Samstag, 15. Dezember 2018
Lade Login-Box.

Ein digitales Schulbuch aus Eichstätt vermittelt belgischen Schülern geschichtliches Wissen

Mit dem Finger auf Zeitreise

Eichstätt
erstellt am 13.11.2013 um 19:13 Uhr
aktualisiert am 15.11.2013 um 13:48 Uhr | x gelesen
Warum soll mich die Antike interessieren? Warum ist der Erste Weltkrieg für mich relevant? Was bringt Menschen dazu, in den Krieg zu ziehen? Das sind Fragen, die Schüler stellen, Fragen, die sich die Pädagogik heutzutage stellen lassen muss. Antworten darauf hat das Institut für Digitales Lernen, das erste offizielle Spin-off der Katholischen Universität in Eichstätt.
Textgröße
Drucken
Eichstätt: Mit dem Finger auf Zeitreise
Sie gründeten das Institut für digitales Lernen: Waltraud Schreiber, Marcus Ventzke, Florian Sochatzy (von links). - Foto: Chloupek
Eichstätt

Eichstätt (DK) Warum ist der Erste Weltkrieg für mich relevant? Was bringt Menschen dazu, in den Krieg zu ziehen? Das sind Fragen, die Schüler stellen, Fragen, die sich Geschichtslehrer heutzutage stellen lassen müssen. Antworten darauf hat das Institut für digitales Lernen, ein akademisches Spin-off der Katholischen Universität in Eichstätt.

In Belgien arbeiten seit diesem Schuljahr alle neun deutschsprachigen Gymnasien im Geschichtsunterricht mit einem neuen multimedialen Schulbuch, dem „m-Book“, das vom Institut für digitales Lernen in Eichstätt entwickelt wurde.

Professorin Waltraud Schreiber, Marcus Ventzke und Florian Sochatzy haben das Institut vor knapp zwei Jahren gegründet, jetzt haben sie ihr neues Büro am Domplatz in Eichstätt bezogen. Das Institut ist eine Firma, die auf den jahrelangen Vorarbeiten und Forschungen der Professur für Theorie und Didaktik der Geschichte der Universität Eichstätt-Ingolstadt basiert. Die räumliche Trennung zur Universität ist wichtig, ebenso die organisatorische, logistische und finanzielle Eigenständigkeit. Die Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl ist allerdings sehr eng, was der Katholischen Universität in Eichstätt beachtlichen Nutzen bringt: Wissenstransfer, Drittmitteleinwerbung und – heutzutage angesichts der immer wichtigeren Profilierung in der Hochschullandschaft: Prestigegewinn.

Waltraud Schreiber ist eine international renommierte Wissenschaftlerin, sie ist in ihrem Metier zum Beispiel über das DIPF (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung) weltweit bestens vernetzt. Ihr und ihren Mitarbeitern tun sich immer wieder spannende und praxisrelevante Forschungsfelder auf: Etwa in der aktuellen Bildungsdebatte mit der Mitarbeit an einer PISA-Studie für Geschichte. „Bisher definieren wir Bildung stark über Wissen in Mathematik oder Sprache. Bildung wird aber erst dann vernünftig, wenn wir es vom Kulturwissenschaftlichen her mitdenken“, sagt Schreiber.

Die wissenschaftliche Forschung an der KU in Eichstätt legt da das Fundament. Das Institut für digitales Lernen liefert mit der Entwicklung multimedialer Schulbücher Grundlagen für Forschungen zur Wirksamkeit digitalen Lernens und setzt die Erkenntnisse in der Praxis ein.

Die akademische Basis mit der von Waltraud Schreiber propagierten „Theorie des Kompetenzorientierten Lernens“ mag für Laien sperrig klingen, die Praxis ist dagegen höchst lebendig. Denn den Schülern wird dabei nicht mehr geschichtliches Datenwissen eingepaukt nach dem Motto: „333 Issos Keilerei“, wobei Jahre später eh kaum mehr jemand aus dem Stand hersagen kann, wer oder was Issos denn überhaupt wäre; von näheren Hintergründen der Schlacht Alexanders des Großen gegen die Perser im Jahre 333 vor Christus bei Issos, und der Frage, warum man das wissen sollte, ganz zu schweigen.

