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Die KU Eichstätt-Ingolstadt und der Verein Altmühl-Jura erforschen Dialekte in der Region

Den oiden Grattlern auf der Spur

Eichstätt
erstellt am 20.03.2012 um 19:53 Uhr
aktualisiert am 20.04.2017 um 10:35 Uhr | x gelesen
Eichstätt (DK) Wer spricht wo welchen Dialekt? Wird in der Region Altmühl-Jura überhaupt noch Dialekt gesprochen, und wenn ja, welche Wörter sind es? Fragen wie diese beschäftigen Wissenschaftler an der Uni Eichstätt-Ingolstadt. Seit 2010 läuft das umfangreiche Projekt „Sprache im Fluss“.
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Eichstätt: Den oiden Grattlern auf der Spur
Um den Fortbestand des Dialekts in der Region Altmühl-Jura macht sich Monika Raml keine Sorgen. „Das ist noch ein Refugium.“ Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur der Katholischen Uni Eichstätt-Ingolstadt leitet seit Oktober 2010 „Sprache im Fluss“. Initiiert wurde das Projekt, das Ende des Jahres abgeschlossen wird, vom Verein Altmühl-Jura. - Foto: Fehr
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Ein Lieblingswort hat Monika Raml im Dialekt nicht. „Ich finde aber, dass man auf Bayerisch besonders gut schimpfen kann“, sagt die 39-Jährige und schaut dabei so fröhlich drein, dass man sich das bei ihr nur schwer vorstellen kann. Sie liefert prompt den Gegenbeweis: „Grattler, Zwiderwurz, Hamperer, Lackl, Kloifel, oide Hädschenhaut.“ Im Dialekt klinge es weniger grob, nehme aus der Situation manchmal auch die Schärfe. „Man kann im Dialekt vieles differenzierter und emotionaler ausdrücken.“

Monika Raml ist keine Fachfrau für dialektale Schimpftiraden, sondern für sprachliche Trends und Feinheiten. Seit vergangenem Jahr betreut die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der Deutschen Sprache und Literatur „Sprache im Fluss“. Das Projekt, 2010 vom Verein Altmühl-Jura initiiert, stößt auf „eine überwältigende Resonanz in der Bevölkerung“, wie nicht nur Raml, sondern auch Gertraud Seitz, Geschäftsführerin des Vereins mit Sitz in Beilngries, sagt. Die rund 8000 Fragebögen und die große Zahl an Akteuren und Besuchern bei den monatlichen Veranstaltungen lassen keinen anderen Schluss zu. „Es liegt sicher auch daran, dass Sprache, dass Dialekt eben auch Heimat bedeuten“, mutmaßt Raml.

Das Anliegen der Wissenschaftler und des Vereins, dem Altmannstein, Beilngries, Berching, Breitenbrunn, Denkendorf, Dietfurt, Greding, Kinding, Kipfenberg, Titting und Walting angehören, ist vielfältig: Es gilt, die Sprachgewohnheiten in der Region zu erfassen, das Wechselspiel zwischen Dialekt und Hochdeutsch zu erforschen, Wörter zu sammeln, die Bedeutung und den Stellenwert des Dialekts oder der Ortsmundarten zu dokumentieren. Und dabei Jung und Alt in die Untersuchungen einzubeziehen. „Das ist uns gelungen“, sagt Raml. „Wir haben die Sprechgewohnheiten in allen Altersstufen erfasst: vom Kindergartenkind bis zur Urgroßmutter.“ Projektziele sind unter anderem, Dialekt lebendig zu erhalten und einen Sprachatlas für das Internet zu erstellen (siehe Kasten).

Die Region ist für die Sprachforscher ein besonders viel versprechendes Terrain. „Hier treffen das Schwäbische, das Fränkische und das Bayerische aufeinander“, erklärt Raml. „Außerdem unterscheiden sich Wörter und Aussprache von Dorf zu Dorf. Wir haben eine Fülle von Ortsmundarten“, schwärmt sie. Diese haben die Wissenschaftler und die Studenten erfasst, eine der Besonderheiten dieses Projekts ist die „repräsentative“ Erhebung, um die uns sogar die Sprachwissenschaftler beneiden, wie Raml sagt. Statt Stichproben gab es flächendeckende Umfragen, statt die Fragebögen nur zu verteilen, haben die Wissenschaftler die Teilnehmer umfassend betreut und begleitet.

Und auch wenn noch nicht alle 8000 Fragebögen erfasst sind, erkennt Monika Raml bereits einen Trend. Der bayerische Dialekt ist nicht nur bundesweit der beliebteste, sondern wird auch gerne und selbstbewusst in der Region gesprochen. Auch bei den Jugendlichen. „Cool“ sei der Dialekt, hätten viele geantwortet. Und das nicht nur, weil er mit der Silbenreduktion prädestiniert für den ökonomischen Gebrauch per SMS oder Twitter ist. Auch viele Nichtdialektsprecher unter den Jugendlichen hätten geäußert, dass sie gerne Dialekt sprechen würden, berichtet die promovierte Germanistin.

Verändert habe sich auch der Stellenwert des Dialekts. Er gelte nicht mehr, wie noch in den 70er Jahren, in Schulen und vielen Elternhäusern als Bildungshürde. Raml ist der Überzeugung, dass „die Zwei- und die Mehrsprachigkeit der goldene Mittelweg ist“. „Die Varietät zählt, der Dialekt sollte lebendige Ergänzung zur Standardsprache sein.“ Die Schriftsprache dürfe jedoch nicht vernachlässigt werden, warnt Raml. Und zwar vom Kindergartenalter an. „Hier sollte immer auch Hochdeutsch vorgelesen werden.“ Sonst werde die Standardsprache schnell zum „Fremdkörper“.

Doch nicht nur deswegen hält Raml nichts davon, Wörter wie „Hallo“ oder „Tschüss“ in Schulen etwa komplett zu verbieten. Das sei kontraproduktiv. „Hier geraten wir auch immer wieder mit allzu strengen Dialektpflegern aneinander.“ Wichtiger ist es ihrer Meinung nach, dass Sprache „authentisch, situationsangemessen, respektvoll und auf den Kommunikationspartner bezogen ist“. Und wenn ein Nichtdialektsprecher plötzlich „Pfüat Gott“ sagt, klinge das manchmal doch recht lächerlich.

In das Wehklagen über den Niedergang des Dialekts kann Raml nur eingeschränkt einstimmen. Im überregionalen Zusammenhang, wie im Fernsehen etwa, gebe es vermehrt eine Sonderform des Bayerischen, allgemein verständlich sozusagen. „Das klingt dann teilweise auch recht künstlich.“ Doch für die Region gibt Raml noch Entwarnung. „Das ist noch ein Refugium für den Dialekt.“

Von Katrin Fehr
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