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Von der Ingolstädter Studentenkultur bis zur Promotion – die Distanz zwischen Uni und FH ist groß

So nah und doch so fern

Ingolstadt
erstellt am 24.06.2015 um 20:02 Uhr
aktualisiert am 26.06.2015 um 15:25 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Von der FH an die Uni wechseln, in Kooperation promovieren oder einfach mal unter Studenten austauschen – das sollte eigentlich einfacher gehen, seit Bachelor und Master die Abschlüsse faktisch gleichgestellt haben. Doch die Realität sieht anders aus, auch wenn FH und Uni an einem Ort sind.
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Ingolstadt: So nah und doch so fern
Der Baustil ist ähnlich: Modern und hell wirkt die Architektur der Technischen Hochschule Ingolstadt sowie der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Trotzdem gibt es kaum Berührungspunkte. Obwohl die Studenten beispielsweise die gleichen Fächer studieren, tauschen ihre Vertreter sich nicht untereinander aus. - Foto: DK
Ingolstadt

Bei der Unternehmensberatung Roland Berger hätte er sich gar nicht bewerben brauchen. Ein „sehr guter Universitätsabschluss“ ist in der Firma notwendig, um als Junior Consultant durchstarten zu können, so heißt es auf der Internetseite des Unternehmens. Ein Fachhochschulabschluss wird gar nicht erwähnt. Thomas Becker (Name geändert), der an der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) seinen Bachelor macht, findet, dass Praxiserfahrung oder gute Noten bei einigen Arbeitgebern wenig zählen, wenn der Bewerber von einer Fachhochschule (FH) kommt. Auch deshalb hat er sich dafür entschieden, seinen Doktortitel zu erwerben, doch nicht an der THI. Er bewirbt sich nun an einer Universität, um dort zunächst seinen Masterabschluss zu erhalten und später dann den Doktortitel. „Das Promovieren ist mir hier zu umständlich“, sagt er.

Denn um an einer Fachhochschule zu promovieren, müssen die Studenten sich bislang einen Doktorvater von einer Universität suchen und dann hin- und herpendeln. Besonders an bayerischen Universitäten warten die Professoren nicht gerade auf die FH-Studenten. Deshalb müssen die oft ins Ausland ausweichen.

Das soll sich schon im nächsten Jahr ändern: Dann, so hat es Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) gestern im Landtag verkündet, sollen die FH-Doktoranden von Professoren an ihrer FH und an einer Partner-Universität gemeinsam betreut werden. An den Vorarbeiten für dieses Vorhaben waren Arbeitsgruppen aus Vertretern der Universitäten sowie Fachhochschulen beteiligt. THI-Präsident Walter Schober geht davon aus, dass dieser Schritt die Hochschullandschaft Bayerns stärken wird: „Die Unis sind eher grundlagenorientiert, die HAWs anwendungsorientiert. Beide könnten voneinander profitieren.“ Momentan sieht es anders aus: Rund zwei Drittel der bayerischen HAW-Studenten promovieren in Kooperation mit Universitäten aus dem Ausland, nur ein Drittel mit bayerischen Universitäten. „Es wäre gut, wenn dieses Verhältnis sich umdreht“, sagt Schober. An der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (WFI) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) gibt es derzeit allerdings kein Konzept für ein Promotionskolleg zwischen THI und WFI, sagt der Dekan der WFI, Max Ringlstetter.

Ein weiteres Thema, bei dem THI-Student Becker eine gewisse Distanz spürt, ist der Wechsel nach dem Bachelor von der FH zur Universität, um dort den Master zu erhalten. „Oft ist es für FH-Studenten so gut wie unmöglich, bei einer Uni aufgenommen zu werden“, sagt Becker. So würden etwa in Statistik oder Mathematik hohe Anforderungen gestellt, die ein FH-Student nie erfüllen könne, weil an Fachhochschulen eben der Fokus auf Praxiserfahrungen liege.

Will zum Beispiel ein Student der THI nach seinem Bachelor-Abschluss an die Ludwig-Maximiliams-Universität (LMU) wechseln, muss er hierfür unter anderem sogenannte Leistungspunkte für das Modul Volkswirtschaftslehre (VWL) nachweisen. Die erhält er, wenn er das Modul erfolgreich abgeschlossen hat. Nun gibt es an der THI im Bachelorstudiengang BWL jedoch nur elf Leistungspunkte für die Module Mikro- sowie Makroökonomik, die für die Volkswirtschaftslehre zählen dürfte. Somit würden die Studenten nicht angenommen. Ihr einziger Ausweg: Wenn auch das optionale Modul Gesamtwirtschaft und Märkte (sechs Leistungspunkte) als VWL-Fach angerechnet würde. Ob das der Fall ist, beantwortet die LMU auf Anfrage nicht direkt. Im Zweifel entscheide ein Fachkollege von der volkswirtschaftlichen Fakultät, ob ein bestimmter Kurs als VWL-Kurs anzusehen ist, so die LMU.

