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13.07.2018 17:29 Uhr | x gelesen
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Längst nicht überall gibt es Hilfe


Alte Menschen wollen meist so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben. Aber häufig brauchen sie dazu Hilfe im Haushalt. Theoretisch hätten sie Anspruch auf Entlastung im Alltag – 125 Euro monatlich von der Pflegekasse. Der Haken: Es gibt kaum Angebote. Die Landkreise Neuburg-Schrobenhausen und Roth haben sich des Problems angenommen und es gelöst.


Hilfe beim Fensterputzen, mal die Einkäufe erledigen, einen alten Menschen  zum Arzt begleiten  oder mal ein Brettspiel mit ihm  machen – für solche kleinen Hilfen im Alltag gibt es ein Budget. Die „Angebote zur Unterstützung  im Alltag“, so heißen sie seit Januar 2017, zielen darauf ab,  pflegende Angehörige zu entlasten – eben auch  bei den sogenannten haushaltsnahen Dienstleistungen. 
 
 Wie unsere Zeitung neulich berichtete, drohen allerdings Leistungen  in Milliardenhöhe zu verfallen, weil es schlicht kaum Angebote gibt – auch in weiten Teilen unserer Region. Auf den Bericht hin meldete sich beispielsweise ein Leser aus Eichstätt, der kritisierte, um Missbrauch vorzubeugen, seien die Hürden  so hoch, dass viele Betroffene keine Chance hätten, diese Leistungen abzurufen. „Das spart natürlich Geld“, so der Mann, der vergangenes Jahr von Heidelberg  zurück nach Eichstätt gezogen war:  In Heidelberg habe man die Entlastungsleistungen „problemlos“ bei mehreren Anbietern abrufen können. In Eichstätt dagegen gebe es kein Angebot. Fazit des Lesers: „Willkommen in der Pflegediaspora.“
 
Eine dieser Hürden: Jeder, der  die haushaltsnahen Dienstleistungen erbringen will, muss zuvor eine 40-stündige Schulung durchlaufen.  Wo es solche Kurse gibt und auch alle weiteren Informationen zum Thema erteilt    das Zentrum Bayern für Familie und Soziales (ZBFS) beziehungsweise die dort angesiedelte  Agentur für Angebote zur Unterstützung im Alltag (www.unterstuetzung-alltag-bayern.de/entlastung-im-alltag).  
 
Auf  unsere Frage, warum eine Schulung nötig sei und die nette Nachbarin nicht einfach so helfen könne, heißt es dort: „Das Vorhandensein einer Fachkraft ist zwingend erforderlich, die Anerkennung von Einzelpersonen grundsätzlich ausgeschlossen. Deshalb können Freunde und Nachbarn haushaltsnahe Dienstleistungen nicht erbringen und abrechnen. Sie können jedoch – nachdem sie die erforderliche Schulung absolviert haben – als (ehrenamtliche) Helfer über einen anerkannten Anbieter eingesetzt werden. Die Abrechnung erfolgt dann über den Anbieter.“
 
Auf der Internetseite des ZBSF steht genau,   wer  als   möglicher  Anbieter  infrage kommt – etwa Wohlfahrtsverbände, Stiftungen oder ambulante Pflegedienste.  Dort wird auch empfohlen: „Durch die Angebote zur Unterstützung im Alltag ist eine frühzeitige Kundengewinnung und -bindung möglich, noch bevor ein Pflegebedarf entsteht.“  Und weiter: „Durch den Einsatz von Ehrenamtlichen entsteht ein kostengünstiges und attraktives Angebot.“ Aber  wie  findet man einen Anbieter für diese haushaltsnahen Dienstleistungen? 
 
