Workerszell: Den Pferden in die Seele blicken
Ein Ziel der Arbeit von Lisa Voss und ihrem Partner José Carlos Coutinho ist es, Pferde als Persönlichkeit zu sehen. - Foto: Moll
Workerszell

Schon als kleiner Junge wusste José Carlos Coutinho um seine Begeisterung für Pferde und, dass er später mit ihnen arbeiten möchte. Allerdings waren in seiner Heimat Portugal die Möglichkeiten, Reitunterricht zu nehmen, geschweige denn überhaupt einen Reiterhof zu finden, sehr begrenzt und kaum bezahlbar. Doch Coutinho ließ sich davon nicht abhalten. So lief er als kleines Kind eines Tages 14 Kilometer zu Fuß zu einem Reitstall, früh am Morgen, alleine und ohne das Wissen seiner Eltern. Als er endlich angekommen war, war aber genau der Reitlehrer, den er dort treffen wollte, gar nicht da. Als Elfjähriger hörte er dann, dass Carlos Franzisko, ein berühmter Reitlehrer, in seine Stadt komme. Wieder lief er viele Kilometer, um ihn zu treffen - diesmal mit Erfolg.

"Diese Ausbildung nach alten, klassischen Prinzipien ist die Grundlage für meine heutige Arbeit", sagt der 36-Jährige über seine Lehrjahre bei Franzisko und Joao Ferreira. Im Anschluss bildete Coutinho Stierkampfpferde für ganz Portugal aus und war dann für Luis Rouxinol, einen der besten Stierkämpfer Portugals, tätig. "Bei ihm habe ich viel darüber gelernt, wie man das richtige Vertrauen zu Pferden findet", sagt er. Seinen Erfahrungsschatz hat er dann in einem der größten Rodeos in Portugal erweitert und nach jahrelanger Showerfahrung bei "Apassionata" ist er seit 2011 selbstständiger Ausbilder - und eines Tages traf er in Portugal auf Lisa Voss.

"Wir hatten sofort eine Verbindung zueinander", erinnert sich Voss. Es sei die gemeinsame Passion für die Pferde gewesen, durch die es zwischen ihnen gefunkt habe. Voss hat ebenfalls die Arbeit mit Pferden "durch die alte Schule gelernt", wie sie selbst sagt, und so Erfahrung mit vielen Ausbildungs- und Anwendungsformen der klassischen Reitkunst. Nach mehreren Praktika war sie Assistenztrainerin und Stallmanagerin bei Dominique und Debra Barbier in den USA. "Hierbei ging es um die mentale Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg", sagt sie. Seit 2015 ist die 31-Jährige selbstständige und freie Bereiterin in Frankreich, Portugal und Deutschland.

Zurück nach Deutschland zu gehen, war eigentlich nicht der Plan von Voss, im Gegenteil: "Ich wollte wirklich nicht zurückkommen, denn hier läuft so vieles falsch, was die Arbeit mit Pferden angeht." Doch Coutinho überzeugte sie, denn er habe hier so viele Missstände in der Dressur gesehen, die er ändern wolle. So haben sich die beiden im letzten Jahr auf der "Sun Star Ranch" in Workerszell unter dem Namen "CLC-Dressage" niedergelassen. "Das größte Problem ist, dass es bei der Dressur oft nur um Geldmacherei geht, und das darf einfach nicht sein", erklärt Voss. Menschen, die ihre Pferde lieben, wollen etwas lernen, zahlen viel Geld dafür, und im Endeffekt haben weder sie noch die Tiere etwas davon. "Wenn du die Leute dann frägst, was sie beispielsweise in zwei Reitstunden gelernt haben, können sie keine richtige Antwort geben", klagt die 31-Jährige. Sobald sie von jemandem unterrichtet werden, der einen großen Namen trägt oder für jemanden mit einem großen Namen arbeitet, glauben sie alles, was ihnen gesagt wird, meint sie. Und genau das sei nicht das Ziel von Voss und Coutinho gewesen, nachdem sie nach einer 25-stündigen Autofahrt von Portugal in Deutschland angekommen waren. "Ich sagte zu ihm, €šWenn wir das wirklich machen wollen, müssen wir echt sein €˜", sagt Voss.

Das Schlimme sei, dass es bei der Dressur von Pferden oft nur noch um reines Entertainment gehe und das auf Kosten des Tierwohls. Dennoch seien viele der Überzeugung, dass ihre Art und Weise des Trainings die beste ist. "Doch wenn Sporen am Bauch des Pferdes kratzen, sehe ich da nichts Gutes", betont Voss. Eine Verbindung zu den Tieren herzustellen sei lange, harte Arbeit, meint Coutinho. "Man muss sich auf das Pferd einlassen, Vertrauen finden und dem Tier auf Augenhöhe begegnen", sagt er. Dabei erwähnt Voss das alte Bild eines Zentauren. "Das mag veraltet klingen, aber das symbolisiert genau diese Verbindung, die zwischen Mensch und Pferd entstehen muss, um gut arbeiten zu können", erklärt die 31-Jährige.

Wenn Voss und Coutinho unterwegs sind, um Pferde für ihre Ranch zu kaufen, müssen sie oft feststellen, dass die Tiere zwar trainiert sind, aber aus ihrer Sicht falsch. "Was uns von vielen anderen distanziert, ist die Tatsache, dass wir den Pferden eine Persönlichkeit geben und in vielen Fällen auch zurückgeben", erklärt Voss. Sie wollen den Pferden vermitteln, dass sie als Partner da sind und dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, sie sich wohlfühlen und ihnen Respekt entgegengebracht wird. "Man muss zur Seele der Tiere einen Zugang finden", sagt Coutinho. Schon nach dem Aufschwingen auf den Sattel solle man kurz innehalten und das Pferd sich an einen gewöhnen, die Verbindung spüren lassen. "Wenn man sie wie ein Hühnchen in einen Käfig sperrt und schlecht behandelt, zerbrechen sie innerlich", sagt er.

Eine Freundin habe zu den beiden einen Satz gesagt, der ihre Arbeit perfekt beschreiben würde: "Ein Pferd, das ausgeglichen ist, trägt eine leuchtende Krone." Mit einem Blick in seine Augen lasse sich erkennen, ob es einem Pferd gut gehe, erklärt Coutinho. "Es ist der Blick in die Seele, und das ist wie bei einem Menschen: Fühlt er sich gebraucht, ist glücklich und zufrieden, strahlt er das auch durch seine Augen aus."