Zum Auftakt der Reihe sprach Thomas Fischer über "Demokratie, Korruption und sozialer Protest in Brasilien".

Der Inhaber der Professur für Geschichte Lateinamerikas an der Katholischen Universität und geschäftsführende Direktor des Lateinamerika-Instituts der Uni stellte seinem Vortrag grundsätzliche Ausführungen zum Forschungsthema "Protest" voran. Vor rund 50 Zuhörern begründete er Protest mit dem "Vorhandensein eines Rohstoffs von negativen Gefühlen oder Wahrnehmungen"; es würden subjektive Eindrücke auf die Gesellschaft projiziert. Emotionen richten sich dabei gegen einzelne politische Institutionen, Eliten oder Entscheidungen, wobei die Protestierenden nicht über Macht oder Einfluss institutioneller Art verfügen.

Um Proteste in Lateinamerika zu verstehen, müsse man sich den raschen sozialen und wirtschaftlichen Wandel dieses Kontinents seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor Augen halten; dazu nannte Fischer die Schlagworte Bevölkerungswachstum, Verstädterung, Ausbau des Bildungssystems, Industrialisierung und Entstehung einer Mittelschicht. Mit dem Ende des Kalten Krieges gab es vielfach Übergänge zu Demokratien, womit liberale zivile Eliten an die Macht kamen. Eine wirtschaftliche Öffnung stellte das Wirtschaftssystem komplett auf den Kopf.

In Ländern wie Bolivien, Kuba, Kolumbien und Brasilien sowie in Zentralamerika kam es zum Kampf um Land, es entstanden Agrar-Bewegungen, die manchmal auch die "Gewalt als Ressource" begriffen und in der Nähe von Guerilla-Bewegungen agierten, wenn es etwa zur kollektiven Besetzung von Staatsland kam; man griff zur Selbsthilfe, um Schulen zu errichten oder die Gesundheitsversorgung zu verbessern, oft in Verbindung mit der Katholischen Kirche; auch wandte man sich an Massenmedien.

Daneben entstanden weitere Typen von "Sozialen Bewegungen", etwa der Obdachlosen, die ungenutzte Häuser besetzten und Zeltsiedlungen errichteten, oder indigener Bewegungen, die um Zugang zu Ressourcen oder gegen Rodungen kämpfen - und immer wieder zu Opfern ungeahndeter Gewalt wurden. Weitere Proteste gingen aus von Industriearbeitern, Lehrern, Universitätsprofessoren, Menschenrechtlern oder dem Personal im Gesundheitswesen, von sozialen Bewegungen gegen die erodierende Sicherheit in Städten, gegen die Gewalt und Korruption von Polizei und Militär. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft kam es 2013 zu Verbindungen dieser Gruppen. In über hundert Städten explodierte der Protest, auch in der Diaspora unter brasilianischen Studenten im Ausland - "die sich auch in Eichstätt bemerkbar machten". Unmittelbare Auslöser dafür waren die Erhöhung der Transporttarife sowie die Zwangsumsiedlungen vor allem im Nordosten des Landes. Da öffentliche Gelder zweckentfremdet wurden und zugleich die Kosten für die Lebenshaltung explodierten, fühlte sich das Volk durch die Eliten verraten, zumal der Mega-Event der Weltmeisterschaft nicht zu Nachhaltigkeit führte und Bauruinen davon zeugten, dass Geld sinnlos verschwendet wurde - Grund für laute Proteste gegen die WM trotz aller Fußball-Begeisterung im Land!