Zellengitter
Das Leben hinter Gittern hinterlässt tiefe Spuren. Oft reichen wenige Tage, um schwere psychische Schäden anzurichten, wie sich bei Untersuchungshäftlingen immer wieder zeigt.
© 2012 AFP (Symbolbild)
Ingolstadt

Es brach wie ein gewaltiges Erdbeben über ihn herein, so plötzlich, überaus heftig und absolut zerstörerisch. Franz Gersthofer - wir haben alle Namen geändert - spricht nur vom "Tag X", wenn es um dieses Ereignis geht, das sein weiteres Leben bis in den letzten Winkel umkrempelte. Noch heute, gut 20 Jahre später, steigen die Emotionen in ihm auf, sobald er daran denkt. Dabei befindet er sich inzwischen längst im Ruhestand. An jenem "Tag X" also tauchten Polizei und Staatsanwaltschaft in dem Ingolstädter Unternehmen auf, wo Gersthofer seit langer Zeit arbeitete. "Ich habe gar nicht verstanden, was da eigentlich passierte, das war alles so diffus. Sie haben was von Bestechlichkeit, Betrug und Untreue gesagt, aber das Ganze nicht konkretisiert."

Wenige Stunden später sitzt er im Gefängnis. Es folgen 22 Tage in Untersuchungshaft, eine Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit erscheint, ohne Kontakt zur Außenwelt und zur Familie. Es bringt ihn fast um, noch dazu, weil er sich keinerlei Schuld bewusst ist. Seinen Glauben an Gerechtigkeit findet er erst Jahre später wieder, als eine Strafkammer am Landgericht Ingolstadt die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft in München "mangels hinreichenden Tatverdachts" zurückweist. Was die Anklagebehörde für Mauscheleien bei Auftragsvergaben gehalten hatte, waren gar keine - es war das übliche Prozedere, wie es vom Geschäftsführer und den maßgeblichen Abteilungsleitern des Unternehmens so festgelegt worden war. "Alles das hätte man doch im Vorfeld recherchieren können, ohne einen Menschen einfach einzusperren und kaputtzumachen", sagt Gersthofers Frau Brigitte. Ihr Mann war rehabilitiert, zugleich aber ein seelisches Wrack. "Es war der totale Absturz!" Sie weint, wenn sie davon berichtet. Da helfen auch 20 Jahre Abstand nicht.

Seit der frühere Ingolstädter Klinikum-Geschäftsführer Heribert Fastenmeier in U-Haft sitzt, muss der Ruheständler öfter an dieses schwarze Kapitel in seinem Leben denken als ihm lieb ist. "Ob der Fastenmeier zu Recht oder zu Unrecht eingesperrt ist, will ich gar nicht bewerten, dazu fehlen mir die Informationen. Aber ich weiß, wie er sich fühlt. Und ich muss an die Familie denken, die mitleidet." Wer einmal auch nur eine Nacht hinter Gittern sitze, sei hinterher nicht mehr derselbe, hatte ein Ingolstädter Rechtsanwalt einmal am Rand einer Verhandlung gesagt.

Franz Gersthofer musste mehr als drei Wochen aushalten und kann es bis heute nicht fassen. "In der ersten Phase, gleich nach der Festnahme, habe ich es empfunden wie einen freien Fall senkrecht nach unten. Für mich ist die Welt zusammengebrochen, ich war völlig orientierungslos. Ich konnte nicht mehr rational denken." Selbst das Sprechen fiel ihm schwer, "du kannst dich anfangs gar nicht mehr artikulieren". Eine kleine, dunkle Zelle im Untergeschoss sollte sein erstes "Domizil" hinter Gittern sein. Nur weil er an Platzangst leidet, stecken sie ihn mit drei anderen Männern in eine größere Sammelzelle.

