Zwölf Ordner füllt das von Konrad Müller (oben links) gesammelte Material zum Mord in Hinterkaifeck, wo in der Nacht zum 1. April 1922 sechs Menschen starben. Die Unterlagen übergab er nun an Ansgar Reiß (rechts) für das Bayerische Polizeimuseum. Auch das Bild von dem Hof (unten links) stammt von Müller. Heute erinnert nur noch ein Marterl (unten rechts) an die Tat.
Zwölf Ordner füllt das von Konrad Müller (links) gesammelte Material zum Mord in Hinterkaifeck, wo in der Nacht zum 1. April 1922 sechs Menschen starben. Die Unterlagen übergab er nun an Ansgar Reiß für das Bayerische Polizeimuseum.
Horst Richter
Sechs Menschenleben, ausgelöscht in einer einzigen Nacht - die Spekulationen um das mysteriöse Verbrechen von Hinterkaifeck reißen bis heute nicht ab. Wer hat Andreas Gruber, seine Frau Cäzilia, seine Tochter Viktoria Gabriel, deren Kinder Cäzilia und Josef und die Magd Maria Baumgartner in der Nacht zum 1. April 1922 in der Einöde bei Waidhofen im Schrobenhausener Land erschlagen? Die Polizei hatte damals schlampig ermittelt, Tatverdächtige und Gerüchte gab es unzählige, bis hin zu angeblichen Bekenntnissen auf dem Sterbebett. Aber der wahre Mörder ist bis heute nicht überführt, auch wenn manche dessen Namen zu kennen glauben.

Konrad Müller hatte als 16-Jähriger erstmals von dieser Bluttat erfahren, als unsere Zeitung eine Artikelserie von Ludwig Hecker darüber veröffentlichte. "Es war schon ziemlich schauerlich, was ich da gelesen habe, das hat mich aber gleichzeitig sehr stark fasziniert", erzählt der heute 83-Jährige. Das hängt nicht zuletzt mit seiner Lebensgeschichte zusammen. Müller stammt aus Hirnstetten im Kreis Eichstätt. "Ich bin auf einem Bauernhof mit Schreinerei aufgewachsen, der in der Größenordnung mit Hinterkaifeck übereinstimmt. 16 Stück Vieh im Stall, Ochsengespann, Wald und Ackerland gleich groß." Nach seinem Schulabschluss erlernte der junge Konrad den Schreinerberuf, arbeitete zugleich auf dem elterlichen Anwesen, versuchte sich zwischendurch als Bäcker und landete 1954 schließlich beim Bundesgrenzschutz. Kurz sei er sogar einmal als Personenschützer im Bundeskanzleramt in Bonn eingesetzt gewesen, erinnert er sich. Doch "sein" Bayern fehlte ihm, 1964 wechselte Müller zur Polizei nach Dachau und ließ sich 1968 nach Ingolstadt versetzen. Die meiste Zeit seines Berufslebens war er beim Erkennungsdienst der Kriminalpolizei tätig, geografisch auch zuständig für den Neuburg-Schrobenhausener Raum.
 
Auch das Bild von dem Hof stammt von Müller. Heute erinnert nur noch ein Marterl (unten rechts) an die Tat.
Horst Richter


Das Verbrechen von Hinterkaifeck hatte Müller seit der Jugend nie mehr ausgelassen, als Beamter der Ingolstädter Kripo gab es nun die Chance, die Sache auch dienstlich anzugehen. "Ich habe gesammelt, was es nur gab, Aussagen und Fotos ausgewertet und mit den wenigen verbliebenen Zeitzeugen gesprochen." Für den Ermittler steht bald fest: Auf dem Einödhof muss es große Spannungen gegeben haben, vor allem wegen des inzestuösen Verhältnisses des alten Bauern Andreas Gruber mit seiner Tochter Viktoria. "Das kann seiner Frau nicht verborgen geblieben sein." Und welche Rolle spielte der Ortsführer Lorenz Schlittenbauer aus dem nahen Gröbern, dem eine Beziehung zu Viktoria nachgesagt wurde?

Müller sieht drei mögliche Motive: "Es könnte die Tat eines aus der Nervenklinik Günzburg entkommenen Geisteskranken gewesen sein." Ein kurz vor dem Mord ausgebrochener Straftäter habe nie gefasst werden können. Aber es komme auch ein Raubmord infrage, die Grubers hätten erhebliche Mengen Geld im Haus aufbewahrt. Auf dem Doppelbett des Ehepaars sei eine leere Brieftasche gelegen - ein Hinweis auf das Motiv oder nur eine fingierte Spur?
 
Heute erinnert nur noch ein Marterl an die Tat.
Horst Richter


"Es könnte aber auch Rache wegen der Blutschande gewesen sein, verübt durch den vielleicht doch nicht im Ersten Weltkrieg gefallenen Ehemann der Viktoria Gabriel", sagt Müller. An diese Version glaubt er freilich am wenigsten, zumal der auf dem Schlachtfeld Getötete von zwei Schulkameraden identifiziert worden sei. Ob es doch der Ortsführer aus Gröbern war? Konrad Müller hat zwar eine Meinung dazu, nimmt dessen Namen im Zusammenhang mit dem Mord aber nicht in den Mund. "Es wäre vermessen zu behaupten, dass Lorenz Schlittenbauer der Täter war, denn es lässt sich nicht belegen." Es gibt einige Indizien, aber eben keine Beweise, und so legt er sich in seinen Akten nicht wirklich fest.

Der letzte noch lebende Sohn Schlittenbauers hatte sich stets dagegen verwehrt, den Vater als Mörder zu bezeichnen. "Körperlich wäre er gar nicht in der Lage gewesen, so ein Verbrechen zu begehen", sagte er einmal gegenüber unserer Zeitung. Der Vater habe an schwerem Asthma gelitten, da sei ihm schnell die Luft ausgegangen.

Ansgar Reiß vom Bayerischen Armeemuseum in Ingolstadt, zu dem das Polizeimuseum gehört, freut sich jedenfalls über die Unterlagen des Ex-Kriminalers, zumal zurzeit eine vielbeachtete Ausstellung zu Hinterkaifeck in seinem Haus läuft. "Es ist aber nicht unsere Aufgabe, den Täter zu präsentieren. Wir wollen vielmehr ein Fenster in die Vergangenheit öffnen und den Besuchern zeigen, wie das Leben damals war. " Der Fall Hinterkaifeck bleibt also weiter ungeklärt.