Mit dem m-Book sollen sich den Schülern vielmehr Zusammenhänge und Auswirkungen geschichtlicher Ereignisse auf unsere heutige Welt erschließen – und das mit einem Medium, das ihnen geläufig ist: dem Tablet-PC. Die Vorteile liegen buchstäblich auf der Hand, die Bedienung mit den Wisch- und Ziehbewegungen können die Schüler intuitiv, und so erforschen sie in ihrem m-Book immer mehr Details und Hintergründe: Texte, Bilder, Grafiken Tondateien, Videos. . . die Möglichkeiten scheinen grenzenlos. Die Schüler können markieren, Querverweise erstellen, Notizen anlegen, auch Fragen beantworten und alles, was mit digitalen Daten eben möglich ist.

Die Schüler sollen sich allerdings nicht in digitalem Schnickschnack verlieren, sondern mit dem m-Book im Unterricht und zu Hause effektiv lernen und arbeiten können. Für jede einzelne Fragestellung haben sich die Historiker gemeinsam mit Autoren und Grafikern überlegt, wie sie am besten umgesetzt werden könne, „und keine einzige Zeile darin ist aus einem alten Schulbuch abgeschrieben“, betont Waltraud Schreiber. Die Fachleute kamen in Teamwork auf logische und beinahe schon einfach wirkende Lösungen. Da wird zum Beispiel der „Schlieffenplan“, jene Strategie des Zweifrontenkrieges 1914, an dem sich ganze Schülergenerationen mit mäßigem Erfolg abgearbeitet haben, im m-Book in einer nur zwei Minuten und 30 Sekunden langen Animation anschaulich vor Augen geführt: Aha, der Plan kann nur klappen, wenn die Russen langsamer die Ostfront der Deutschen erreichen als die Deutschen brauchen, um über Belgien nach Frankreich einzumarschieren: Alles klar.

Das m-Book versteht sich allerdings keineswegs als „Lernautomat“, Lehrer und Schüler können und müssen selbst entscheiden, wie tief sie in die Materie einsteigen. Und anders als beim üblichen Schulbuch lassen sich auch regionale Komponenten mit Aufnehmen. „Für Nordrhein-Westfalen machen wir gerade auch ein Kapitel für die Unter- und die Mittelstufe und stellen uns die Frage: wie viel ,Schlieffen’ braucht es da“ Besagter „Schlieffenplan“ hat ja für Belgiens Geschichte und damit für belgische Schüler durchaus eine andere Bedeutung als für westfälische oder auch bayerische.

Wobei die bayerischen Schüler auf ihr m-Book wohl noch eine Weile warten müssen. Waltraud Schreiber möchte auf den bayerischen Lehrplan angesprochen nicht ins Detail gehen. Doch Frustration ist deutlich spürbar: „Laptops gibt es an den Schulen, aber die Inhalte fehlen.“ Und es sei eben noch lange nicht damit getan, dass man vorhandene Schulbuchtexte digitalisiert, irgendwelche Medienpakete ins Internet stellt und die Lehrer damit noch zusätzlich belastet: „Ein gut gemachtes m-Book entlastet die Lehrer. Wir sind die ersten und die einzigen, die ein echtes digitales Schulbuch haben“, sagt Florian Sochatzy.

Die Chancen, dass das m-Book schon in absehbarer Zeit im Freistaat zum Einsatz kommen, sind gering. Denn in der bayerischen Schulbuchzulassungverordnung steht, dass ein Schulbuch aus Papier sein muss. Waltraud Schreiber gibt aber nicht auf und will weiter auch im Freistaat Überzeugungsarbeit leisten, meint aber: „Da haben wir wohl noch ein dickes Brett zu bohren.“

Von Eva Chloupek
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!