"Es war entwürdigend, dreckig und mit einem stinkenden Klo für alle im Eck." Stunde für Stunde vergeht, zwischendurch höchstens mal eine Vernehmung durch den Staatsanwalt. "Seine Strategie ist mir schleierhaft geblieben, ich durfte mich gar nicht rechtfertigen." Schon der Haftrichter habe ihm keine Chance gegeben, sich zu erklären. Einmal stellen die Ermittler eine Telefonverbindung zu seiner Frau her und erzählen den Eheleuten unabhängig voneinander, der jeweils andere habe um ein Gespräch gebeten, bevor man die beiden sich selbst überlässt. "Vermutlich haben sie in der Leitung mitgehört", glauben sie heute. Die mutmaßlichen Lauscher erfahren nichts, was ihre Vorwürfe untermauern würde. Sie hören nur das leise Weinen des Mannes. "Er war gar nicht mehr bei uns", sagt seine Frau im Rückblick. "Er ist uns in dieser Situation vorgekommen wie ein Außerirdischer, unerreichbar. Es war einfach nur ganz schrecklich."

Ansonsten ist es Franz Gersthofer nicht mehr erlaubt, Kontakt zur Familie aufzunehmen oder Besuche zu empfangen. "Da sitzt du den ganzen Tag und die halbe Nacht in der Zelle und grübelst: Was wollen die eigentlich von mir? Wie geht es Frau und Kindern? Stehen sie zu mir? Warum kommt denn keiner, um mich zu sehen? Ich war in einem katastrophalen Zustand." Gersthofer beginnt, ein Tagebuch zu führen.

Als er es Jahre später noch einmal liest, wirft er es weg und schämt sich dafür: "Das war so wirr." Viel aufzuschreiben gab es in jenen dunklen Tagen ohnehin nicht. Wen interessiert denn schon, wann es Kaffee oder Tee gibt und zwischen den Mahlzeiten mal ein Stück altbackenes Brot? Abends, wenn um zehn die Lichter ausgehen, kehrt noch lange keine Ruhe ein: Erwachsene Männer schreien oder weinen in ihren Zellen wie kleine Kinder. Wie soll man da schlafen? "Ich hab' Papier nass gemacht und mir in die Ohren gestopft." Wenn sie ihn doch wenigstens arbeiten ließen, um die Zeit totzuschlagen. "Aber in der U-Haft darfst du das nicht."

23 Stunden eingesperrt, eine Stunde Freigang im Innenhof, die Tage vergehen, einer so trist wie der andere. Seine Frau hat für ihn eine Sporttasche mit Kleidung und einigen Alltagsdingen abgegeben, aber die Anstalt händigt sie nicht aus. Franz Gersthofer besitzt keinen einzigen Pfennig, nicht einmal, um sich Zigaretten zu kaufen. Beim Hofgang klaubt er die weggeworfenen Kippen der anderen zusammen und dreht sich aus den Krümeln die eine oder andere Zigarette. Wie ein Obdachloser kriecht er am Boden herum. "Es war so demütigend. Wenn du als gläubiger Mensch sonntags in die Gefängniskirche gegangen bist, haben sie dir den Freigang gestrichen. Das Personal hat keinen Unterschied gemacht, ob du im Strafvollzug oder U-Häftling warst."

Nach seinem tiefen mentalen Sturz bei seiner Festnahme ist Franz Gersthofer längst in der zweiten Phase angelangt: "ganz unten im Tal". Schwere Gedanken machen sich breit. Während andere ihrem Frust lautstark Luft machen, schreit er die eigene Verzweiflung still in sich hinein. Erleichterung bringt es nicht. "Oben an der Decke ist ein Abflussrohr verlaufen, und sie haben mir meinen Gürtel gelassen - da hänge ich mich jetzt hin", schießt es ihm einmal spontan durch den Kopf. Der Gedanke an die Familie hält ihn ab. Aber geht es ihr gut? Die Isolation und Ungewissheit bringt ihn schier um.

