Hilpoltstein: Erinnerung als Mahnung aufrechterhalten
Die Schautafeln der Ausstellung „KZ Hersbruck und Doggerwerk“ erläutert die Sozialpädagogin Julia Oschmann (rechts) Klaus Wiedemann, Walter Schnell, Kreisarchivar Robert Unterburger und Jürgen Spahl (von links).
Hilpoltstein

Im Januar 1944 beschloss die SS-Führung, das Flugzeugmotorenwerk von BMW von München-Allach in ein unterirdisches Stollensystem im Bergstock der Houbirg zu verlegen. Unter dem Tarnnamen „Doggerwerk“ wurde im Mai des gleichen Jahres begonnen, unter Tage ein gitterartiges System aus Stollen zu errichten. „KZ Hersbruck und Doggerwerk“ ist der Titel einer Ausstellung im Museum Schwarzes Roß in Hilpoltstein, die sich seit Freitag mit genau diesem Thema befasst.

Die Volkshochschule (VHS) der Gemeinden im Landkreis Roth hatte die Wanderausstellung des Vereins Dokumentationsstätte KZ Hersbruck nach Hilpoltstein geholt. Bei der Eröffnung gab die stellvertretende Vorsitzende des Vereins, Julia Oschmann, einen Überblick der geschichtlichen Ereignisse im Nürnberger Land. Hauptberuflich arbeitet die Sozialpädagogin beim Kreisjugendring Nürnberg und ist im Rahmen der jugendpolitischen Bildung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg tätig. Liegt der Schwerpunkt dort auf dem Themenfeld „Faszination und Gewalt“, stand in Hersbruck der Arbeitsdienst im Mittelpunkt.

Bei Happurg durchzieht auf halber Höhe eine mehrere Meter dicke Sandsteinschicht den Berg, genannt Dogger, aus der sich auch der Tarnname ableitete. Die darüber liegende massive Kalksteinschicht sollte das zu errichtende Stollensystem vor Wassereinbruch schützen. Die Arbeiten wurden von namhaften Firmen wie AEG, Hochtief und Siemens geleitet. Geführt von rund 400 Bergleuten wurden rund um die Uhr Häftlinge eingesetzt, die Stollen vorzutreiben. Mit Schweren Bohrhämmern wurden Löcher in den Fels getrieben, um dort Sprengstoffladungen zur Detonation zu bringen. Direkt nach den Sprengungen mussten die Zwangsarbeiter zurück in den Stollen.

Am Ortsrand des rund fünf Kilometer entfernten Hersbruck wurde ein nicht mehr genutztes Lager des Reichsarbeitsdienstes durch die SS requiriert. Im April 1944 trafen erste Häftlinge aus dem KZ Flossenbürg ein, die das Lager in Hersbruck zu einem Konzentrationslager für rund 2000 Zwangsarbeiter ausbauten. Täglich mussten die Häftlinge die rund fünf Kilometer zur Baustelle zumeist zu Fuß zurücklegen. Die schwere Arbeit, die schlechte Versorgung, fehlende sanitäre Anlagen und der sumpfige Untergrund des KZ hatten bald Flecktyphus und Ruhr zur Folge. Von den zwischenzeitlich bis zu 6500 Gefangenen, die sich gleichzeitig im Lager befanden, starben im Laufe des Jahres bis zur Befreiung durch die US-Truppen im Mai 1945 rund 4000 Menschen. Alleine 500 auf dem Todesmarsch ins Lager Dachau im April 1945, kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner. Insgesamt durchlitten rund 10 000 Häftlinge das KZ.

„Es ist gut und wichtig, dass sich die Volkshochschule dieses Thema seit Jahren zur Aufgabe gemacht hat“, betonte der stellvertretende Vorsitzende des VHS-Zweckverbandes, Rednitzhembachs Bürgermeister Jürgen Spahl. Spahl zeigte sich erfreut, mit dem Verein Dokumentationsstätte KZ Hersbruck einen guten Partner an der Seite zu haben, und hofft, dass etliche Schulklassen das Angebot nutzen werden.

Und auch für Roths stellvertretenden Landrat Walter Schnell stand fest: „Der Spuk von gestern darf nicht wiederkommen.“ Es gelte, für die Zukunft zu lernen, dabei sei es wichtig, dass die Jugend einen Zugang zur Thematik erhalte.

Ein Ansatz, den auch Klaus Wiedemann teilt. Als Beisitzer im Verein und Hersbrucker Bürger schilderte er, wie sich die Geschichte im Ort nach dem Krieg entwickelte. Aus der SS-Kommandantur sei später eine Schule geworden, Anfang der 80er Jahre habe die evangelische Jugend einen Gedenkgottesdienst abgehalten. Später versuchte die Gewerkschaftsjugend einen Gedenkstein aufzustellen, „dies erfuhr großen Widerstand im Stadtrat“. 1999 wurden schließlich ein Verein gegründet, in den folgenden Jahren ein Archiv aufgebaut, Kontakt zu Überlebenden und Angehörigen aufgebaut und die Wanderausstellung konzipiert. „Dem Verein geht es nicht darum, jemandem Schuld zu geben“, sagt Wiedemann. „Vielmehr muss aufgeklärt und die Erinnerung an das geschehene als mahnendes Beispiel aufrechterhalten werden.“