Schau Ingolstadt
Es gibt weltweit nichts Vergleichbares: Diese Emailarbeit stellt wahrscheinlich den Fabelvogel Rok aus dem Märchen „Tausendundeine Nacht“ dar.
Johannes Hauser
Ingolstadt

Man kann sich gar nicht sattsehen an all den Humpen und Pokalen, den Leuchtern und dem Tafelsilber, an dem Porzellan, Glas, Schmuck und Möbeln. Es sind nicht nur die Spitzweg-Zeichnungen, es ist die "Opulenz der Sammlung", so Beatrix Schönewald, die Leiterin des Stadtmuseums, die den Betrachter des Kunsthandwerks aus der Zeit des Historismus' am Ende des 19. Jahrhunderts völlig in ihren Bann zieht.

Viele Stücke sind Unikate, einmalig, unverwechselbar und mit einer überbordenden Fülle an Details. Und manche sind nicht nur Teil der Geschichte, sondern erzählen ihre eigene. So etwa der "Triumphwagen" Maximilians I., den ein Dresdner Elfenbeinschnitzer Ende des 19. Jahrhunderts herstellte. Bis auf die Radnaben und den Holzunterbau ist alles aus den Stoßzähnen von Elefanten. Die Figuren sind ungemein plastisch, jede trägt so individuelle Gesichtszüge, dass eine Zuordnung problemlos möglich ist. Einer der prominentesten Vorbesitzer war Louis Armstrong. Für sein einziges Konzert in der DDR im Jahr 1965 erhielt der weltberühmte Jazzmusiker den "Triumphwagen" als Gage, weiß Karl Batz, der die Ausstellung betreut: Ost-Berlin hatte kein Geld. Später verkaufte Armstrong die Schnitzerei wieder, die dann jahrelang das Prunkstück des deutschen Elfenbeinmuseums in Erbach war.

Mit Edelsteinen besetzte Geschenkbroschen aus Platin von Kaiserin Elisabeth von Österreich, besser bekannt als Sisi, oder Elfenbein-Geschenketuis von König Ludwig II. werden ebenso gezeigt wie eine fantastische Emailarbeit des Fabelvogels Rok. "Es gibt weltweit nichts Vergleichbares", weiß Batz. Nur was für große Tafeln war der imposante Tischaufsatz, den Kaiser Wilhelm I. einst seinem Reichskanzler Otto von Bismarck schenkte.

Den anderen Teil der Ausstellung bildet eine großartige Sammlung von Gemälden der Maler Carl Spitzweg und Eduard Schleich dem Älteren. Vergangenes Jahr hatte Oberbürgermeister Christian Lösel einen Dauerleihvertrag unterzeichnet und die Planung einer großen Ausstellung eines repräsentativen Teils der Sammlung Werner Friedrich Ott im Stadtmuseum vorgestellt.

Carl Spitzweg zählt zu den renommiertesten Malern des 19. Jahrhunderts. Er verbrachte einige Zeit auch in Ingolstadt und konnte das Entstehen der Festungsbauten verfolgen. In seinem Skizzenbuch finden sich auch Ingolstädter Motive wie etwa das Kreuztor. Wichtige Arbeiten seines Freundes Eduard Schleich vervollständigen die Gemäldesammlung und zeigen die intensive Verbindung und gegenseitige Beeinflussung der beiden Maler.

Der Begriff des Biedermeier und Historismus' fasst Kunstströmungen zusammen, die in der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert die noch heute spürbaren Veränderungen und Umwälzungen widerspiegeln.

Ausgehend von den Napoleonischen Kriegen bis hin zur Katastrophe des Ersten Weltkriegs verändern sich die politische Landschaft, das wirtschaftliche System und die Lebensumstände der Menschen ganz allgemein. Europa hat sich zwar nach 1815 in unterschiedliche politische und wirtschaftliche Richtungen entwickelt, aber im Historismus ein länderübergreifendes Kunsthandwerk gefunden: Frankreich, England und Deutschland gehören dazu. Es entstehen Möbel, Gläser, Geschirr, Besteck, Tischdekor, Vasen, Kästchen, Pokale und Figuren mit der Formensprache vergangener Epochen. Materialien wie Elfenbein werden aufgegriffen und wieder in sakralen Kontext gestellt. Email und Glas erleben eine Renaissance, werden in aufwendigen Schiffspokalen komponiert. Die Produktion von Schmuck - Colliers, Ringe, Armbänder - erinnert an die Formen der Renaissance und des Rokoko. Uhren sind geschmückt mit Schäferszenen des Louis XV. Sie werden zu den Accessoires des gehobenen Bürgertums und seiner repräsentativen Ansprüche.