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"Spiegel"-Autor Matussek über katholischen Glauben, Wahrheit und Wulff – heute ist er in Eichstätt

Plädoyer für eine konservative Kirche

Eichstätt
erstellt am 17.01.2012 um 19:32 Uhr
aktualisiert am 20.04.2017 um 10:34 Uhr | x gelesen
Eichstätt (DK) Provoziert und polarisiert hat Matthias Matussek schon immer gerne. Im vergangenen Jahr hat der Publizist, „Spiegel“-Autor und streitbare Katholik mit seinem Buch „Das katholische Abenteuer. Eine Provokation“ für Furore gesorgt. Es ist ein starkes Bekenntnis zu einem konservativen Katholizismus, bei dem andere Glaubensrichtungen und Kirchenkritiker schlecht wegkommen. Zur Feder gegriffen hat Matussek, der die Büros des „Spiegel“ in New York, Rio de Janeiro und London leitete, bevor er von 2005 bis 2008 Chef des Kulturressorts des Hamburger Magazins war, vor allem, weil „sein Verein“ angegriffen worden sei: „Ich bin so leidenschaftlich katholisch, wie ich vor vierzig Jahren Marxist war.“ Heute Abend kommt Matussek an die Uni Eichstätt. Mit dem Autor hat sich unsere Redakteurin Katrin Fehr unterhalten.
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Eichstätt: Plädoyer für eine konservative Kirche
Überzeugter Katholik: Der „Spiegel“-Autor Matthias Matussek spricht heute von 18 bis 20 Uhr in der Aula der Universität Eichstätt über „Glaube und Journalismus. Zwei Abenteuer im Spannungsfeld“.
Eichstätt

Gibt es nichts, was man in der katholischen Kirche besser machen könnte?

Matthias Matussek: Doch. Ich kritisiere die Kirche als deutsche Institution. Ich finde, dass sie sich zu sehr mit nebensächlichen, eigentlich glaubensfernen Strukturfragen beschäftigt. Ich bin da ganz auf der Papstlinie, dass wir uns doch sehr ablenken lassen von der Kraft und dem Wunder, das die Kirche bereithält. Die katholische Kirche in anderen Kontinenten kommt mir sehr viel vitaler vor. Worunter wir auch ein wenig zu leiden haben, ist die Zaghaftigkeit der Bischöfe, eindeutig Position zu beziehen. Die deutsche Kirche ist bei uns sehr staatsnah. Wir haben so eine Merkel-Kirche, so eine moderierende. Ich halte das für den falschen Weg. Ich glaube, dass die Kirche viel prononcierter ihren Auftrag betonen sollte.

Viele Kirchenkritiker und Laien vermissen ebenfalls eine Vitalität, verstehen darunter aber eine liberalere Kirche.

Matussek: Ich meine eine geistige Vitalität. Und den Mut, unbequeme Wahrheiten zu sagen. Der fehlt mir ein bisschen. Es ist nicht besonders mutig, die Abschaffung des Zölibats zu fordern. Das ist sehr zeitgeistig. Ich glaube, die Kirche macht es sich zu einfach, wenn sie meint, sie müsse sich dem Mehrheitsgeschmack anpassen. Das Verstörende der Kirche ist gerade ihre Unzeitgemäßheit. Das ist das Mutige. Ich finde etwa, dass der Erzbischof Woelki eine überraschend starke Figur ist. Das ist einer derjenigen, von denen ich mir viel erwarte.

Anderen ist Erzbischof Rainer Maria Woelki wiederum zu konservativ, er liegt auf der Papstlinie. . .

Matussek: Genau, aber ich habe ja gerade nichts gegen das Konservative. . .

Und das genau ist die Kritik, die viele über Ihr Buch äußern und über Ihr Plädoyer für eine Kirche, die sich Lebensrealitäten entzieht und reformresistent ist, statt sich schrittweise zu öffnen. . .

Matussek: Ich halte das Konservative heutzutage für die wesentlich subversivere Haltung. In den 60er Jahren war es intelligenter, links zu sein, als es um das Aufbrechen verkrusteter Strukturen und gesellschaftlicher Formationen ging. Aber mittlerweile ist ja alles flachgelegt. Alle sind sich so einig, dass es so nicht weitergeht. Im Wirtschaftssystem wie in der Kirche. Ich halte es aber für die verstörendere und mutigere Position, wenn man die Hacken eingräbt und sagt: „Nein, das, was wir haben, ist wunderbar, das muss gepflegt werden.“

Auch mit der Gefahr, dass immer mehr Menschen die Kirche verlassen?

