Dietfurt: Der "Panzertöter" aus Vogelthal
Die Wucht der Detonation war so gewaltig, dass der tonnenschwere Turm (r.) von Michael Wittmanns Panzer mehrere Meter weggeschleudert wurde. - Fotos: Stadtarchiv Dietfurt
Dietfurt

Am Ende der Schlacht nahe der nordfranzösischen Kleinstadt Villers Bocage brannten mehr als 20 Panzer, mehrere Hundert britische Soldaten starben. Dem SS-Obersturmführer aus der Oberpfalz gelang trotz der alliierten Übermacht die Flucht. Zwar blieb sein Panzer nach einem Kettentreffer liegen. Doch Wittmann und seine Besatzung schlugen sich 15 Kilometer zu Fuß zu den eigenen Verbänden durch. Nur sieben Tage nach der Landung der Alliierten in Frankreich konnte die Nazi-Propaganda ein militärisches Husarenstück feiern. Bis dahin war der Vormarsch der amerikanischen, britischen und kanadischen Truppen nahezu reibungslos verlaufen. Doch Wittmann hatte im Alleingang den ersten Sturm auf die Stadt Caen verhindert. Am 22. Juni wurde ihm als 71. Soldaten der Wehrmacht das Eichenlaub mit Schwertern zum Ritterkreuz verliehen. Bis zu diesem Tag hatte der bereits zuvor hoch dekorierte SS-Offizier 138 Panzer und 132 Panzerabwehrkanonen vernichtet. Denn zuvor an der Ostfront hatte er bei der Schlacht im Kursker Bogen aufsehenerregende Abschusszahlen erzielt. Der Mythos des „erfolgreichsten Panzerkommandanten des Zweiten Weltkrieges“ war geboren.

Wittmann wurde von der Maschinerie des Propagandaministers Joseph Goebbels zum „Panzertöter“ und „Panzerhelden“ verklärt. Er verkörperte präzise den von den Nationalsozialisten beschworenen Typus des germanischen Übermenschen: aus dem einfachen Volk kommend, blond, gutaussehend, wortkarg und mutig. Seine Popularität war enorm. Auf der Straße sprachen ihn Schulkindern nach Autogrammen an. Im Februar 1944 wurde ihm im Geburtsort Vogelthal ein begeisterter Empfang zuteil und er wurde zum Ehrenbürger ernannt.

Die Aushändigung des Ehrenzeichens erfolgte am 25. Juni 1944 auf dem Berghof durch Adolf Hitler. Der Diktator soll sich lange mit Wittmann unterhalten haben, um sich über die militärische Lage in Nordfrankreich zu informieren. Hitler soll Wittmann vorgeschlagen haben, nicht mehr an die Front zurückzukehren. Stattdessen sollte der Bayer seine Erfahrungen im Panzerkampf an einer Truppenschule an junge Soldaten weitergeben.

Nach seiner Reise zum Berghof besuchte der inzwischen zum SS-Hauptsturmführer (Hauptmann) beförderte Offizier seine Frau. Er hatte die bildhübsche Hildegard Burmester am 1. März geheiratet. Er beschloss, nicht als Taktiklehrer an eine Schule zu gehen. Obwohl er die enorme Materialüberlegenheit der Alliierten in der Normandie mit eigenen Augen gesehen hatte, fuhr Wittmann zu seiner Einheit zurück. Am 7. Juli verabschiedete er sich von seiner Frau.

Nur einen Monat später, am 8. August, wurde Wittmanns Kampfmaschine nahe der Ortschaft Cintheaux von kanadischen Panzern unter Feuer genommen. Das Stahlungetüm erlitt einen Volltreffer. Die Granaten im Inneren explodierten. Die Wucht der Detonation war so gewaltig, dass der tonnenschwere Turm des Tiger-Panzers mehrere Meter durch die Luft geschleudert wurde. Michael Wittmann dürfte sofort tot gewesen sein, auch von seiner vierköpfigen Besatzung konnte sich niemand retten.

