Meilenhofen: Der Lauf seines Lebens
Läuft am Samstag beim Ultramarathon in Magdeburg mit: Ingo Sparenberg. - Foto: privat
Meilenhofen
Am Samstag nimmt Sparenberg in Wolmirstedt bei Magdeburg an einem Ultramarathon teil. Es ist nicht irgendein Lauf, sondern wahrlich der Lauf seines Lebens: 60 Kilometer, rund 88 888 Schritte. In sieben Stunden will er sie bewältigen und damit nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen mit Mukoviszidose und deren Familienangehörigen zeigen: „Ich lasse mich nicht unterkriegen.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Sparenberg seine eigenen Grenzen auslotet. Nach einem schweren körperlichen Zusammenbruch mit einer Lungenfunktion von nur noch 43 Prozent – das ist vergleichbar mit dem Versuch, durch ein Blatt Papier zu atmen, in das man vorher mit dem Kugelschreiber ein Loch gemacht hat – rappelte sich Sparenberg wieder auf und fing an, Sport zu treiben: „Mich motiviert mein unbändiger Lebenswille. Ich war schon zweimal gesundheitlich sehr tief unten. Wieder hochzukommen geht nicht von alleine. Wenn man nichts tut, kann nach dem nächsten Tief schnell das Aus kommen.“

Seine Familie und Freunde, aber auch Ärzte reagierten geschockt, als er ihnen eröffnete, im Jahr 2011 einen Marathon absolvieren zu wollen. „Manche haben mir den Vogel gezeigt, mich für verrückt erklärt. Aber letztlich standen und stehen alle hinter mir, weil sie wissen, dass ich mich gut einschätzen kann“, erinnert sich Ingo Sparenberg vergnügt. Er hat den Marathon mit einer vollen Länge von 42,195 Kilometer erfolgreich bewältigt.

Im Jahr darauf folgte ein Triathlon, wieder ein Jahr später wollte er den Ultramarathon angehen: „Da kam mir eine Notoperation dazwischen. Im Sommer 2013 musste ich mich kräftig schütteln und wieder von ganz unten anfangen. Es muss schon ein anderer Wind wehen, um mich umzupusten.“ Der Gedanke an den Ultramarathon blieb, der Extremsportler nahm sein Training wieder auf und hat seit vergangenem Oktober beinahe 1000 Laufkilometer zurückgelegt. Anfangs trainierte er zweimal pro Woche, dann wurde das Pensum auf vier- bis fünfmal wöchentlich mit zwischen zehn und 35 Kilometern pro Trainingseinheit gesteigert. Am Samstag wird er sich erstmals an die 60 Kilometer wagen. Nur 13 Läufer haben sich für diese Strecke angemeldet, Sparenberg ist europaweit der erste Mensch mit Mukoviszidose, der sich der Herausforderung stellt. Er sagt selbst, dass diese Strecke für ihn eigentlich körperlich nicht möglich sei, es komme auf die mentale Kraft an. Und die hat er, wie im Gespräch mit ihm immer wieder aufs Neue deutlich wird: „Angst habe ich nicht, aber ungeheuerlichen Respekt vor diesem Mammutlauf.“ Schon drei Tage vor dem Wettkampf ist er nach Magdeburg gereist, seine Familie, aber auch etwa 50 bis 60 Freunde und Bekannte werden ihn auf der Strecke anfeuern.

Die größte Unterstützung erhält der sympathische Sportler, der gerne und offen über sein Leben und auch seine Krankheit spricht, von seiner Frau: „Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau – das kann ich zehntausendmal unterschreiben.“ Die Tage vor dem Ultramarathon hat dieser Mann, der sich selbst als „perfektionistisch“ beschreibt, akribisch durchgeplant: Er trifft sich mit seinen zwei Freunden, die ihn während des Rennens auf dem Rad begleiten und mit Proviant versorgen – zehn bis zwölf Liter Trinken sowie Energieriegel und Bananen – und bespricht mit ihnen den Ablauf. Den Freitag wird er vorwiegend mit Essen und Trinken verbringen, denn durch Mukoviszidose, die bei ihm hauptsächlich den Darm angreift, hat er einen komplett anderen Stoffwechsel und benötigt zweieinhalbmal mehr Kalorien als ein gesunder Extremsportler: „Ich werde etwa 10 000 Kalorien zu mir nehmen und benötige zur Verdauung sieben Liter Apfelschorle. Am Samstag stehe ich um 4 Uhr auf, setze mir erst mal Musik zur Beruhigung auf die Ohren, um 6 Uhr geht’s im Auto zum Startort und um 7 Uhr fällt der Startschuss.“ Sieben Stunden später wolle er im Ziel sein, nimmt sich Sparenberg vor, auch wenn die Zeit letztlich völlig egal sei. Das Ankommen sei das Wichtigste. Im Livestream auf seiner Website www.in-go-go-go.de kann man Ingo Sparenberg am Samstag in Echtzeit auf der Strecke folgen.

Mit seinem Laufprojekt will Sparenberg anderen Betroffenen und deren Angehörigen Mut machen, zeigen, dass man mit der Diagnose Mukoviszidose leben kann, wenn man sein Leben darauf ausrichtet. Angst, dass andere Patienten ihn für einen Prahler halten und ihm den Extremsport nicht gönnen könnten, hat er absolut nicht. „Andere sehen, dass es mir auch manchmal dreckig geht und ich schon zweimal fast weg vom Fenster war, ich mich aber immer wieder aufgerappelt habe. Das macht ihnen Mut. Jedes Lob, das ich erhalte, jeden kleinen Erfolg wandle ich um in Kraft und Energie“, beschreibt Sparenberg in seiner lockeren, erfrischenden Art.

Doch er will nicht nur Mut und Hoffnung schenken, sondern auch auf die Spendenaktion zugunsten des Vereins Mukoviszidose in Bonn aufmerksam machen, der seit Jahren die Forschung vorantreibt und sich für die Belange an Mukoviszidose erkrankter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener einsetzt. Von den Krankenkassen werden immer weniger Leistungen übernommen, Kuren vor Ablauf der Vierjahresfrist abgewiesen, dazu können viele Patienten nach wenigen Jahren ihre Berufe nicht mehr ausüben und haben dadurch nur einen kleinen Rentenanspruch. Ingo Sparenberg ist Mitglied im bundesweiten Erwachsenenvorstand und kann mitbestimmen, wofür die Gelder verwendet werden: „Durch meine Aktionen will ich die Leute mitreißen, etwas dazuzugeben. So, wie ich mich selbst motiviere, mein Ziel zu erreichen, will ich auch andere Menschen motivieren, zu spenden und dadurch zu helfen.“ Ausführliche Informationen dazu gibt es auf der Website www.muko.info, gespendet werden kann direkt unter dem Link www.altruja.de/in-go-go-go.

Ingo Sparenberg bleibt trotz seiner unglaublich positiven Einstellung und Willensstärke aber auch Realist: „Je älter man wird, desto mehr Menschen mit dieser Erkrankung verliert man im eigenen Umfeld. Irgendwann ist Schluss. Alles, was bis dahin ist, nehme ich mit. Ich frage nicht nach dem Warum.“ Ein Satz, der nachdenklich werden lässt, die eigenen Problemchen relativiert und gleichzeitig größten Respekt abringt.