Laut Jörg Clostermann, BWL-Studiengangsleiter an der THI, ist es prinzipiell keineswegs sicher, dass die Studenten eine echte Chance auf ihren Wunsch-Master-Studienplatz haben. „Die Entscheidungshoheit darüber, welche Leistungen etwa als VWL-Leistungen anerkannt werden, trägt generell die Uni selbst.“ Einige Hochschulen rechneten hier gemäß ihrer eigenen Zielvorstellungen.

Bei der WFI gibt es solche Schranken nicht. Voraussetzung sind 180 Leistungspunkte, außerdem findet ein Auswahlgespräch statt, bei dem Engagement, Auslandserfahrung, und Motivation berücksichtigt werden. „Wir setzen keine Kunstgrenzen, um THI-Studenten abzuhalten“, sagt Dekan Ringlstetter. Wie viele THI-Studenten tatsächlich einen Platz ergattern, ist allerdings nicht zu erfahren. „Das lässt sich nicht ermitteln“, sagt der Pressesprecher der KU, Constantin Schulte Strathaus.

Eine WFI-Studentin berichtet unterdessen von einer seltsam anmutenden Motivationsstrategie eines WFI-Dozenten in einem Seminar vor den teilnehmenden Studenten: „Er sagte: Wenn es euch hier zu schwer ist, dann geht die Straße runter“ – und meinte damit die THI. Ringlstetter relativiert das: „Das halte ich für keine kollektive Aussage, sondern für eine Einzelaussage.“ THI-Student Becker hält es trotzdem für problematisch: „Der Dozent vermittelt in der Vorlesung ein schlechtes Bild von der THI.“

Die Aussage des Dozenten sei nicht dramatisch, findet dagegen der WFI-Studentenvertreter Alexander Schaal. Es werde eben von manchen Dozenten ein gewisser Unterschied wahrgenommen. Und den gebe es schließlich auch. Die Vorlesungen an der Universität seien einfach generell theoretischer, „aber das heißt nicht unbedingt besser“. Dennoch: „Es gibt schon ein anderes Tempo an der Uni.“

Eine WFI-Studentin, befreundet mit einem THI-Studenten aus demselben Fach, vergleicht regelmäßig Tempo und Schwierigkeitsgrad. „An der THI ziehen sie manchmal sogar schneller den Stoff durch als hier“, lautet ihr Fazit.

Sie glaubt, dass die Distanz zwischen WFI- und THI-Studenten groß ist. „Manche wissen nicht einmal, wo die THI liegt.“ Die WFI, das sei eine kleine, geschlossene Gruppe. „Die Studenten sind sehr selbstsicher, nicht arrogant, aber sie halten viel von sich.“ Wenn sie Kommilitonen davon erzählt, wie viele Klausuren oft an der THI geschrieben werden, reagiere ihr Publikum nicht selten überrascht. „Ich glaube aber nicht, dass sie das abwertend meinen.“

Womöglich ist ein Grund für die Distanz zwischen Fakultät und THI die Tatsache, dass die WFI mehr darauf ausgelegt ist, ihre Studenten aus ganz Deutschland oder dem Ausland zu akquirieren, während der Großteil der THI-Studenten immer noch aus Bayern stammt. Allerdings sind die Unterschiede überschaubar: Von den Ersteinschreibern an der WFI stammen rund 60 Prozent aus Bayern. An der THI sind es rund 82 Prozent.

Fakt ist, dass es bisher zwischen den Studentenvertretern von THI und WFI keinerlei Kontakte gab, obwohl die Fächer teilweise dieselben sind. THI-Studentenvertreter Jens Hain will das ändern. „Wir planen schon länger eine Zusammenarbeit mit anderen Universitäten“, sagt er. Bei einem Treffen beim Staatsminister sei er bereits mit anderen Uni-Vertretern in Kontakt getreten. „Das ist gut, um zu sehen: Wo sehen die Studenten anderer Unis Probleme? Der Austausch kann beiden nutzen.“

Von Desirée Brenner
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