Augustinerkirche Ingolstadt vor Zerstörung
Die Augustinerkirche war vor ihrer Zerstörung ein Kleinod des bayerischen Rokoko. Das Bild, das die Katholische Erwachsenenbildung (KEB) reproduziert hat, zeigt die Ansicht von der Schutterstraße aus.
KEB Ingolstadt
Ingolstadt

Die Untere Franziskanerkirche, wie die Augustinerkirche im Volksmund auch genannt wurde, zählte zu den bedeutendsten Werken Johann Michael Fischers. Der im Jahr 1736 begonnene Kirchenbau ersetzte die einstige Schutterkapelle. Die dort verehrte Marienstatue, die Schuttermutter, eine spätgotische Marienstatue aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts, erfreute sich einer derart großen Beliebtheit, dass ein größerer Bau erforderlich wurde.

Allerdings hatten die Augustiner-Eremiten der Verehrung damals durchaus etwas nachgeholfen. Um die Wallfahrt zur Schuttermutter zu fördern und so die Einnahmen durch den Ablass zu erhöhen, streuten die frommen Männer eine frei erfundene Legende, wonach besagte Madonna im späten 14. Jahrhundert durch die örtlichen Juden geschändet worden war. Nachdem man der Figur den Kopf abgeschlagen und die Teile in die Donau geworfen habe, sei die Statue auf wundersame Weise am Ufer der Schutter angespült worden. Die Taktik ging auf, die neue Anlage bestand nicht nur aus der Kirche, sondern aus einem vierflügeligen Konventbau und einem Garten und umfasste einen kompletten Häuserblock zwischen der Augustinergasse im Norden, der Mautstraße im Osten und der Schutterstraße im Süden.

Augustinerkirche Ingolstadt nach Bombenangriff
Im April 1945 sank das Gotteshaus bei einem alliierten Bombenangriff in Schutt und Asche. Ein Wiederaufbau erfolgte nicht, die Ruine wurde einige Jahre nach dem Krieg beseitigt, dazu wurde ein Parkplatz angelegt. An der Stelle von Kirche und Kloster befindet sich heute der Viktualienmarkt.
Hans Fegert
Ingolstadt

Die Zerstörung der Augustinerkirche, bei der auch die Deckenfresken von Johann Baptist Zimmermann zerstört wurden, und der Tod von insgesamt mehr als 100 Menschen war militärisch völlig sinnlos. „Eigentlich war für den 9. April 1945 gar kein alliierter Luftangriff auf Ingolstadt geplant“, weiß der Heimatforscher Hans Fegert. Die Bomberformationen, die an diesem Nachmittag beinahe pausenlos das Stadtgebiet überflogen, hatten Flugplätze, Tankanlagen und Munitionsfabriken in Süddeutschland zum Ziel. Die beiden diensthabenden Luftbeobachter auf dem Pfeifturm, Clemens Widmann und Karl Wich, waren daher überzeugt, dass die Gefahr für Ingolstadt gebannt sei. „Doch um 17.15 Uhr scherten plötzlich zehn B-17-Bomber aus dem Pulk aus und flogen in einer Kehrtwende zurück. Aus einer Höhe von etwa 2500 Metern setzte eines dieser Flugzeuge über dem Altstadtgebiet ein Rauchmarkierungszeichen. Die übrigen aus südwestlicher Richtung einfliegenden neun Bomber lösten daraufhin in nur einer Minute, von 17.17 Uhr bis 17.18 Uhr, vollkommen planlos ihre verhältnismäßig geringe Restlast von nur 29 Tonnen Spreng- und Brandbomben aus“, schreibt Fegert.

