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Dialekt-Projekt der KU ist abgeschlossen, die Ergebnisse stehen in einem Online-Sprachatlas

Wo die Erdbeere Ananas heißt

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erstellt am 12.12.2012 um 18:42 Uhr
aktualisiert am 20.04.2017 um 10:39 Uhr | x gelesen
Sie haben zwei Jahre in den Gemeinden von Altmühl-Jura das Dialekt-Projekt „Sprache im Fluss“ betreut. Haben Sie als gebürtige Bayerin auch noch etwas dazu gelernt
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Sie: Wo die Erdbeere Ananas heißt
Dialekt in der Region im Blick: Christine Heimerer (links) und Monika Raml vom Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur an der KU Eichstätt-Ingolstadt.
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Monika Raml: Oh ja. Ein 14-Jähriger hat mir die verschiedenen Stadien der Heumad, der Heuernte, erklärt. Und bei einer Schulbefragung in Kipfenberg waren wir zunächst sehr irritiert, als die Schüler zu Erdbeeren Ananas gesagt haben.

Ananas statt Erdbeere? Wie kommt das?

Raml: Tatsächlich waren die Schüler uns weit voraus und haben eine alte Dialektbezeichnung für gezüchtete Erdbeeren gewählt, also eine botanische Sorte. Diese hielten nach dem Zweiten Weltkrieg – aus Südamerika stammend – auch in bayerischen Gärten Einzug. Außerdem wurde diese Erdbeere aufgrund ihres Aussehens in Anlehnung an Indio-Wörter, Nana für Frucht, eben als „Ananas“ bezeichnet. In Abgrenzung zu den Walderdbeeren, den „Bresling“, „Rouban“ oder „Breschla“.

Teilen Sie die Meinung, dass der Dialekt ausstirbt?

Raml: Nach unserer Beobachtung ist das beim passiven Wissen nicht der Fall. In der Rezeption wird viel verstanden, der aktive Wortschatz geht aber zurück. Etwa bei den Wochentagen. Alte Bezeichnungen wie „Iada“ oder „Pfinsda“ sind bei den jungen Sprechern oft nur noch passiv bekannt und werden aktiv durch dialektale Abwandlungen von Dienstag oder Donnerstag ersetzt.

Hat das auch damit zu tun, dass die Menschen in Schule und Beruf vermehrt auf Nicht-Dialekt-Sprecher treffen?

Raml: Das liegt sicher auch an der Berufsmobilität. Aber viele Gegenstände werden einfach nicht mehr eingesetzt, und damit verschwindet der Begriff. Ein Beispiel das „Botschamperl“. Der Begriff wird, seit es Wasserklosetts gibt, nicht mehr verwendet. Aktuell ist der landwirtschaftliche Wortschatz auf dem Rückzug, gemeinsam mit den Tätigkeiten, die wegfallen.

Nun gibt es schöne bayerischen Verben. Verschwinden die auch?

Raml: Weniger. Auch Partikel oder Interjektionen halten sich. „gell“ oder „fei“ sind durchaus noch sehr geläufig, sogar bei Leuten, die Standardsprache sprechen. Das heißt, es gibt noch viele Wortgruppen, bei denen die Vielfalt, Buntheit und Ausdruckskraft der Sprache zu erkennen ist.

Wie sieht es konkret bei den Jugendlichen aus?

Raml: Ich habe das Gefühl, dass seit ein zwei Jahren der Dialekt wieder aufgewertet wird. Und für SMS oder kurze Nachrichten in Chatrooms bietet sich der Dialekt mit der Silbenreduktion geradezu an. Seit 2005 schreibt ja auch das Kultusministerium im Lehrplan vor, dass in bestimmten Jahrgangsstufen die Auseinandersetzung mit Mundart und Dialekt stattfinden soll. Institutionell gab es da ein großes Umdenken. Aber auch in der Bevölkerung. Es gibt Wettbewerbe zu Lieblingswörtern oder auch Sendungen, wie „Hoast mi“, die sehr beliebt sind und großen Erfolg haben. Das Paradoxe ist ja, dass je globaler die Welt wird, sich um so mehr wieder auf regionale Sprachen besinnt.

Viele bedauern, dass Sprache, dass Dialekt, verflachen. Aber lautet die Devise nicht: Lieber ein verflachter Dialekt als gar keiner mehr?

Raml: Fakt ist, dass Ortsmundarten auf dem Rückzug sind, wobei Sprache im Fluss ist. Dialekt hat sich immer wieder unter verschiedenen Einflüssen, etwa französischen wie beim Botschamperl, verändert. Mündliche Sprache wird sich immer weiter entwickeln, auch der Dialekt. Es ist nicht möglich, eine Sprache zu konservieren, es sei denn für die Forschung. Ich denke, dass es Dialektforschern und Heimatpflegern auch lieber ist, dass überhaupt Dialekt gesprochen wird, auch wenn es ein überregionales Bayerisch ist, als würde der Dialekt aussterben oder in Vergessenheit geraten.

Wie steht es um den Dialekt in Ingolstadt?

Raml: Je großstädtischer desto exotischer wirkt der Dialekt. Im Vergleich Beilngries, Eichstätt Ingolstadt ist zu sagen, dass die Schüler, die aus ländlichem Hintergrund stammen, noch Dialekt sprechen. Die Ingolstädter Schüler verstehen ihn, sprechen aber nur noch reduziert.

Das Projekt ist abgeschlossen, was passiert nun?

Raml: Bis März werden wir die 7000 Online-Fragebögen auswerten. Wir haben viel Material. Ich selbst plane eine Habilitation. Es geht dabei auch darum, das Thema Dialekt und Schule mit Folgestudien zu untermauern. Etwa beim „Co-Switching“ zwischen Dialekt und Standardsprache. Es gibt Verdachtsmomente, dass die Zweisprachigkeit beim Fremdsprachenerwerb unterstützend ist. Das müsste man aber nochmals genauer überprüfen.

Worüber haben Sie sich am Meisten gefreut?

Raml: Über das große Interesse: vom Dreijährigen bis zum 92-Jährigen, so dass auch der Online-Sprachatlas ein großer Erfolg ist. Geordnet nach Themen und Wohnorten können dort standardsprachliche Begriffe ausgewählt und in ihrer dialektalen Umsetzung angehört werden. Man kann dabei auch den Sprachstand der verschiedenen Generationen abrufen. Gefreut haben wir uns auch über das Engagement der Kinder und Jugendlichen und dass einige der Veranstaltungen, die wir in den Gemeinden von Altmühl-Jura initiiert haben, fortgesetzt werden. Ziel war es, in möglichst allen Bevölkerungsgruppen das Bewusstsein für den Dialekt zu wecken. Das ist uns gelungen. Mit den Menschen in der Region.

Das Gespräch führte Katrin Fehr

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