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Mitte 2017 auch in Ingolstadt

Das Primark-Paradoxon

Ingolstadt
erstellt am 12.08.2015 um 20:33 Uhr
aktualisiert am 21.08.2015 um 11:49 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Kann ein Pullover für zwölf Euro nachhaltig produziert sein? Die Antwort auf diese Frage kennen auch die meisten Primark-Kunden, fand die Würzburger Studentin Natalie Wäsch heraus. Doch sie kaufen trotzdem Billigkleidung. Die Studentin befragte für ihre wirtschaftswissenschaftliche Masterarbeit rund 170 Kunden der irischen Kaufhauskette Primark, die Mitte 2017 auch in Ingolstadt in Betrieb gehen soll.
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Ingolstadt: Das Primark-Paradoxon
Foto: DK
Ingolstadt

Das Ergebnis klingt auf den ersten Blick widersprüchlich: Gut 65 Prozent der Befragten hatten sich schon damit auseinandergesetzt, unter welchen Bedingungen Billigkleidung produziert wird. Sie kennen den Vorwurf, dass sie ihre Waren unter schlechten Arbeitsbedingungen in ärmeren Ländern produzieren lassen, um so Kosten zu senken. Mehr als die Hälfte der Befragten gab aber an, sich davon beim Einkauf nicht beeinflussen zu lassen. Für Berndt Hinzmann sind die Ergebnisse nicht überraschend. Hinzmann arbeitet bei der Nichtregierungsorganisation Inkota, die sich unter anderem für menschenwürdige Arbeitsbedingungen weltweit einsetzt. „Das ist nichts Neues, dass viele Kunden sich so verhalten. Sie wissen zwar, dass die Kleidung unter fraglichen Bedingungen hergestellt wird und kaufen sie trotzdem.“

Allerdings nicht aus Dummheit, sagt Hinzmann, sondern weil in vielen Städten fair hergestellte Ware wenig zugänglich ist. „Es gibt außerdem eine große Unklarheit bei den Siegeln.“ Inkota fordert deshalb, dass der Begriff „fair“ geschützt wird, „weil Firmen sich ständig selbst zum fairen Betrieb erklären“.

Hinzmann empfiehlt das „Bündnis für nachhaltige Textilien“, das gerade aufgebaut wird und zum Ziel hat, Kunden eine verlässliche Orientierung zu geben. 143 Unternehmen sind Mitglieder, darunter auch H&M und Kik. Primark ist nicht darunter. Das hält Hinzmann für fatal, weil gerade Primark die sogenannte „fast fashion“ forciere. Das Prinzip sei einfach und für die Menschen in den fernen Fabriken fatal. Es gehe darum, den Konsumenten zu animieren, immer wieder neue Kleidung zu kaufen, die er nicht wirklich brauche, also jedem Trend zu folgen. „Wenn dann ein T-Shirt mit Spitze im Trend ist, bestellen sie es kurzfristig nach – die Fabrik muss alle Stoffe vorrätig haben, um so schnell liefern zu können.“ Das Problem: Bei der Aushandlung von Verträgen haben die Fabriken im Ausland gegenüber deutschen Unternehmen oft eine schlechte Ausgangsposition, weil die Konkurrenz so groß sei. „Teilweise nehmen sie sogar Aufträge an, bei denen sie Verlust machen, nur um es sich mit dem Kunden nicht zu verderben.“ Deshalb würden oft Löhne unter dem Existenzminimum gezahlt sowie Sicherheitsvorkehrungen nicht eingehalten.

Gegen dieses Prinzip regt sich allerdings immer wieder Protest in der Bevölkerung. Wenn Primark eine neue Filiale eröffnet, gibt es oft nicht nur Schlangen, sondern auch eine Protestaktion. „In Berlin war bei der Eröffnung die Zahl der Demonstranten größer als die Schlange“, sagt Hinzmann. Insgesamt kaufen immer mehr Menschen faire Kleidung aus kontrollierter Herstellung mit fairen Löhnen und Sicherheitsstandards, sagt Hinzmann.

Studentin Wäsch kommt in ihrer Arbeit allerdings zu dem Ergebnis, dass die Unternehmen selbst dann sehr erfolgreich bleiben, wenn Nichtregierungsorganisationen wie Inkota sie direkt mit einer Kampagne angreifen. Wäschs Erklärung: Die Medien reagierten nicht mehr so auf die Kampagnen wie früher, weil sie jeden Tag eine Fülle von Nachrichten bearbeiteten.

Hinzmann sieht die Politik in der Pflicht: „Wir brauchen unbedingt eine Haftungspflicht für Unternehmen.“ Wenn dann Missstände aufgedeckt würden, hätte das auch konkrete Folgen. Momentan helfe nur medialer Druck. Und der entstehe vor allem, wenn viel Blut fließt. „Je mehr Menschen sterben, desto größer die mediale Aufmerksamkeit.“

Von Desirée Brenner
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