Schrobenhausen: Als der Krieg nach Schrobenhausen kam
Ein normales Bild in den Tagen des Kriegsendes 1945 in Schrobenhausen: ein GI in der Stadt. In diesem Fall ist es US-Soldat Bill Ellis, der gerade zum Stümpfle in der Lenbachstraße geht - Foto: Archiv Rödig
Schrobenhausen

Schrobenhausen war damals ein Städtchen, das bei Kriegsbeginn gerademal 5193 Einwohner zählte. Mehr als 400 von ihnen wurden Opfer des Krieges. Zu einer kriegerischen Auseinandersetzung von Nazi-Soldaten und alliierten Truppen kam es in Schrobenhausen nur einmal: Am 28. April 1945 bei Mühlried.

27. April 1945

In den Tagen davor hatten die US-Truppen immer wieder Aufklärungsflugzeuge geschickt, vor allem entlang der heutigen B 300, der Hauptverbindungsstraße zwischen Augsburg und lngolstadt. Bei Tage war das Befahren der Straße praktisch unmöglich geworden. Jedes Fahrzeug, sogar Fußgänger, wurden sofort aus der Luft angegriffen. Es gab zahlreiche Tote und Verwundete.

In Mühlried traf am späten Abend des 27. April ein aus den verschiedensten Truppenteilen zusammengewürfelter Haufen von etwa 25 Mann ein. Der jüngste Soldat war gerade 17 Jahre alt. Wie überliefert ist, waren die Landser müde und abgekämpft, und die meisten hatten nicht Widerstand, sondern das eigene Überleben im Kopf. Sie wollten versuchen, am nächsten Tag in südlicher Richtung auszuweichen, um einer drohenden Gefangennahme zu entgehen.

Nur einige von ihnen begaben sich am Morgen des 28. April 1945 zur Paarbrücke an der Donaumühle. Der Befehl, den sie einige Tage davor erhalten hatten, lautete, die Brücke zu sprengen. Es war höchste Zeit, denn die Amerikaner näherten sich unaufhaltsam vom Norden und vom Westen her. Doch hatten die Soldaten nicht mit dem Mut einiger Schrobenhausener gerechnet, die sich ihnen entgegenstellten.

Die Sprengladungen waren schon angebracht, da verstrickte der spätere Schrobenhausener Bürgermeister Fritz Stocker die Soldaten in lange Verhandlungen. Währenddessen wagte sich Wilhelm Gollwitzer auf die Brücke und durchschnitt mit einem Messer die Zündschnüre. Mit Hilfe des Bohrmeisters Michael Schreier und einigen anderen Männern entfernte er die Sprengladungen.

Als ein SS-Offizier feststellte, was geschehen war, alarmierte er die gesamte Untere Vorstadt. Doch die Schrobenhausener hielten zusammen. Die Nazis stießen beim Versuch, die Täter ausfindig zu machen, gegen eine Mauer des Schweigens.

Kurze Zeit später brachte ein weiteres NS-Sprengkommando eine zweite Ladung an. Fritz Stocker beobachtete die Soldaten von seiner Wohnung aus und vereitelte auch diese Sprengung. Nach Augenzeugenberichten muss er auf die Straße gestürzt sein und gebrüllt haben: „Die Amerikaner kommen!“ Die deutschen Soldaten ergriffen darauf die Flucht, gingen in Deckung, und die Brücke blieb stehen.

Der Schrobenhausener Heimatforscher Georg August Reischl hält in seinem Tagebuch am 3. Mai fest: ,,Bauern verstecken immer noch Wehrmachtssoldaten, Offiziere, ohne sich der Tragweite dieser Gastfreundschaft bewusst zu sein.“ Im Gröbener Forst sichtet er am 4. Mai noch zahlreiche Stapel schwerer Artilleriemunition, russische 15,2-cm-Granaten und weiß dazu: ,,Diese Artillerie sollte am 27./28. April zwischen Aresing und Schrobenhausen auffahren und alles bei uns unter Beschuß nehmen.“

28. April 1945

In den Wäldern am Mahlberg hielten sich einige Soldaten auf, manchen von ihnen gelang es, sich rechtzeitig vor dem anrückenden Feind in Sicherheit zu bringen.

Die amerikanischen Truppen standen an jenem 28. April 1945 vor Mühlried. Dort war schon das Kettengerassel der aus Königslachen nahenden amerikanischen Panzer zu hören. Als die amerikanischen Spitzen die Ortschaft erreichten, verließen die letzten deutschen Soldaten die damals 600 Einwohner zählende Gemeinde und hasteten in Richtung des Rieder Holzes davon.

