Dissertation Hinterkaifeck
Ute de Pascale
Schrobenhausen

Kommissar Zufall hat seine Finger im Spiel, als sich bei der Sonderausstellung „Mythos Hinterkaifeck“ im Ingolstädter Polizeimuseum zwei Damen kennenlernen: Monika Peter, Lehrerin am Schrobenhausener Gymnasium, und Birte Bambusch, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie und Volkskunde der Uni Augsburg. Die beiden kommen ins Gespräch – und auf die Idee, das, womit sich Birte Bambusch beschäftigt, Peters Schülern vorzustellen. Die zentralen Fragen, um die sich Bambuschs Doktorarbeit dreht: Wann, wie und warum wird Hinterkaifeck, der grausame Sechsfach-Mord an einer Bauernfamilie anno 1922, von wem erzählt und erinnert? Hobbykriminologen verkünden ihre Theorien in Youtube-Videos; im Museum, in Schulen, Zeitungen, in der Literatur, in Filmen und Dokumentationen werde darüber berichtet, zählt Bambusch auf.

Und nicht zuletzt gäben die Menschen der Region die Erzählung immer wieder an nachfolgende Generationen weiter. Längst sei Hinterkaifeck damit „Teil des regionalen Gedächtnisses“, ist sie überzeugt. Und auch das ist ein wichtiger Pfeiler ihrer Arbeit: Wie haben sich die Erinnerungen und Erzählungen in den vergangenen 95 Jahren gewandelt?

Darüber hinaus setzt sie sich auch damit auseinander, warum und wie das alles in einem Museum ausgestellt wird. „Ich war überrascht, dass der Fall so oft in Kunst und Kultur Niederschlag findet und dass er die Menschen scheinbar bis heute bewegt“, gesteht sie. Wird der Fall wieder einmal neu rezipiert, flammt erneut Interesse auf. Auch, dass die elementaren Fragen nach dem Wer und Warum nie beantwortet werden konnten, spiele da mit rein, findet Bambusch. Dann all die Ungereimtheiten, die inzestuöse Beziehung, die Spuren im Schnee . . . Emotionen, Empathie, Mitleid mit den Opfern, aber auch den Nachkommen der Verdächtigen, spielten ebenfalls eine Rolle. Vor allem das von Hinterkaifeck inspirierte „Tannöd“ sowie die Verfilmungen hätten zur Bekanntheit Hinterkaifecks über regionale Grenzen hinaus beigetragen.

Hatte viele Schülerfragen zu beantworten: Birte Bambusch.
Pascale, Ute de, Schrobenhausen
Schrobenhausen

Als Klassenlektüre hatte sich auch die 10b des Gymnasiums mit „Tannöd“ beschäftigt. Und damit dann auch irgendwo die Perspektive übernommen, die im Roman erzählt wird, berichtet Monika Peter. Für Bambusch ebenfalls ein interessanter Aspekt: „Wie wird das alles von Schülern wahrgenommen, die in der heutigen Zeit so oft mit Bildern von Gewalt konfrontiert sind?“ Die seien durchaus emotional dabei, versichert Peter; vor allem, weil es ein realer Fall ist, vermutet sie.

Auch Fackelwanderungen, die zum Ort des Geschehens angeboten werden, halten die Erinnerungen am Leben. Eine hat auch einer der Zehntklässler mitgemacht. „Spannend“ sei die gewesen, erzählt er. Eine Menge Fragen haben die Gymnasiasten dann an Birte Bambusch. „Hatten Sie Einsicht in die Polizeiakten?“, will ein Schüler wissen – „Kennen Sie ähnliche Fälle?“ ein anderer. Keinen, der für die Region so wichtig sei und einging in die Regionalgeschichte, antwortet Bambusch.