Ingolstadt: Kampf gegen eine mächtige Lobby
Keine Angst vor einflussreichen Firmen: Autor Jürgen Grässlin stellte in der Stadtbücherei sein Schwarzbuch Waffenhandel vor - Foto: Rössle
Ingolstadt

Die Bundesrepublik ist inzwischen nach den USA und Russland drittgrößter Waffenexporteur der Welt. Und das mit – so empfinden es jedenfalls Grässlin und andere Kritiker – erschreckenden Auswirkungen: Die Zahl der Opfer, die bei Konflikten weltweit auch mit deutschen Waffen getötet oder verstümmelt werden, nimmt zu.

Jürgen Grässlin hat nach mehreren anderen einschlägigen Werken jetzt das Schwarzbuch Waffenhandel (Heyne-Verlag, rund 600 Seiten, 14,99 Euro) veröffentlicht. Am Samstag hat er in Ingolstadt die bereits 45. Lesung aus diesem Werk gehalten. Rund 50 Besucher wollten sich diese Veranstaltung der Deutschen Friedensgesellschaft und des örtlichen Kurt-Eisner-Vereins am Vorabend des Volkstrauertages in der Stadtbücherei nicht entgehen lassen.

Es musste letztlich wohl mehr von einem Vortrag über die Thematik dieses Buches gesprochen werden. Grässlin illustrierte die Ergebnisse seiner ausgiebigen Recherchen mit vielen Tabellen und teils krassem, an die Nerven gehendem Bildmaterial zu den Auswirkungen von Waffengewalt rund um den Globus.

Wer das ausgiebiger nachvollziehen will, wird um die Lektüre des Buches nicht herumkommen. An dieser Stelle nur so viel: Wohl nirgendwo anders in der deutschen Öffentlichkeit wird man so umfassend und tiefgreifend mit den Strukturen der deutschen Rüstungsindustrie und den politischen Entscheidungsmechanismen für den Waffenexport vertraut gemacht. Letztere sind übrigens keinesfalls demokratisch kontrolliert, wie Grässlin ausdrücklich betont: Im Bundessicherheitsrat fällen Kanzler respektive Kanzlerin und wenige Minister die Entscheidungen zu den großen Rüstungsgeschäften durchaus einsam und, will man dem Autor hier folgen, auch aufgrund eifriger Lobbyarbeit, die laut Grässlin vereinzelt sogar von ranghohen Abgeordneten aus Gründen der Wahlkreispflege befeuert wird.

Der Autor scheut auch keine juristischen Auseinandersetzungen, legt es sogar durch provokante Aussagen darauf an, von den kritisierten Firmen vor Gericht gezerrt zu werden, um dann umso mehr Öffentlichkeit zu haben. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die vor allem für ihre Schnellfeuergewehre und Maschinenpistolen bekannte Firma Heckler & Koch nennt er „das tödlichste Unternehmen in Europa – von den Opferzahlen her“. Weltweit kamen seiner Schätzung nach durch Waffen allein dieses Herstellers bislang mindestens zwei Millionen Menschen ums Leben.