Matussek: Ich habe es einmal mit dem Regietheater verglichen. Eine Zeit lang dachten alle, wir müssen die Klassiker zertrümmern und Hamlet nackt auf die Bühne stellen und haben vergessen, wie der Text heißt. Es gibt viele Inszenierungen, bei denen man den Eindruck hat, die Regisseure haben nur noch die Reader’s-Digest-Fassung auf den Knien gehabt und inszenieren ihre Fantasien. Der Papst hat sehr deutlich gemacht, dass wir nicht unsere Wunschkirche haben, sondern die Kirche, die uns gegeben ist, die in unserer Obhut ist. Und die müssen wir neu mit Leben füllen. Im Regietheater wurden Häuser immer leerer, das große Publikum hat sich abgewendet, es waren nur noch zeitgeistige und esoterische Veranstaltungen für die Dramaturgen und ihre Angehörigen. Ich glaube, dass die Kirche ihr Geheimnis verloren hat. Statt die Liturgie zu zelebrieren, wird über Ruanda gesprochen. Das ist auch wichtig, aber es gehört erst einmal nicht in das Zentrum des Glaubens. Was wir erleben, ist keine Kirchenkrise, sondern eine Glaubenskrise.

Sie sprechen über „Glaube und Journalismus. Zwei Abenteuer im Spannungsfeld“. Was verbindet beide?

Matussek: Die Überzeugtheit von einer Sache. Glaube und Journalismus sind gar nicht so weit voneinander entfernt. Jeder Leitartikler erklärt die Welt, so wie er sie sieht. Das Spannungsfeld besteht auf der einen Seite in der säkularen Tätigkeit des Journalisten, der Dinge beobachtet, beschreibt und vom Anspruch her die Neutralität zu wahren hat. Und andererseits von der inneren Überzeugung. Manchmal kommt sich das auch in die Quere. Wenn man nicht gerade bei einem Kirchenblatt arbeitet. . .

Sie haben Papst Benedikt XVI. einmal vier Fragen gestellt, im Wissen um eine umfassende und ehrliche Antwort. Welche beiden Fragen würden Sie gerne Bundespräsident Christian Wulff stellen?

Matussek: Grundsätzlich kann ich mich allmählich über die ganze Geschichte nur noch lustig machen. Ich finde, dass Wulff ein Paradebeispiel für einen verhängnisvollen Herdentrieb der Presse ist. Hinz und Kunz trampeln auf ihn ein.

Wulff hat sich mit seinem taktischen Verständnis von Wahrheit nichts vorzuwerfen?

Matussek: Mich würde interessieren, warum er den Kredit verschleiert hat, was er glaubte, befürchten zu müssen. Da hat er ja viel Energie verwendet. Aber auch diese Geschichte ist absurd. Alle stürzen sich nun auf den Unterschied von einem Prozent. Und das, obwohl wir doch ein Volk von Schnäppchenjägern sind, „Geiz ist geil“ ist sozusagen das absolute Motto. Ich muss aber auch dazu sagen, dass Wulff mir nie sympathisch war. Ich habe, als er gewählt worden war, einen Artikel über den Typus des Opportunisten, kantenlosen, keine Fehler machenden Karrierepolitikers geschrieben, der da jetzt gewählt wurde. Die Ironie ist, dass genau der sich als Hallodri entpuppt, dass die Kantenlosigkeit auch gefälscht war.

Frage zwei an Herrn Wulff?

Matussek: In erster Linie interessiert mich, mit welchem Kalkül er damals gesagt hat, dass der Islam zu Deutschland gehört. Ob das der Versuch war, die grünen Wähler und die bunte linke Mitte an sich zu binden. Es ist ja effektiv richtig, dass in Deutschland viele Moslems leben. Aber der Islam gehört nicht, wie das Christentum zu Deutschland. Das ist eine typisch opportunistische Rede gewesen.

Sie sind heute Abend an der Uni Gast im „Journalistischen Kolloquium“. Drei unverzichtbare Eigenschaften eines Journalisten?

Matussek: Neugier, Wahrheitsliebe und Mut. Ich halte es mit Muhammad Ali, der gesagt hat: „Ich sage die Wahrheit nicht, weil ich das so moralisch finde, sondern weil die Wahrheit das Spannendste ist, was es gibt.“

Donaukurier
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