70 Jahre nach Kriegsende ist Wittmann nicht nur Militärhistorikern immer noch ein Begriff. Sein englischer Wikipedia-Eintrag ist weitaus umfangreicher als sein deutscher. Zwei Hefte der Reihe „Der Landser“ wurden über ihn geschrieben. Der amerikanische Autor Gregory T. Jones hat ihn mit dem Buch „Panzerheld – The Greatest Tank Commander of World War Two“ literarisch verewigt. Auch das bilderstarke 350-Seiten-Werk „Michael Wittmann und die Tiger der Leibstandarte SS Adolf Hitler“ widmet sich in umfangreichen Passagen dem Leben des Oberpfälzers. Der Autor versteigt sich in dem 1994 erschienenen Buch sogar zu der Behauptung, dass der 8. August 1944 „der schwärzeste Tag in der Geschichte der Tigerabteilung der Leibstandarte“ gewesen sei. Wittmanns Tod habe eine „nie mehr zu schließende Lücke gerissen“, aber sein Mythos sei nicht erloschen.

Ist die Legende um den kühnen Panzersoldaten, der den Heldentod starb, gerechtfertigt oder nur ein dauerhafter Erfolg des nationalsozialistischen Propagandaapparates? Michael Wittmann wurde am 22. April 1914 in Vogelthal geboren, heute ein Ortsteil von Dietfurt (Kreis Neumarkt). Er entstammte einem alteingesessenen bayerischen Bauerngeschlecht. Seine Eltern Ursula und Johann Wittmann betrieben eine Landwirtschaft. Die Familie zog häufig um, lebte unter anderem in Niederwöhr, in der Gemeinde Münchsmünster, in Sausthal bei Ihrlerstein im Kreis Kelheim, in Rammersberg bei Velburg im Kreis Neumarkt sowie in Ingolstadt. Nach der Volksschulzeit schlug sich Wittmann mit Arbeiten in der Landwirtschaft und in einer Molkerei durch. Im Oktober 1934 trat er in Freising freiwillig der Wehrmacht bei, die allgemeine Wehrpflicht war damals noch nicht eingeführt. Er diente bis 1936 bei der Infanterie, danach war er kurz als Bahnarbeiter in Reichertshofen tätig.

Am 1. November 1936 bewarb er sich erfolgreich um die Aufnahme in die SS und gehörte der 92. Ingolstädter SS-Standarte an. Nur vier Monate später ging er als Mitglied der Leibstandarte SS Adolf Hitler nach Berlin. Er trat auch der Nazi-Partei NSDAP bei. Der Bauernbub aus ärmlichen Verhältnissen nutzte die Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg, die ihm Hitlers Regime bot.

Ob Wittmann tatsächlich ein fanatischer Nationalsozialist war, ist unklar. Verbürgt ist, dass er sich an der Ostfront für die Versorgung verwundeter sowjetischer Soldaten eingesetzt hat – die nach Überzeugung der Nazis eigentlich „Untermenschen“ waren. Andererseits war die Leibstandarte SS Adolf Hitler in zahlreiche Kriegsverbrechen verstrickt. Auch blanker Hass scheint ein Treibsatz für Wittmanns Handeln gewesen zu sein. So schreibt er in einem Brief: „Die Angloamerikaner haben uns das Hassen gelehrt. (…) Meine Soldaten wünschen nur noch eines. Den Tommy und Amerikaner endlich einmal vor die Rohre zu bekommen. Wir kennen nur noch eine Parole und diese heißt Rache!“

Kampfgefährten schildern Wittmann als ruhig, introvertiert, bescheiden und rational handelnd. Er habe detailversessen Karten studiert und Taktiken entwickelt. Alkohol habe er abgelehnt und keine Arbeit gescheut. Seine Untergebenen bezeichneten ihn als hart, aber gewissenhaft und fair. Dass er mit seinem soldatischen Talent nur die Dauer eines zutiefst verbrecherischen Regimes verlängern half, dürfte ihm wahrscheinlich nie bewusst geworden sein. Der Mann aus Vogelthal kämpfte zwischen 1939 und 1944 an nahezu allen deutschen Kriegsschauplätzen: Polen, Frankreich, Balkan, Sowjetunion und schließlich wieder Frankreich, wo er seine letzte Schlacht focht.

Seine sterblichen Überreste wurden am Rand der Nationalstraße von Caen nach Falaise in 40 Zentimeter Tiefe verscharrt. Im Jahr 1983 fand man dort mehrere Skelette, Wittmann konnte anhand des Zahnschemas, seiner Dienstpistole und der Kleidung zweifelsfrei identifiziert worden. Seine Witwe erlebte die Umbettung auf den Soldatenfriedhof La Cambe an der Landeküste der Normandie noch. Sogar frühere Gegner erweisen bis heute diesem Grab die letzte Ehre.