In Schrobenhausen hatte man mit gemischten Gefühlen auf das Eintreffen der Panzer gewartet. Viele Bewohner gingen vorsichtshalber in die Keller ihrer Häuser oder suchten, wie etwa am Kellerberg, die relativ sicheren Bierkeller auf. Viktoria Baum jedoch beschloss noch am Morgen des 28. April, mit ihrer sieben Jahre alten Tochter Erni sowie dem acht Jahre alten Sohn Albrecht ihres Schwagers Adolf Baum nach Gröbern zu fliehen, wo ihr Elternhaus steht. Sie glaubte, dort eher in Sicherheit zu sein als in der Stadt. Sie machte sich mit dem Fahrrad auf und gelangte genau zu der Zeit an den Waldrand am Mahlberg, als die amerikanischen Panzer auf die dortigen deutschen Soldaten trafen.

Ein schwarzer Soldat, der die Frau mit ihren Kindern sich nähern sah, rief ihr aus einem der Panzer zu: ,,Frau, zurück!“

Dann brach eine wilde Schießerei los, die 13 deutsche Soldaten das Leben kostete. Wer das schützende Wäldchen noch nicht erreicht hatte, warf sich auf den Boden und suchte Schutz in den Ackerfurchen. Nur wenigen gelang es, aus dem Schussbereich zu kommen.

Nach Viktoria Baums Erinnerung waren es die Deutschen, die das Feuer auf die Panzer eröffneten. Ihre Schilderung dieses Ereignisses deckt sich, was den Anlass für dieses einseitige Gefecht betrifft, mit den Aussagen einer zweiten Augenzeugin, Anni Mair aus Westerbach.

Der Zuruf der Panzerbesatzung hatte Viktoria Baum nach ihrer eigenen Überzeugung wahrscheinlich das Leben gerettet, denn sonst wäre sie wohl mitten in die Schusslinie geraten. Aus dem Gefühl heraus, hier nicht nur durch menschliche Hilfe aus tödlicher Gefahr gerettet worden zu sein, stiftete sie etwa ein Jahr später ein großes Betonkreuz und ließ es in der Nähe aufstellen. Der Text darauf lautet: ,,Gott der Herr hilft allen, die ihn um Gnade bitten. Gelobt sei Jesus Christus. April 1945.“ Es steht heute noch gut sichtbar am Beginn des Spargelwanderwegs am linken Waldrand am Mahlberg.

Als das Gefecht zu Ende war, rückten die Panzer vor, erreichten bald die Hauptstraße, zogen als Sieger ein, bedienten sich bei Wertgegenständen. Viele Mühlrieder berichten, dass sich die US-Boys auf der Straße ausgelassen gegenseitig mit Eiern bewarfen.

Stunden vergingen, ehe sich die ersten Verwundeten an die Häuser herangeschleppt hatten. Lange wagte sich kein Mühlrieder aus dem Haus. Niemand wusste, wie sich die den ganzen Tag über durch die Straßen ziehenden amerikanischen Truppen verhalten würden.

Einige beherzte Männer ließen es sich aber nicht nehmen, nach den Soldaten zu sehen. Vor allem die Mühlrieder Kraitmaier und Schmidmaier, die ausgebildete Sanitäter des Roten Kreuzes waren, stellten ihr Pflichtgefühl über andere Bedenken. Sie versorgten die Verwundeten und sorgten für den Abtransport ins Schrobenhausener Krankenhaus, das damals als Lazarett diente.

Erschüttert aber standen die Helfer vor den Leichen der 13 jungen Soldaten. Zwar hatte Mühlried den Verlust von 40 Söhnen, die im Feld starben, zu beklagen, jetzt aber sahen sie leibhaftig am letzten Kriegstag die ersten Kriegstoten.

Erst Tage später waren alle Toten identifiziert, sie stammten aus allen Teilen Deutschlands. Auch der jüngste Soldat, der erst 17-jährige Johann Rauch aus Kaufbeuren hatte das Massaker nicht überlebt. Nur einer der getöteten Soldaten konnte nicht identifiziert werden. Alle 13 wurden auf dem Mühlrieder Friedhof an der Sankt-Ursula-Kirche unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt. Im Laufe der Jahre wurden die Leichname einiger Gefallener in die Heimat übergeführt. Die restlichen Soldaten aber haben in Mühlried ihre letzte Ruhe gefunden.