Seinen Lieben daheim geht es kaum besser. Vielleicht ist es ganz gut, dass er erst später davon erfährt. Denn "nach seiner Festnahme habe ich drei Tage lang nicht geschlafen", erzählt seine Frau. "Unsere Tochter hat eine wichtige Prüfung geschmissen, und der Sohn ist zusammengebrochen, nachdem er anfangs noch versucht hat, uns zu trösten." Zur bangen Frage, wie es weitergeht, kommt die soziale Isolation. Bekannte, Freunde, selbst Verwandte ziehen sich zurück, als der Fall bekannt wird. Ein Nachbar, der Schwiegervater und ein Schwager gehören zu den wenigen, die der Familie Halt geben. "Da hat sich kaum noch einer getraut, Kontakt aufzunehmen. Wir haben uns sehr verlassen gefühlt, wie Aussätzige. Fast war es so, als wäre mein Mann gestorben. Einfach weg." Als Brigitte Gersthofer einmal vor dem Gefängnis steht, ohne ihn besuchen zu dürfen, schießt ihr in ihrer Ohnmacht beim Anblick der Wachtürme spontan ein Gedanke durch den Kopf: "So müssen sich die Menschen damals gefühlt haben, als sie ins KZ gesteckt worden sind."

Nach 22 Tagen endlich die Erlösung: "Kommen Sie mit, Gersthofer", sagt ein Justizwachtmeister und holt den Mann aus seiner Zelle. "Es sieht gut für Sie aus." Um ihn dann an anderer Stelle erneut einzusperren. Warum man ihn den wieder eingeschlossen habe, will er wissen, als die Tür sich nach einer halben Stunde öffnet. "Weil Mittag war", heißt es lapidar. Das Schnitzel ist offenbar wichtiger als seine mentale Verfassung - ein letztes Mal erfährt der U-Häftling, was es heißt, der Justiz ausgeliefert zu sein. "Da verlierst du jeden Glauben in den Rechtsstaat."

Dann öffnen sich die Gefängnistore, er ist frei. Aber im Kopf bleibt er Gefangener. Er nennt es Phase drei. "Plötzlich fühlst du dich abgestempelt, als ob jeder wüsste, wo du gerade herkommst. Warum starren mich alle an", denkt Gersthofer, als er am Münchner Hauptbahnhof die Heimfahrt nach Ingolstadt antritt. Völlig irrational, wo ihn hier doch keiner kennt. Trotzdem hält er sich im Zug lieber im Bereich zwischen zwei Waggons auf, wo er für sich sein kann.

Dieses Gefühl verfolgt ihn noch sehr lange in den Wochen und Monaten danach. "Ich bin zum Einkaufen in den Nachbarort gefahren und habe alle Bereiche gemieden, wo man mich kennt." Seine Familie baut ihn langsam wieder auf, Franz Gersthofer stürzt beim geringsten Anlass ab. Dann bebt sein Körper, die Hände zittern. "Ich habe meine ganze Kraft geben müssen, um ihn zu stützen", sagt seine Frau Brigitte.

Schließlich ist sie selbst am Ende, nach eineinhalb Jahren bricht sie nervlich zusammen. Beide befinden sich in psychologischer Betreuung. Schritt für Schritt kommen sie aus dem Tal, "aber mein altes Niveau werde ich nie mehr erreichen", sagt Gersthofer. "Ich hatte mit großen Existenzängsten zu kämpfen."

Besser wird es erst, als die strafrechtlichen Vorwürfe sich in Luft auflösen. Auch in seinem Betrieb gilt er als voll rehabilitiert, er bekommt sogar einen Chefposten. Inzwischen genießt er den Ruhestand. Die Narben bleiben und reißen stets aufs Neue auf. "Der Kreuzweg ist noch nicht zu Ende", sagt Franz Gersthofer. Seine Geschichte zu erzählen fällt ihm schwer, zwischendurch ringt er mehrfach um Fassung. Obwohl er im Ingolstädter Raum aufgewachsen ist und seine Heimat liebt, hat das Ehepaar beschlossen, den Lebensabend anderswo zu verbringen. "Der Abstand hilft."

Doch Gersthofer sieht auch das Positive: "Du musst an dich glauben, und dass es eine Zukunft gibt. Licht am Ende des Tunnels. Daran kannst du dich herausziehen." Diese Stärke bewiesen zu haben baut ihn auf. Und dann ist da noch seine Familie. "Diese schreckliche Sache hat uns unglaublich zusammenwachsen lassen", ist er seiner Frau überaus dankbar. "Ich weiß, was sie alles für mich getan hat. Der Satz ,Bis dass der Tod euch scheidet' hat für mich heute eine ganz tiefe Bedeutung."