter aus Spalt, Heide Roser aus Nürnberg und Julie Manseck aus Ingolstadt treten an. Ihren Heimvorteil kann Manseck nicht nutzen, sie scheidet aus. Das Finale ist Frauensache, Heide Roser setzt sich gegen Veronika Rieger durch. Doch beide Künstlerinnen kommen beim Publikum gut an, ernten viel Applaus. Während Rieger eine deutliche Botschaft für die gleichgeschlechtliche Ehe sendet, punktet Roser mit einem furiosen Text über Sex. Besser gesagt die Abwesenheit desselben. Sie plädiert für "Abstinentismus".

Die Menge jubelt und auch Kevin Reichelt ist zufrieden. "Sehr, sehr gut", lautet sein Fazit. Kaum ist die Premiere zu Ende, kündigt er an: "Ich freue mich schon auf nächstes Mal - diesen Sommer noch."