Dazu muss man auf die  Homepage des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege wechseln (www.stmgp.bayern.de/ service/ansprechpartner-und-fachstellen/#Entlastungsangebote). Da sind  Angebote in München, Ausburg und Nürnberg aufgeführt, auch der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen, Deggendorf, Landsberg, Weiden, Bobingen, Utting oder die Gemeinde Haar sind aufgelistet – zehn Einträge sind es  insgesamt. Ingolstadt und Umgebung? Fehlanzeige.  In der boomenden Großstadt gibt es momentan nicht einmal einen Pflegestütztpunkt, wo sich Angehörige oder Hilfesuchende beraten lassen können. Die SPD hat im Juni einen Antrag gestellt, einen solchen  einzurichten.
 
Der Anruf bei einer  Pflegekasse bringt uns  nicht weiter. Es gebe in Ingolstadt keine Angebote für haushaltsnahe Dienstleistungen, heißt es. Und überhaupt: Was hätten diese Leistungen mit der klassischen Pflegeversicherung zu tun,  bemerkt der Experte  und konstatiert:  „Für mich sind das familiäre Aufgaben.“ Man spürt deutlich: Die Bereitschaft, die gesetzlich vorgesehenen  125 Euro zu bewilligen, ist an  dieser Stelle nicht sonderlich ausgeprägt.
  
Stichprobenartige Anrufe bei ambulanten Pflegediensten in der Region ergeben ein anderes Bild:  Die hauswirtschaftlichen Leistungen werden durchaus angeboten, selbst wenn man kein Pflegepatient  ist. Aber es gibt fast überall Wartezeiten. Grund: Die Nachfrage ist groß, aber es fehlt an Personal. „Wir können erst wieder ab September aufnehmen“, heißt es beispielsweise bei einem Ingolstädter Anbieter. Auch  die Caritas-Sozialstation Pfaffenhofen  kann  derzeit nur einen Platz auf der Warteliste ermöglichen.
Mit einer Anschubfinanzierung in Höhe von 42 000 Euro hat der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen ein Angebot auf die Beine gestellt. „Für die Pflegedienste ist das nur eine Randerscheinung: Da fühlt sich eigentlich keiner zuständig“, erklärt Christian Kutz, Leiter des dortigen Pflegestütztpunktes. „Darum fördern wir als Landkreis dieses Angebot.“ Träger ist das BRK, los ging es im März dieses Jahres.
 
Die Nachfrage  sei groß,  das  Angebot erfreue sich zunehmender Beliebtheit, berichtet Astrid Schneider, Bereichsleiterin für Senioren und Pflege beim BRK-Kreisverband Neuburg-Schrobenhausen. Die haushaltsnahen Dienstleistungen seien ein eigenes Geschäftsfeld, angegliedert  beim ambulanten Pflegedienst. Momentan seien sechs Mitarbeiterinnen im Einsatz. Für die 125 Euro im Monat gibt es fünf Stunden Hilfe und Entlastung. Etwa 40 Kunden habe man bereits, so Schneider, oft ältere Menschen  ohne Angehörige oder solche, deren Kinder weit entfernt wohnten. Ihre Erfahrung: „Es sind noch immer zu wenig Leute, die diese Leistungen nutzen.“
 
 Auch  im mittelfränkischen Roth  gibt es seit 2011 einen Pflegestützpunkt, der die haushaltsnahen Dienstleistungen organisiert.  „Etwa 60 Kräfte haben bereits die Schulung  durchlaufen und sind als Mini-Jobber im Einsatz“, berichtet Gerhard Kunz, Leiter des Pflegestützpunkts. Dazu kämen weitere Helfer von Diakonie, Caritas und Offener Behindertenarbeit. Leider gebe es nicht genug   Kräfte. „Teilweise können wir die Nachfrage nicht mehr abdecken. Wir  könnten 25 Leute rund um die Uhr beschäftigen.“ 
Fazit: Wer  Entlastung im Haushalt  benötigt, muss sich ans Telefon setzen und selber durchfragen. Die Internetseite des Gesundheitsministeriums ist unvollständig,  Anfragen bei Pflegekassen sind nicht immer hilfreich.
Suzanne Schattenhofer

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