Weite Gebiete mit Schwerpunkt um den Rathausplatz verwandelte dieser Luftangriff in eine Trümmerlandschaft. Mehrere Volltreffer auf die im Jahre 1736 von Johann Michael Fischer erbaute Augustinerkirche verursachten den schwersten Verlust. Im Keller dieser Rokokokirche, der in Bevölkerungskreisen wegen seiner Lage unter dem Hochaltarraum als besonders sicher eingeschätzt wurde, fanden 73 Schutzsuchende, überwiegend Flüchtlinge aus Pommern, den Tod. Nur eine junge Frau, die durch ständige Klopfzeichen auf sich aufmerksam machte und erst nach zehn Stunden geborgen werden konnte, überlebte diese Katastrophe.

Messingtafel Augustinerkirche Viktualienmarkt
Eine Messingtafel erinnert an die Opfer des Bombenangriffs.
Eberl
Ingolstadt

Der Franziskanerpater Albert Reischl, der sich während des Angriffes nicht in den Schutzraum begab, sondern oben im Klosterrefektorium ausharrte, um im Rundfunk den aktuellen Luftlagebericht zu verfolgen, überlebte den Angriff ebenfalls. Glück im Unglück hatten einige Ordensbrüder, die sich zum Zeitpunkt des Angriffs an anderen Stellen in der Stadt aufhielten.

Die Bergung der Leichen gestaltete sich als besonders schwierig und nahm Monate in Anspruch, der bereits stark verweste Leichnam des Paters Guardian Rupert Binning konnte erst am 24. Juni 1945 geborgen werden.

Ähnlich schwerwiegend war die Zerstörung des Heilig-Geist-Spitals. Da sich der Luftschutzkeller des Altenheimes unmittelbar neben der an dieser Stelle unterirdischen Schutter befand und dadurch im Falle eines Bombentreffers die Gefahr einer Überflutung bestanden hätte, mieden fast alle Heimbewohner diesen Schutzraum. Deshalb harrten sie während des Bombardements überwiegend in ihren Zimmern oder im Treppenhaus aus. Von den knapp 100 betagten Menschen kamen schließlich 16 Personen um.

Weitere Sprengkörper zerstörten das ehemalige Gouvernementsgebäude mit dem historischen Salzstadel, das Stadttheater am Rathausplatz, das neue städtische Verwaltungsgebäude an der Schäffbräustraße, die neue Donauhalle an der Tränktorstraße, das Roli-Kino sowie zahlreiche Wohn- und Geschäftshäuser im Bereich von Rathausplatz, Donaustraße, Münzbergstraße und Schäffbräustraße. Vom Pfeifturm aus musste der Luftschutzbeobachter Clemens Widmann hilflos mit ansehen, wie nur wenige Meter unter ihm sein Bekleidungsgeschäft am Rathausplatz in Schutt und Asche fiel.

Aus den Trümmern im Stadtgebiet wurden weitere 30 Leichen geborgen, über 100 Menschen trugen schwere Verletzungen davon. Mehr als 1000 Ingolstädter waren obdachlos geworden.

Augustinerkirche Viktualienmarkt
In den Bombennächten hatten die Ingolstädter im Keller der Kirche Schutz gesucht. Mit Pflastersteinen wurde bei der Gestaltung des Viktualienmarktes ein Umriss des zerstörten Baus nachempfunden.
Eberl
Ingolstadt

Dass dieser Angriff auf Ingolstadt nicht geplant war, zeigen laut Heimatforscher Fegert Berichte der US-Luftwaffe. Auch der Militärbahnhof, der an der Stelle des heutigen Stadttheaters lag, kann kein Ziel gewesen sein: Er war seit dem Ersten Weltkrieg schon militärisch bedeutungslos. Vielmehr war es so, dass sich die Flugzeuge nach den Angriffen ihrer Bombenlasten entledigten, um Sprit zu sparen und ihre Flughäfen zu erreichen. In den letzten Kriegsmonaten geschah dies nicht selten auch über bewohntem Gebiet, um die Moral der Bevölkerung zu zerstören.

1950 wurden die Ruinen der Kirche nach einigen Diskussionen abgerissen. An ihrer Stelle steht heute der Ingolstädter Viktualienmarkt. Pflastersteine markieren auf dem Boden die Umrisse der Kirche, und die Bäume zeichnen die Form der Apsis nach.